Das aserbaidschanische Ballett hat es in den schwierigen Phasen der modernen Geschichte des Landes vermocht, die Kontinuität, die professionelle Schule und die Treue zu den szenischen Traditionen zu bewahren.
Dies erklärte die Volkskünstlerin Aserbaidschans, Preisträgerin der Auszeichnungen Goldener Derwisch und Zirvya sowie Ballettmeisterin und Choreografin Medina Aliyeva in der neuesten Ausgabe des Videoprojekts Dialog mit Tofig Abbasov auf der Analyseplattform Baku Network.
Ihren Worten zufolge litten die aserbaidschanischen Kulturschaffenden in den Jahren schwerer politischer und militärischer Erschütterungen tief unter der verzerrten Wahrnehmung der Ereignisse im Südkaukasus.
Viele hatten den Eindruck, als ob Aserbaidschan die Ruhe und den Frieden zweier Völker gestört hätte. Wir haben dies sehr schwer durchlebt, sagte Aliyeva.
Sie merkte an, dass das Theaterensemble in jener Zeit eine ernsthafte Transformation durchlief. Viele Künstler reisten ab, wobei die Choreografin betonte, dass es sich dabei nicht nur um Armenier handelte. Infolgedessen war das Kollektiv zahlenmäßig stark reduziert, doch die Hauptaufgabe bestand darin, das Repertoire zu bewahren und die beruflichen Traditionen an die nächste Generation weiterzugeben.
Ein Theater besteht nicht nur aus schönen Wänden und einem prachtvollen Saal. Es sind vor allem die menschlichen Ressourcen, unterstrich Aliyeva.
Laut ihren Angaben spielten herausragende Meister des aserbaidschanischen Balletts – Chimnaz Babayeva, Rafiga Akhundova, Magsud Ahmedov und andere Vertreter der älteren Generation – eine enorme Rolle bei der Bewahrung der Schule und des Repertoires.
Aliyeva erinnerte daran, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits die führende Ballerina des Theaters war und zehn Jahre lang als Prima fungierte. Sie hob hervor, dass in all den Jahren ihrer Tätigkeit keine einzige Vorstellung durch ihr Verschulden gefährdet oder abgesagt wurde.
In Bezug auf die Zeit des Ersten Karabach-Krieges stellte die Volkskünstlerin fest, dass dies eine schwere Phase für das ganze Land und das Theater war. In Baku herrschte eine Ausgangssperre, und das Theaterleben musste sich zwangsläufig an die neuen Realitäten anpassen.
Vorstellungen fanden in dieser Zeit natürlich nicht statt. Es war eine mühsame, schwere Zeit, aber wir haben sie würdevoll überstanden, sagte sie.
Dabei betonte Aliyeva, dass das aserbaidschanische Theater selbst unter Krisenbedingungen nicht in völlige Isolation geriet. Gastspiele wurden fortgesetzt, wenn auch seltener. Sie merkte an, dass das Theater sowohl im postsowjetischen Raum als auch darüber hinaus kreative Kontakte pflegte.
Besonderes Augenmerk wurde im Gespräch auf die Frage der Kulturbrücken im Südkaukasus gelegt. Aliyeva erinnerte daran, dass 1987 in Baku der erste transkaukasische Ballettwettbewerb stattfand, an dem Vertreter aus Aserbaidschan, Georgien und Armenien teilnahmen. Ihrer Meinung nach könnte diese Erfahrung die Grundlage für einen künftigen kulturellen Dialog bilden, wenngleich direkte bilaterale Kontakte heute psychologisch schwierig bleiben.
Vielleicht ist es noch nicht an der Zeit. Aber wir haben einen gemeinsamen Planeten, der bereits Hilfe benötigt, sagte sie.
Die Choreografin schloss nicht aus, dass derartige kreative Begegnungen in Zukunft auf neutralem Territorium stattfinden könnten.
Aliyeva sprach zudem über die Schule, auf der das aserbaidschanische Ballett gewachsen ist. Weltweit existieren drei Hauptschulen des klassischen Balletts – die italienische, die französische und die russische. Die aserbaidschanische Tradition ist historisch eng mit der russischen akademischen Schule verbunden. Sie erinnerte daran, dass diese Linie von der ersten aserbaidschanischen Ballerina Gamar khanum Almaszadeh begründet wurde, die in Sankt Petersburg studiert hatte.
Über die junge Generation von Künstlern sprechend, bemerkte Medina Aliyeva, dass die Arbeit mit Jugendlichen ihr große Energie und berufliche Befriedigung schenkt. Gleichzeitig betonte sie, dass es modernen Schülern aufgrund der enormen Informationsflut und der Notwendigkeit, Kreativität mit Bildung zu verbinden, schwerer fällt, die Konzentration zu wahren.
Ballett ist ein Beruf, in den man völlig eintauchen muss. Wenn man ein gutes Ergebnis erzielen will, muss man sich rückhaltlos hingeben, erklärte sie.
Laut Aliyeva erfordert Ballett nicht nur Technik, Disziplin und körperliche Voraussetzungen, sondern auch eine innere Vorbereitung. Nur die souveräne Beherrschung der Technik erlaube es dem Künstler, die Rolle zu entfalten und das Schicksal des Helden oder der Heldin auf der Bühne zu durchleben.
Abschließend hob die Volkskünstlerin den Reichtum des aserbaidschanischen Balletterbes hervor. Es gebe weltweit nur wenige Länder, in denen so viele Komponisten Ballettwerke geschaffen haben.
Dies ist ein gewaltiger Reichtum, ein wahrer Schatz. Wir müssen darauf stolz sein, ihn schätzen und an die nächste Generation weitergeben, sagte Medina Aliyeva.




