Der Kreml hat erstmals den Preis der ukrainischen Angriffe auf die Ölverarbeitung beziffert. Die Zahl von 2,3 Billionen Rubel wirkt erschreckend, doch die eigentliche Rechnung für abgebrannte Lager, stillstehende Lastwagen und die stromlose Datenwolke von Yandex wird gerade erst ausgestellt.
Am 1. Oktober 2026 tat Wladimir Putin bei der Fragerunde nach seiner Rede auf der Plenarsitzung des Waldai-Klubs etwas, das die russische Führung seit Februar 2022 vermieden hatte. Er nannte den Preis. „Sie haben begonnen, Raffinerien anzugreifen, und offen erklärt, ihr Ziel sei es, unserer Wirtschaft zu schaden. Dieses Ziel haben sie teilweise erreicht, denn nach unseren Schätzungen haben wir etwa 1 Prozent des BIP verloren“, sagte der russische Präsident.
Ein Prozent klingt wie eine Rundungsgröße. Bei einem nominalen BIP, das das Finanzministerium für 2026 mit 232 Billionen Rubel ansetzt, geht es um rund 2,32 Billionen. Das ist mehr als die Hälfte des liquiden Teils des Nationalen Wohlstandsfonds und fast ein Drittel des rekordhohen Haushaltsdefizits. Weder einen Zeitraum noch eine Methodik nannte Putin.
Eine Woche später setzten ukrainische Drohnen binnen vier Tagen drei Rechenzentren von Yandex außer Gefecht. Am Abend des Tages, an dem das letzte von ihnen brannte, verkündete US-Präsident Donald Trump eine „Energie-Waffenruhe“, von der die Beteiligten, nach der Reaktion Kiews zu urteilen, aus seinem Beitrag erfuhren. Der Krieg im Hinterland ist endgültig vom Genre des Frontberichts in das Genre der Buchhaltung übergegangen, und in dieser Buchhaltung tauchen für Moskau Posten auf, die in keinem Haushaltsgesetz standen.
Das Eingeständnis auf dem Waldai-Forum: was Putin sagte und worüber er schwieg
Beginnen wir mit dem Haushalt, denn dort laufen alle Linien zusammen. Am 28. September hob das Finanzministerium seine Schätzung des Defizits des föderalen Haushalts für 2026 auf 7,3 Billionen Rubel oder 3,2 Prozent des BIP an. Das im Herbst 2025 verabschiedete Gesetz hatte 3,8 Billionen und 1,6 Prozent vorgesehen. Der Unterschied beträgt das Doppelte. Decken will das Ministerium von Anton Siluanow die Lücke auf zweierlei Weise: durch die Entnahme von 459 Milliarden Rubel aus dem Wohlstandsfonds, also rund 11 Prozent seines liquiden Teils, und durch eine Ausweitung der Nettokreditaufnahme um 1 Billion auf 5 Billionen Rubel. Zum Vergleich: 2021 erreichte der liquide Teil des Fonds den Rekordwert von 8,66 Billionen Rubel, zum 1. September 2026 waren davon noch etwa 4 Billionen übrig.
Vor diesem Hintergrund erscheinen Putins 2,32 Billionen Rubel nicht mehr als Messfehler, sondern als vollwertiger Ausgabenposten, den niemand bewilligt hat. Das BIP-Wachstum im ersten Halbjahr betrug lediglich 0,6 Prozent. Das verlorene Prozent ist, wenn man Putin glaubt, größer als der gesamte Halbjahreszuwachs der Wirtschaft.
Versuchen wir, die Zahl aufzuschlüsseln. Nach vorliegenden Angaben gab es im ersten Halbjahr 2026 rund 50 erfolgreiche Angriffe auf russische Raffinerien, im Zeitraum Juli bis September etwa ebenso viele. Der August wurde zum Rekordmonat des Krieges: mindestens 22 Schläge gegen die Infrastruktur der Ölverarbeitung. Bezieht man Putins Prozent auf das laufende Jahr, kostet ein durchschnittlicher erfolgreicher Angriff die russische Wirtschaft rund 23 Milliarden Rubel. Die Schätzung ist grob und beruht auf einer Auslegung der Worte aus dem Kreml, doch die Größenordnung gibt sie vor.
Wozu musste Putin überhaupt eine Zahl nennen? Die Antwort liegt in derselben Äußerung. Der Präsident stellte sie in den Rahmen „Angriffe auf zivile Ziele“ und erklärte sogleich, nach den russischen Vergeltungsschlägen habe die Ukraine „jetzt keine Metallindustrie mehr“. Vor uns liegt die klassische Symmetrie des Schadens: die eigenen Verluste einräumen, um die fremden zu rechtfertigen. Am selben Tag nannte Putin Vorschläge „absurd“, ein Ende der russischen Angriffe auf ukrainische Schiffe gegen ein Ende der ukrainischen Angriffe auf Raffinerien einzutauschen. Die Logik wurde offen ausgesprochen: Selbst bei einem Stopp der Angriffe würden die Sanktionen eine Steigerung der Dieselexporte nicht zulassen, während der Druck auf die ukrainische Schifffahrt Kiew empfindlich treffe.
Ich würde diese Äußerung aufmerksamer lesen, als man sie im Saal gelesen hat. Moskau hat zu verstehen gegeben, dass es den Hebel gegen die ukrainischen Häfen höher schätzt als ein Reparaturfenster für die eigenen Werke. Einen solchen Tausch schlägt man aus, wenn man glaubt, länger durchzuhalten als der Gegner.
19 Milliarden für eine Kolonne: warum sich eine russische Raffinerie nicht einfach reparieren lässt
Die Ölverarbeitung nimmt im russischen Fiskalsystem eine paradoxe Stellung ein. Die Haupteinnahmen für den Haushalt liefert das Rohöl, nicht das Benzin. Die Werke erbringen Einnahmen außerhalb des Öl- und Gassektors und beziehen über den Dämpfermechanismus und die negative Verbrauchsteuer mitunter sogar selbst Gelder aus dem föderalen Haushalt. Steht eine Raffinerie still, geht das Öl in den Export, der Haushalt kann im Moment sogar bei der negativen Verbrauchsteuer sparen, und den Hauptschlag tragen der Eigentümer, die Kraftstoffverbraucher und die gesamte Kette der Zwischenhändler. Deshalb liegt der wahre Preis der Angriffe in Reparaturen, Stillständen und Tankstellen, nicht in den Berichten der Staatskasse.
Was eine Reparatur kostet, veröffentlicht das Energieministerium nicht. Indirekt hat die Behörde ihre Arithmetik dennoch offengelegt. In den Jahren 2011 bis 2018 wurden in Russland 95 Anlagen der Sekundärverarbeitung modernisiert und in Betrieb genommen, die Investitionen beliefen sich auf 1,6 Billionen Rubel, also weniger als 17 Milliarden pro Anlage. Von 2019 bis 2026 wurden nur 27 der 40 geplanten Anlagen in Betrieb genommen, wofür 512 Milliarden Rubel aufgewendet wurden. Das ergibt fast 19 Milliarden pro Anlage. Die Zahlen beider Zeiträume bestätigen einander und belegen die Verteuerung, die auch sanktionsbedingt ist.
Der Direktor der Abteilung für den Öl- und Gaskomplex im Energieministerium, Anton Rubzow, räumte seinerzeit ein, dass in den ursprünglichen Modernisierungsprojekten ausländische Technologien dominierten. Das Industrie- und Handelsministerium versuchte, die Importsubstitution zu organisieren, doch die Branche neigt nach seiner Einschätzung weiterhin zu asiatischen Lieferanten. Aus dem Behördendeutsch übersetzt: Die russische Ölverarbeitung wurde auf westlicher Ausrüstung errichtet, repariert werden muss sie mit chinesischer.
Auch aus Unternehmen gibt es Anhaltspunkte. 2023 nahm Gazprom Neft in Omsk einen neuen Komplex für die Primärverarbeitung im Wert von mehr als 66 Milliarden Rubel in Betrieb. Er ersetzte sechs Anlagen der vorherigen Generation, der Ersatz einer einzigen kostete also rund 11 Milliarden. Westliche Branchenanalysten schätzten bereits 2024 den Schaden eines einzelnen Drohnenangriffs auf einige Millionen bis einige Dutzend Millionen Dollar. Damals waren die Schläge punktuell. Im Jahr 2026 haben die Drohnen gelernt, gezielt einzelne Anlagen auszuwählen, und nach wiederholten Angriffen benötigen die Werke bereits eine Generalüberholung.
Eine Generalüberholung dauert mindestens ein halbes Jahr. Die Anlage muss in einem Fachinstitut projektiert, abgestimmt, gefertigt und montiert werden. Nach einem Brand kommen Begutachtung, Demontage verkohlter Konstruktionen und Beseitigung der Folgen hinzu. Mit importierter Ausrüstung ziehen sich die Fristen noch länger hin, und manche Komponenten sind grundsätzlich nicht erhältlich.
Kapotnja brennt am Wahltag: Anatomie der teuersten Reparatur des Landes
Die Moskauer Raffinerie von Gazprom Neft in Kapotnja ist das Symbol der gesamten Kampagne. Das Werk mit einer Kapazität von rund 11 Millionen Tonnen pro Jahr liegt innerhalb der Hauptstadt, unmittelbar neben Wohnvierteln. Nach Branchenschätzungen liefert es etwa 40 Prozent des in Moskau verbrauchten Kraftstoffs und rund 70 Prozent des Benzins und Flugturbinenkraftstoffs im Moskauer Gebiet.
Am 16. Juni 2026 setzte ein Angriff die Primärverarbeitungsanlage AWT-6 außer Betrieb, auf die rund 53 Prozent der Werkskapazität entfielen. Am 18. Juni trafen Drohnen die kombinierte Anlage Euro+ mit den übrigen 47 Prozent. Das Werk verlor seine gesamte Kapazität, an den Tankstellen der Hauptstadt und des Umlands bildeten sich Schlangen. In der Nacht zum 20. September folgte mindestens der vierte Angriff seit Mitte Mai.
Das Datum war nicht zufällig gewählt. Am 20. September endete die dreitägige Stimmabgabe bei den Wahlen zur Staatsduma. Das russische Verteidigungsministerium meldete, in der Nacht seien über den Regionen des Landes, der Krim und dem Schwarzen Meer 1110 ukrainische Drohnen abgeschossen worden, der Gouverneur des Moskauer Gebiets, Andrej Worobjow, dass 249 davon über 17 Bezirken des Gebiets abgeschossen worden seien. Getroffen wurde auch das Heizkraftwerk Nr. 22, das die Raffinerie mit Prozessdampf versorgt. Die Primärverarbeitung wurde vollständig eingestellt, und ab dem 21. September wurden die Erzeugnisse der Moskauer Raffinerie nicht mehr an der Internationalen Rohstoffbörse Sankt Petersburg angeboten.
Der beschädigte Komplex Euro+ war 2020 als Schaufenster der Modernisierung in Betrieb genommen worden. Die Investitionen beliefen sich auf 98 Milliarden Rubel, die Kapazität auf 6 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr. Zum Komplex gehören fünf Prozessblöcke: die Primärverarbeitungsanlage ELOU-AWT-6, die Benzinreformierung, die Hydroraffination von Dieselkraftstoff mit einem Block zur Isoentparaffinierung, die Gasfraktionierung und die Aminregenerierung.
Eine ELOU-AWT-6 lässt sich nicht kaufen. Solche Anlagen werden nicht als Ware von der Stange verkauft, sondern nach individuellem Projekt für ein bestimmtes Werk gebaut. Die öffentlich zugänglichen Richtwerte verteilen sich über verschiedene Jahre und Länder. Eine neue ELOU-AWT-6 in Russland wurde 2012 auf 8,3 Milliarden Rubel geschätzt. Verträge über den Bau von Anlagen mit einem Drittel dieser Kapazität wurden 2017 auf 14 Milliarden veranschlagt.
In Baku ist diese Arithmetik aus erster Hand bekannt. Bereits 2018 kosteten Demontage und Montage der in Betrieb befindlichen ELOU-AWT in der Bakuer Raffinerie Heydar Aliyev, einer Anlage, die dreimal kleiner ist als die Moskauer, 75 bis 80 Millionen Dollar, also 6 bis 7 Milliarden Rubel zum damaligen Kurs. Der Unterschied besteht darin, dass Aserbaidschan die Modernisierung mit offenem Zugang zum Weltmarkt für Ausrüstung durchführte, ohne Sanktionslisten und ohne zwielichtige Zwischenhändler. Moskau ist dieses Luxus beraubt.
Der chinesische Faktor vier: der Sanktionsaufschlag, über den das Energieministerium schweigt
„Der russische Faktor gegenüber China ist vier“, so erklärte ein Marktteilnehmer den Anstieg der Reparaturkosten. Chinesische Ausrüstung kostet bei Lieferung nach Russland das Vierfache des Listenpreises. Europäische Komponenten werden nur in Ausnahmefällen über China eingeführt, zu Preisen, die in der Branche als astronomisch gelten.
Was hinter diesem Faktor steht, zeigen reale Projekte chinesischer Auftragnehmer. Die China Petroleum Engineering & Construction Corporation modernisierte 2016 und 2017 die atmosphärische Destillation einer algerischen Raffinerie für 408 Millionen Dollar im Rahmen eines Generalunternehmervertrags, der auch die Hydroraffination von Naphtha und eine neue Leitwarte umfasste. In der kuwaitischen Raffinerie Al-Zour baute Sinopec Engineering im Konsortium mit der spanischen Tecnicas Reunidas und der koreanischen Hanwha die Hauptanlagen einschließlich der atmosphärischen Vakuumdestillation: ein schlüsselfertiger Vertrag aus den Jahren 2015 bis 2019 über 4,1 Milliarden Dollar, rund 265 Milliarden Rubel. Die chinesische Raffinerie Zhongke mit einer Kapazität von 10 Millionen Tonnen pro Jahr, errichtet zwischen 2017 und 2020, kostete in der ersten Phase etwa 5,6 Milliarden Dollar, rund 360 Milliarden Rubel.
In Kapotnja sind dieselben Prozesse vereint: atmosphärische Vakuumdestillation, Hydroraffination von Diesel und Naphtha, Hydrocracken, Gewinnung von Schwefel aus Schwefelwasserstoff. Nimmt man die chinesischen Preise und multipliziert sie mit dem russischen Faktor drei bis vier unter Berücksichtigung von Logistik, Zoll, Anpassung an russische Normen und Margen der Zwischenhändler, ergibt sich als Untergrenze für die Wiederherstellung der Moskauer Raffinerie nicht weniger als 25 Milliarden Rubel. Die Obergrenze reicht bis an eine halbe Billion. Die Spanne ist gewaltig, doch beide Zahlen erklären, warum Gazprom Neft es nicht eilig hat, einen eigenen Kostenvoranschlag zu veröffentlichen.
Es lohnt sich, an einen Präzedenzfall zu erinnern. Am 14. September 2019 legte ein Angriff mit Drohnen und Marschflugkörpern auf Anlagen von Saudi Aramco in Abqaiq und Churais rund 5,7 Millionen Barrel pro Tag lahm, etwa die Hälfte der Förderung des Königreichs. Schon Ende September meldete das Unternehmen die Wiederherstellung der Produktion. Die Saudis reparierten mit offenem Zugang zu sämtlichen Lieferanten der Welt und mit unerschöpflichen Mitteln. Russland repariert über Zwischenhändler, zum vierfachen Tarif und unter neuen Angriffen, die eintreffen, bevor die vorherige Reparatur abgeschlossen ist.
Die Statistik ist erblindet, aber die Lastwagen lügen nicht
Die Folgen für den Kraftstoffmarkt lassen sich nicht unmittelbar bewerten. Seit dem 29. Mai 2024 veröffentlicht Rosstat keine Daten mehr zur Produktion von Benzin und Diesel. Der Staat, der die Statistik verschlossen hat, verurteilt alle, einschließlich seiner eigenen Behörden, zum Rätselraten.
Die Vermutungen gehen dabei auseinander. Der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte sprach Anfang Juli davon, 42,74 Prozent der russischen Kapazitäten außer Gefecht gesetzt zu haben. Westliche Schätzungen unterschieden für Juli zwischen nominell abgeschalteten Kapazitäten (rund 45 Prozent) und tatsächlich stillstehenden (mehr als 30 Prozent). Der Chef des Russischen Verbands der Industriellen und Unternehmer, Alexander Schochin, nannte Verluste von 25 bis 30 Prozent. Der Branchenkonsens sieht das Verarbeitungsvolumen bei 3,8 bis 4,2 Millionen Barrel pro Tag statt 5,3 bis 5,5 Millionen in den Jahren 2024 und 2025, also 20 bis 25 Prozent niedriger. Die Internationale Energieagentur senkte im September ihre Basisprognose für die kommenden 18 Monate auf etwa 4 Millionen Barrel pro Tag. Die ukrainische Zahl ist aus propagandistischen Gründen selbstverständlich überhöht, Schochins russische Schätzung dagegen vorsichtig, doch beide stimmen im Wesentlichen überein: Das Land hat zwischen einem Viertel und einem Drittel seiner Verarbeitung verloren.
Eine ausgefallene Verarbeitung ist noch kein ausgefallener Verbrauch. Ein Teil des Defizits wird durch Vorräte, Importe, Umleitung von Strömen und stärkere Auslastung der verbliebenen Werke gedeckt. Im Juli räumte Putin ein Defizit ein, das er als nicht kritisch bezeichnete, und ordnete an, die Produktion von Erdölprodukten durch kleine und mittlere Unternehmen schneller auszubauen. Die Anordnung ist vielsagend: Wenn die größten Werke brennen, erinnert sich die Macht an Kleinraffinerien.
Wer wie ich die spätsowjetische Wirtschaft noch erlebt hat, erkennt diesen Reflex wieder. Wird die Statistik unbequem, verschließt man sie, und die Wirklichkeit misst man fortan an indirekten Anzeichen: an der Länge der Schlangen, an leeren Regalen, an den Gesprächen der Fahrer.
Ein unabhängiges Modell prüft die Tiefe der Krise anhand der Unfallstatistik, die mit der Verkehrsdichte zusammenhängt. Im Juli 2026 lag die Zahl der Unfälle um 7,9 Prozent unter dem erwarteten Niveau, nach vorläufigen Augustdaten um 12,4 Prozent. Besonders deutlich ist die Abweichung außerhalb geschlossener Ortschaften, also auf den Fernstraßen. Unter Berücksichtigung späterer Korrekturen schätzte der Urheber des Modells den Rückgang des Benzinverbrauchs im August auf 7,5 bis 10 Prozent.
Der zweite Indikator ist verlässlicher. Das System Platon, das einer Struktur von Igor Rotenberg gehört, erhebt auf föderalen Fernstraßen eine kilometerabhängige Maut für Lastwagen mit mehr als 12 Tonnen Gesamtgewicht. Es arbeitet seit dem 15. November 2015 und berichtet jeweils zum 15. eines Monats. Aus den Berichten des Betreibers lassen sich die monatlichen Zahlungen rekonstruieren, wenn man den Tarif berücksichtigt: 2025 lag er bei 3,34 Rubel pro Kilometer, 2026 bereits bei 5,19. Die Berechnung zeigt, dass schwere Lastwagen vom 15. August bis zum 15. September 2026 rund 1,93 Milliarden rechnerische Kilometer bezahlten, gegenüber 2,4 Milliarden ein Jahr zuvor. Der Rückgang betrug etwa 20 Prozent.
Ein einzelner Monat ist kein Trend, und ich würde darauf keine weitreichenden Schlüsse bauen. Selbst wenn der tatsächliche Rückgang nur halb so groß ist und jeder zehnte statt jeder fünfte Lastwagen stillsteht, ist das für ein Land mit neun Zeitzonen und straßengebundener Logistik ein spürbarer Schlag gegen alles, was fährt, produziert und verkauft wird. Die Preise sagen dasselbe. Laut Rosstat verteuerte sich Benzin von Januar bis August um 16,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, im August um 25 Prozent im Jahresvergleich.
444 000 Rubel pro Quadratmeter: wie die Wirtschaft der Handelsplattformen brennt
Der Einzelhandel erzielte in Russland 2025 einen Umsatz von 61 Billionen Rubel. Den Kern der Wirtschaft bildet er nicht, doch sozial ist er ebenso empfindlich wie das Benzin an den Tankstellen. Der stellvertretende Sekretär des Sicherheitsrats, Alexander Maslennikow, bezeichnete die Wirkung der Angriffe auf die Lager von Wildberries als „sehr begrenzt“ und von „symbolischem Charakter“, räumte jedoch lokale Verluste und Schäden für Kleinunternehmen ein.
Betrachten wir die Symbolik in Rubel. Nach den Angriffen auf die Lager in Elektrostal (250 000 Quadratmeter) und Kotowsk (108 000 Quadratmeter) schätzten Marktteilnehmer die Wiederherstellung der Logistikkomplexe auf 20 bis 35,8 Milliarden Rubel. Die Spanne erklärt sich aus den Baukosten: 60 000 bis 100 000 Rubel pro Quadratmeter. Der Mittelwert von 80 000 eignet sich als Arbeitsgröße für künftige Angriffe.
Die verbrannte Ware ist schwerer zu beziffern, aber möglich. In Elektrostal und Kotowsk wurde sie auf 150 bis 170 Milliarden Rubel bei 360 000 Quadratmetern geschätzt, also rund 444 000 Rubel pro Quadratmeter. Nach den Angriffen auf die Lager in Krasnodar (150 000 Quadratmeter) und Newinnomyssk (100 000 Quadratmeter) wurden die Warenverluste auf 100 bis 120 Milliarden geschätzt, etwa 440 000 pro Quadratmeter. Zwei voneinander unabhängige Lagerpaare ergaben nahezu dieselbe Zahl, was mehr für ihre Verlässlichkeit spricht als jede Erklärung des Sicherheitsrats.
Der Hauptschaden brennt nicht. Jeder Tag, an dem ein Verteilzentrum stillsteht, kostet Zehntausende Verkäufer ihre Erlöse, die Freigabe der Waren nach einem Angriff dauert Wochen, und die Kreditzinsen laufen weiter. Ein Verkäufer, der seinen Bestand verliert, verliert sein Umlaufkapital: Um wieder handeln zu können, muss er die Ware neu einkaufen. Viele haben keine Reserven und tauchen in die Schattenwirtschaft ab oder schließen.
Die Gerichte halten das bereits fest. Nach Angaben des Registers der Arbitragegerichte wurde Wildberries vom 15. Juli bis zum 15. September 2026 in 599 neuen Klagen als Beklagte genannt, 53,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Gegen die Hauptgesellschaft von Ozon kamen 236 neue Verfahren zusammen, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.
Für das Finanzministerium bedeutet das unmittelbare Verluste an Steuerbemessungsgrundlage. Belaufen sich die entgangenen Erlöse der Verkäufer auf 445 bis 508 Milliarden Rubel, liegen die einmaligen Haushaltsverluste zwischen 13 und 30 Milliarden. Die Untergrenze entspricht der Gewinnsteuer bei einer Marge von 15 Prozent, die Obergrenze der sechsprozentigen Steuer im vereinfachten Steuersystem auf den gesamten Erlös. Auf dem Markt kursieren weit düsterere Zahlen: Angeblich sei der Umsatz von Wildberries wegen der Abwanderung von Verkäufern um ein Viertel geschrumpft. Bei einem Jahresumsatz des Unternehmens von 6,1 Billionen Rubel wären das 1,5 Billionen entgangene Erlöse und allein rund 330 Milliarden Mehrwertsteuer bei dem seit dem 1. Januar 2026 geltenden Satz von 22 Prozent. Ich stehe dieser Schätzung skeptisch gegenüber: Sie ist durch keine Rechnungslegung belegt und vermengt vermutlich die Wirkung der Angriffe mit der allgemeinen Abkühlung der Nachfrage. Doch selbst die wissenschaftliche Schätzung des Zentrums für Steuerpolitik und des Instituts für volkswirtschaftliche Prognosen der Russischen Akademie der Wissenschaften besagt, dass dem Haushalt 2026 aufgrund der Besonderheiten der Handelsplattformen 440 bis 690 Milliarden Rubel von ihnen entgehen könnten. Die Angriffe beschleunigen diesen Trend lediglich.
Die langfristige Wirkung ist gefährlicher als die einmalige. Wandern auch nur 10 Prozent der aktiven Verkäufer ab, die rund 610 Milliarden Rubel Umsatz erwirtschaften, führt das zu Steuerausfällen von 35 bis 50 Milliarden Rubel pro Jahr und weiteren 7 bis 10 Milliarden an Sozialversicherungsbeiträgen. Wandern 5 Prozent ab, halbieren sich die Verluste, wandern 20 Prozent ab, verdoppeln sie sich.
Parallel dazu dreht sich die Inflationsspirale. Nach den Angriffen stiegen die Preise auf den Handelsplattformen binnen weniger Tage um 10 bis 30 Prozent. Im ersten Halbjahr 2026 wuchsen die Versicherungsleistungen an Unternehmen um ein Drittel. Die Schadenquote in der Terrorversicherung überstieg 100 Prozent, die Versicherer kürzen die Deckungssummen, und manche Risiken decken sie gar nicht mehr. Bei Energogarant schätzt man, dass die Tarife für Versicherungen gegen Terrorismus und Sabotage in vier Jahren um das Zehnfache gestiegen sind. Früher oder später landet jeder Rubel Versicherungsprämie im Preisschild. Die Unternehmen schieben unterdessen Investitionspläne auf, und die Logik ist nachvollziehbar: Eine neue Werkshalle kann durch eine einzige Drohne im Wert von einigen Zehntausend Dollar abbrennen.
Die Woche, in der die Datenwolke abstürzte
In der Nacht zum 8. Oktober griffen Drohnen das Rechenzentrum von Yandex in Sassowo im Gebiet Rjasan an. Die 2012 errichtete und 2014 in Betrieb genommene Anlage befindet sich auf dem Gelände des Werkzeugmaschinenwerks Sasta, das die ukrainische Seite mit der Rüstungsindustrie in Verbindung bringt. Der Brand erfasste einen Teil der Infrastruktur, der Betrieb wurde vollständig eingestellt. Die Yandex-Aktie verlor an der Moskauer Börse an jenem Morgen mehr als 3 Prozent. Am 9. Oktober beschädigten Drohnen mehrere Module des Rechenzentrums in Kaluga im Industriepark Grabzewo, das für 63 Megawatt ausgelegt ist und als leistungsstärkste Anlage des Unternehmens gilt. Am 10. Oktober veröffentlichte Yandex eine neue Fassung seiner Nutzerbedingungen und nahm Drohnenangriffe in die Liste der Fälle höherer Gewalt auf. Wenige Stunden später, in der Nacht zum 11. Oktober, geriet das Rechenzentrum im Stadtteil Energetik in Wladimir in Brand.
Das Detail mit der höheren Gewalt ist bezeichnend. Das größte Technologieunternehmen des Landes hat rechtlich anerkannt, dass Drohnenangriffe für es zu einem regulären Risiko geworden sind, noch bevor der Staat dies politisch anerkannt hat.
In den drei angegriffenen Zentren standen alle drei Hochleistungsrechner des Unternehmens mit einer Gesamtleistung von 50,36 Petaflops. „Ljapunow“ und der leistungsstärkste, „Tscherwonenkis“, befanden sich in Sassowo, „Galuschkin“ in Wladimir. „Derzeit können wir die Möglichkeit einer Wiederherstellung der Ausrüstung des Rechenzentrums in Sassowo nicht bestätigen“, teilte Yandex mit. In einer anderen Erklärung räumte das Unternehmen ein, dass sich Fristen für die Wiederherstellung derzeit nur sehr schwer nennen ließen. Verlässliche Bestätigungen für die Zerstörung der Hochleistungsrechner gibt es nicht, Beweise für das Gegenteil ebenso wenig. Sollten sie beschädigt sein, trifft das die Entwicklung von YandexGPT, für deren Training diese Maschinen eingesetzt werden.
Die Hochleistungsrechner liefen mit Prozessoren des amerikanischen Herstellers Nvidia, deren Lieferung nach Russland durch Exportkontrollen verboten ist. Die Wiederherstellung wird also über Graumarktwege erfolgen, mit demselben chinesischen Faktor und Fristen von bis zu einem halben Jahr. Der Bau des Zentrums in Sassowo kostete 2011 sechs Milliarden Rubel, die Modernisierung zehn Jahre später weitere 700 Millionen. Die Investitionen in das Zentrum in Wladimir wurden auf etwa 9 Milliarden geschätzt. Den Wert der Rechenkapazitäten selbst legt das Unternehmen nicht offen, und das Ausmaß der Verluste ist offiziell nicht beziffert.
Wichtiger als die Technik ist die Kettenreaktion. Nach dem Angriff vom 11. Oktober ging die Cloud-Plattform von Yandex in den Notbetrieb über, weil zwei Verfügbarkeitszonen, ru-central1-a und ru-central1-b, gleichzeitig ausgefallen waren, und das Unternehmen bezeichnete die verbliebene Ressourcenkonfiguration als instabil. Die Störungen betrafen nach vorliegenden Angaben mindestens sechs Länder. Die Aufsichtsbehörde für Veterinär- und Pflanzenschutz versetzte ab 6 Uhr Moskauer Zeit zwei föderale Informationssysteme in den Notbetrieb, WetIS und Saturn, die für die Veterinärkontrolle und die Rückverfolgbarkeit von Pestiziden zuständig sind. Ausfälle wurden bei der T-Bank, den Russischen Eisenbahnen, Ticketdiensten, Filmportalen im Internet, Bildungsplattformen, Magnit und Fix Price verzeichnet. Logistiker beklagten, dass der elektronische Frachtbrief, der gerade erst verpflichtend eingeführt worden war, nicht mehr funktionierte. „Noch ein paar solcher Schläge, und wir kehren zum Papier zurück“, sagte ein Marktteilnehmer. Yandex vereinbarte in aller Eile mit Selectel, K2Cloud und VK Cloud die Übertragung der Daten betroffener Kunden.
Hier liegt die wichtigste strategische Lehre dieser Woche. Die Digitalisierung des russischen Staates wurde in den vergangenen Jahren nach dem Prinzip der Konzentration aufgebaut: Staatssysteme, Banken, Logistik und Handel liefen bei wenigen Anbietern zusammen, weil das schneller und billiger war. In Friedenszeiten bedeutete Konzentration Effizienz. Der Drohnenkrieg hat sie in eine Zielkarte verwandelt.
Waffenruhe per Truth Social: wem sie tatsächlich nützt
Eine Energie-Waffenruhe wird nicht erst seit diesem Jahr diskutiert. Im März 2025 vereinbarten die Seiten nach einem Gespräch zwischen Trump und Putin ein dreißigtägiges Moratorium für Angriffe auf die Energieinfrastruktur, warfen einander den ganzen Monat über Verstöße vor, und im April erklärte der Kreml die Vereinbarung für erschöpft. Die Amerikaner schlugen im Februar 2026 bei den Verhandlungen in Abu Dhabi erneut eine Waffenruhe vor. Ende Juni lehnte Putin nach eigenen Worten den Vorschlag Kiews ab, die Angriffe tief ins russische Hinterland gegen einen spiegelbildlichen Schritt einzustellen. Am 22. September erörterten Trump und Wolodymyr Selenskyj das Thema am Rande der 81. Tagung der UN-Generalversammlung.
Das Motiv Washingtons verbarg Trump nicht. Er bestätigte, Selenskyj gebeten zu haben, russische Raffinerien nicht anzugreifen, da die Angriffe Probleme mit dem Diesel für amerikanische Landwirte verursachten. Den Anstieg der weltweiten Dieselpreise führte er vor allem auf den Krieg in der Ukraine zurück, nicht auf die Iran-Krise. Am 3. November 2026 finden in den Vereinigten Staaten die Zwischenwahlen statt, und der Dieselpreis in den Agrarstaaten ist dem Weißen Haus wichtiger als jedes Prozent des russischen BIP.
Am Morgen des 11. Oktober erklärte Selenskyj seine Bereitschaft, die Angriffe auf Raffinerien einzustellen, wenn Russland seine Angriffe auf die ukrainische Energieversorgung beendet. Am Abend schrieb Trump, die Waffenruhe trete sofort in Kraft, und fügte hinzu: „Brecht sie nicht!“ Selenskyj räumte im Gespräch mit amerikanischen Journalisten ein, von der Vereinbarung aus diesem Beitrag erfahren zu haben: „Wenn Präsident Trump dies mit Putin vereinbart hat, teilen Sie uns bitte mit, wann die Waffenruhe beginnt.“ Der Kreml nannte die Idee über Dmitri Peskow sehr gut, schränkte jedoch sogleich ein, dass ein sicherer Betrieb der Raffinerien die globalen Probleme nicht löse. Moskau sei, nach eigener Darstellung, die Aufhebung der Sanktionen gegen Lieferungen und die Sicherheit der Tanker wichtiger.
Die Verteilung der Vorteile ist durchschaubar. Russland erhält ein Reparaturfenster ohne formale Zugeständnisse und versucht, es als Geste guten Willens gegen Sanktionserleichterungen zu verkaufen. Die Ukraine läuft Gefahr, den wirksamsten wirtschaftlichen Hebel dieses Krieges zu verlieren, und zwar in dem Moment, in dem er mit voller Kraft zu wirken begonnen hat. Washington bekommt billigen Diesel rechtzeitig zur Wahl. Verlieren wird, wer als Erster stehen bleibt und feststellt, dass der Gegner sich lediglich neu formiert hat.
Die Geschichte weiß, wie Feldzüge gegen den Treibstoff des Gegners enden. Am 12. Mai 1944 begannen amerikanische Bomber mit systematischen Angriffen auf die deutschen Hydrierwerke in Leuna und anderen Zentren. Albert Speer schrieb später in seinen Erinnerungen, an diesem Tag sei der technische Krieg entschieden worden. Speers Reparaturkolonnen stellten die Werke binnen Wochen wieder her, doch die neuen Angriffe kamen schneller. Das Russland des Jahres 2026 ist nicht das Deutschland von 1944: Es verfügt über ein chinesisches Hinterland, über Rohstoffe und einen riesigen Binnenmarkt. Die Mechanik ist jedoch dieselbe, und sie ist grausam für den Verteidiger: Die Reparatur kostet mehr als der Angriff, und dem Angreifer genügt es, öfter zu kommen, als Reparaturen abgeschlossen werden.
Zwei Stützen unter Beschuss
Die russische Wirtschaft ruhte auf zwei Stützen. Der Rohstoffexport ernährte den Haushalt, der Binnenkonsum schuf Nachfrage und Arbeitsplätze. Gab eine Stütze nach, rettete die andere das System: teures Öl, ein Einzelhandel mit schnellem Umschlag oder digitale Dienste, die das Tempo der gesamten Konstruktion sicherten. Die Angriffe des Jahres 2026 trafen erstmals gleichzeitig die Ölverarbeitung, die Lager und die Datenwolke. Den Einbruch eines Sektors durch einen anderen auszugleichen, wie es 2014, 2020 und in den ersten Kriegsjahren gelang, als mal die Ölpreise, mal der Konsumboom die Statistik nach oben zogen, ist nun schlicht nicht mehr möglich, weil die Schläge alle Sektoren zugleich treffen.
Putins Prozent ist höchstwahrscheinlich zu niedrig angesetzt. Es berücksichtigt weder die Lager der Handelsplattformen noch die Klagen der Verkäufer, weder die Versicherungstarife noch die abgestürzte Datenwolke, und es wurde vor der Oktoberwoche von Yandex berechnet. Wie der Kreml die Lücke schließen will, während der Wohlstandsfonds dahinschmilzt und die Kreditaufnahme bereits auf 5 Billionen gestiegen ist, darauf haben bislang weder das Finanzministerium noch die Zentralbank eine klare Antwort gegeben.
Meine Prognosen sind überprüfbar. Die Moskauer Raffinerie wird ihre Auslegungskapazität nicht vor dem 31. März 2027 erreichen. Die Energie-Waffenruhe in der von Trump verkündeten Form wird den 15. November 2026 nicht überdauern: Bis zu diesem Datum werden die Seiten einander öffentlich Verstöße vorwerfen, wie im Frühjahr 2025. Das tatsächliche Defizit des föderalen Haushalts wird zum Jahresende 2026 die Septemberschätzung des Finanzministeriums von 7,3 Billionen Rubel übersteigen. Die Zone ru-central1-b der Cloud-Plattform von Yandex wird ihre frühere Kapazität nicht vor April 2027 zurückerlangen.
Der genaueste Indikator dieses Krieges wird sich weder in Kapotnja noch in Sassowo finden. Er wird im Führerhaus eines Sattelzugs auf der Fernstraße M7 bei Wladimir liegen: ein Frachtbrief aus Papier mit blauem Stempel, den der Fahrer wieder mit sich führt, weil der elektronische nicht geladen hat.