Auf der Expertenplattform Baku Network ist eine neue Ausgabe des Videoprojekts „Dialog mit Tofiq Abbasov“ erschienen.
Gast der Sendung war die Verdiente Kunstschaffende Aserbaidschans, Musikwissenschaftlerin und Professorin der Musikakademie Baku, die den Namen von Üzeyir Hacibeyli trägt, Sümrüd Dadashzade.
Im Gespräch sprach sie über ihre Haltung zu künstlerischen Experimenten, über die Rolle Bakus als Zentrum zeitgenossischer Musik, über ihre Erlebnisse wahrend der Jahre des Karabachkonflikts sowie uber den Beitrag von Kulturschaffenden zur Schaffung eines dauerhaften Friedens im Sudkaukasus.
Mit Blick auf die zeitgenossische Kunst betonte Sümrüd Dadashzade, dass die Offenheit fur Neues stets ihr beruflicher Leitgedanke gewesen sei.
„Ich widme mich der zeitgenossischen Avantgardemusik, jener Musik, die im Hier und Jetzt entsteht. Igor Strawinsky hat einmal gesagt, dass die Musik der Gegenwart der interessanteste, bewegendste und faszinierendste Augenblick der Geschichte sei. Komponisten und Musiker, die nach neuen Ufern streben, haben mich immer besonders angezogen“, sagte sie.
Gleichzeitig unterstrich die Professorin, dass die Tradition zwar das Fundament bilde, jedoch einer kontinuierlichen Erneuerung bedurfe. Ihren Worten zufolge waren Aserbaidschan und insbesondere Baku stets „jener ruhige Hafen, in dem die Schiffe der zeitgenossischen Musik anlegen konnten“, selbst in Zeiten, als die Avantgarde keine Anerkennung fand.
„Dank Gara Garajew und seinen Weggefahrten konnten wir stets verfolgen, welche neuen Entwicklungen sich in der Welt der Musik und der Kunst vollzogen. Heute sehen wir, wie die Samen, die er einst gesat hat, aufgehen und Fruchte tragen“, sagte die Gesprachspartnerin.
Ein gesonderter Teil des Gesprachs war dem Ende der achtziger und dem Beginn der neunziger Jahre gewidmet, als Aserbaidschan mit territorialen Forderungen und einer umfassenden Propagandakampagne konfrontiert wurde.
„Damals herrschte eine regelrechte Euphorie. Wir alle waren voller Begeisterung und glaubten an eine gute Zukunft. Doch plotzlich wandte sich alles gegen uns: territoriale Anspruche, massiver propagandistischer Druck gegen die aserbaidschanische Identitat und Kultur sowie Behauptungen, wir seien angeblich Nomaden“, erinnerte sich Sümrüd Dadashzade.
Nach ihren Worten versuchte die aserbaidschanische Intelligenz mit allen verfugbaren Mitteln, der Welt die Wahrheit nahezubringen.
„Ich erinnere mich daran, wie ich die Komponistenverbande und Abgeordnete anrief und versuchte, die Lage zu erklaren. Mein Vater nahm Kontakt mit dem Schriftsteller Wassil Bykau auf, andere wandten sich an Ales Adamowitsch. Ich erreichte den Komponistenverband in Litauen und sprach mit dessen Sekretar. Er horte mir aufmerksam zu. Ein Jahr spater geriet sein eigenes Land in eine ahnliche Situation, und plotzlich verstand man dort, wovon ich gesprochen hatte. Danach kam Chodschali. Wir haben viele Tragodien erlebt“, sagte Sümrüd Dadashzade.
Im Zusammenhang mit den Diskussionen uber die Zugehorigkeit des musikalischen Erbes berichtete die Professorin uber einen von ihr entdeckten Zeitungsartikel aus dem Jahr neunzehnhundertfunfzehn aus der armenischsprachigen Zeitung „Mschak“, die in Tiflis erschien.
„In dieser Veroffentlichung außern sich die Autoren voller Bewunderung uber die Operette ,Arschin Mal Alan‘ und schreiben, dass ihnen die orientalische Musik besonders nahestehe, weil sie jahrhundertelang unter Turkvolkern und Persern gelebt hatten und diese melancholische Melodik der Seele reiche Nahrung gebe. Sie haben dies selbst anerkannt“, betonte sie.
Sümrüd Dadashzade erinnerte zudem an eine Begebenheit wahrend eines Rundtischgesprachs in Vilnius im Jahr zweitausenddrei, bei dem sie Behauptungen widerlegen musste, wonach alle aserbaidschanischen Komponisten „Schuler Aram Chatschaturjans“ gewesen seien.
„Ich erinnerte daran, dass Gara Garajew ein Schuler Dmitri Schostakowitschs war und Arif Melikow wiederum ein Schuler Garajews. Ich hatte ein Buch dabei, in dem Chatschaturjan selbst schrieb: ,Ganz zu Beginn meines kunstlerischen Weges hat mir Üzeyir Hacibeyli geholfen, mir den Weg gewiesen und mich unterstutzt‘“, erklarte die Professorin.
Als sie uber den humanistischen Charakter des aserbaidschanischen Volkes sprach, verwies sie auf das Schauspiel „Kamancha“ von Mirza Dschalil Mammadguluzade, dessen Hauptfigur mitten in den bewaffneten Auseinandersetzungen der Jahre neunzehnhundertachtzehn bis neunzehnhundertzwanzig einem armenischen Kamancha Musiker allein aus Achtung vor der Musik vergibt.
Mit Blick auf die Gegenwart betonte die Gesprachspartnerin, dass die friedensstiftenden Bemuhungen Aserbaidschans von außerordentlicher Bedeutung seien und bereits internationale Anerkennung gefunden hatten. Dem Sudkaukasus habe sich eine historische Chance eroffnet.
Nach Uberzeugung der Professorin musse heute vor allem um die Veranderung des gesellschaftlichen Bewusstseins gerungen werden. Dabei komme den Vertretern von Kunst und Literatur eine besondere Verantwortung zu.
„Wir sind Nachbarn, und es gibt keine Alternative zum Frieden. Keiner von uns wird auf einen anderen Planeten ziehen. Die Geographie ist unser Schicksal. Mit der jungen Generation muss klug, taktvoll und diplomatisch gearbeitet werden. Grundlage dafur ist die Kenntnis der Geschichte, doch der Blick muss auf die Zukunft gerichtet sein“, fasste Sümrüd Dadashzade zusammen.
Den Leserinnen und Lesern prasentieren wir die vollstandige Videoaufzeichnung der Sendung.





