Auf der Analyseplattform Baku Network ist eine neue Ausgabe des Videoprojekts „Dialog mit Tofik Abbasow“ erschienen. Im Mittelpunkt standen Fragen der Kultur, der historischen Erinnerung und der aktuellen Herausforderungen für die Staatlichkeit.
Zu Gast war die verdiente Journalistin Aserbaidschans und Trägerin des Shohrat-Ordens, Nadeschda Ismailowa. Im Gespräch schilderte sie ihren Blick auf die Prozesse in der Weltpolitik, auf die Bedeutung publizistischer Arbeit in der Gegenwart und auf die Perspektiven für Frieden in der Region.
Nach Worten von N. Ismailowa ist es Aserbaidschan in den vergangenen Jahren gelungen, ein belastbares Fundament für Stabilität und friedliche Entwicklung in der Region zu schaffen.
„Ist es uns gelungen, eine solide Sicherheitsreserve für die friedliche Ordnung unserer Region aufzubauen? Ja, ich bin überzeugt, dass uns das gelungen ist. Wir haben ein gutes Fundament geschaffen, wir haben uns Autorität erarbeitet, und unsere Beziehungen sind nicht nur zu den Nachbarn gut, sondern reichen weit darüber hinaus“, sagte sie.
Gleichzeitig betonte die Journalistin, dass die globale Lage angespannt bleibe.
„Sie sehen, was heute in der Welt geschieht: so viel Schmerz, so viel Angst, so viel Unruhe. All diese Stürme lassen uns nicht unberührt, sie wirken auch auf uns. Unsere Publizistik ist nicht nur ein Spiegelbild der Realität, sondern auch ein Mittel, sie zu verändern, indem sie Brücken baut statt Mauern“, unterstrich N. Ismailowa.
Mit Blick auf den Friedensprozess im Südkaukasus machte sie auf Versuche äußerer Kräfte aufmerksam, Einfluss auf die Informationsagenda zu nehmen.
„Wir stehen jetzt buchstäblich zwei Schritte vor der Unterzeichnung eines Friedensvertrags. Doch kaum läuft der Prozess in die richtige Richtung, schweben wieder Signale in der Luft, dass der Konflikt nicht von der Agenda verschwindet. Da sorgt sich plötzlich ein betagter britischer Parlamentarier um das Kulturerbe in Karabach und nennt es ‚Bergkarabach‘, obwohl es eine solche Verwaltungseinheit bei uns gar nicht gibt – und das sagt schon einiges über den Kenntnisstand aus. Oder es tauchen Blogger aus Armenien und Israel auf, die über unsere Geschichte sprechen, ohne die Materie wirklich zu verstehen. Das sind gezielte politische Aufträge, die darauf abzielen, den Friedensprozess auszubremsen“, sagte sie.
Nach Ansicht von N. Ismailowa wird in der internationalen Politik oft der wichtigste Aspekt übersehen – das Schicksal konkreter Menschen, die unter Konflikten gelitten haben.
„Große internationale Organisationen – die UNO, die OSZE, der Europarat – beschäftigen sich mit der äußeren Hülle der Politik, denken aber nur selten daran, dass hinter ihren Entscheidungen die persönlichen Geschichten einfacher Menschen stehen. Ich habe sogar begonnen, ein Buch über diese menschlichen Schicksale zu schreiben“, erklärte sie.
Im Verlauf der Sendung erzählte die Journalistin eine tragische Geschichte aus der Zeit des ersten Karabachkriegs – über das Schicksal einer aserbaidschanischen Gefangenen, die schwerste Prüfungen durchstehen musste. Solche menschlichen Dramen, so N. Ismailowa, blieben außerhalb des Blickfelds der Weltdiplomatie, obwohl gerade sie den wahren Preis des Krieges sichtbar machten.
„Und nun antworten Sie mir: Was ist das? Der Sieg des Geistes einer Frau, die kein Kind vom Feind wollte? Oder die Niederlage des Mutterinstinkts, einer Frau, die ihr eigenes Kind tötete?“, sagte sie und betonte, dass solche Geschichten erzählt werden müssten, damit künftige Generationen die Tragödie des Krieges begreifen.
Mit Blick auf die Rolle von Gesellschaft und Medien unter den Bedingungen aktueller Informationsangriffe rief N. Ismailowa zur Geschlossenheit angesichts von Desinformation auf.
„Selbst in jenem Nebel des Krieges, als niemand wusste, wer schuldig war und was zu tun sei, war ich überzeugt, dass uns die Schwierigkeiten zusammenschweißen müssen. Das ist keine Niederlage, das ist die Vorbereitung auf den Sieg. Und auch heute müssen wir uns sammeln und allen Gerüchten und Fälschungen entgegentreten, die gegen Aserbaidschan gerichtet sind“, sagte sie.
Die Journalistin schilderte außerdem eine Episode aus ihrer beruflichen Praxis, die sich während einer Reise in Grenzregionen ereignete.
„Einmal fuhren wir unter Begleitung der Miliz in ein aserbaidschanisches Dorf, das als Enklave von armenischen Dörfern umgeben war. Der Milizhauptmann drückte mir ein Sturmgewehr in die Hand und sagte: ‚Nadeschda chanum, sobald Sie Schüsse hören – hochnehmen und schießen!‘ Dann lief er zu seinem Wagen zurück. Ich rief ihm hinterher: ‚Genosse Oberst, hätten Sie eine Minute? Und worauf muss man hier eigentlich drücken?‘ Ich glaube, in diesem Moment hat sich sein Weltbild verändert“, erinnerte sie sich lächelnd.
Zugleich unterstrich N. Ismailowa, dass der Staat bereit sein müsse, Frieden und Sicherheit zu verteidigen.
Auf die Frage, worin das wichtigste Rezept zur Überwindung von Aggression und Konflikten liege, hob N. Ismailowa die Bedeutung menschlicher Werte hervor.
„Ich bin überzeugt: Nicht die Schönheit wird diese Welt retten, sondern die Güte. Uns fehlt die Fähigkeit, Hoffnung zu schenken statt Angst und Leid. Möge in jedem Haus ein Kult der Güte herrschen, und möge jeder ihn über die Schwelle des eigenen Heims hinaustragen“, sagte sie.
Nach ihren Worten sind es gerade einfache moralische Orientierungspunkte, die eine Gesellschaft verändern können.
Die vollständige Version des Interviews ist auf der Plattform Baku Network im Rahmen des Projekts „Dialog mit Tofik Abbasow“ verfügbar.



