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Jeder grosse Krieg hat zwei Fronten. Die erste ist die militärische. Die zweite ist die Preisfront. Und wenn die erste auf Karten, in Lageberichten und auf Satellitenbildern sichtbar ist, dann verlaeuft die zweite ueber die Kasse der Tankstelle, ueber die Stromrechnung, ueber den Preis von Brot, Duenger, Flugtickets und Seefracht. Heute wird gerade diese zweite Front zur wichtigsten.

Die militaerische Konfrontation um Iran, in die die USA und ihre Verbuendeten hineingezogen sind, hat bereits aufgehoert, eine lokale Krise zu sein. Sie ist zu einer weltweiten Abgabe auf Energie, Logistik und Nahrungsmittel geworden. Und wie fast immer in der Weltpolitik wird auch diese Abgabe ungleich verteilt.

Das Paradoxe an der gegenwaertigen Lage ist, dass die amerikanische Wirtschaft trotz des ganzen Laerms um steigende Preise deutlich besser geschuetzt bleibt als die Volkswirtschaften Asiens, Afrikas und eines Teils Lateinamerikas. Die USA treten als groesster Oelproduzent der Welt in die Krise ein: Nach Angaben der EIA erreichte die amerikanische Foerderung 2025 den Rekordwert von 13,6 Millionen Barrel pro Tag, waehrend die Ausfuhr von Rohoel bei rund 4 Millionen Barrel pro Tag lag. Das hebt den inflationaeren Schlag gegen die privaten Haushalte nicht auf, veraendert aber den Massstab der Verwundbarkeit radikal: Ein Land, das noch vor anderthalb Jahrzehnten bei jedem Schock im Nahen Osten zitterte, begegnet ihm heute nicht mehr als blosses Geiselopfer, sondern auch als einer der Nutzniesser hoher Preise.

Die Welt ausserhalb der USA ist jedoch anders beschaffen. Die Internationale Energieagentur haelt fest, dass 2025 fast 15 Millionen Barrel Rohoel pro Tag durch die Strasse von Hormus transportiert wurden - rund 34 Prozent des weltweiten Oelhandels. Fast 90 Prozent des LNG, das die Meerenge passierte, gingen nach Asien. Fuer asiatische Importeure ist das keine Statistik, sondern die Anatomie ihrer Abhaengigkeit. 2025 entfielen auf Lieferungen durch die Strasse von Hormus etwa 27 Prozent des gesamten asiatischen LNG-Imports. Anders gesagt: Wenn die Meerenge aufhoert, eine verlaessliche Arterie zu sein, bekommt Asien nicht einfach nur steigende Notierungen zu spueren, sondern einen direkten Schlag gegen sein gesamtes Energiesystem.

Warum Amerika mehr zahlt, aber weniger leidet

Seit Ende Februar preist der Oelmarkt nicht mehr nur Risiko ein, sondern die Angst vor einem physischen Mangel. Die EIA berichtet, dass Brent im Januar 2026 bei rund 61 Dollar pro Barrel lag, im Februar auf 72 Dollar stieg und sich im Maerz bereits auf durchschnittlich 103 Dollar einpendelte. In ihrer April-Prognose erwartet die Behoerde einen Hoechststand von etwa 115 Dollar im zweiten Quartal. Selbst jetzt, vor dem Hintergrund der vom US-Praesidenten Trump verkuendeten unbefristeten Verlaengerung der Waffenruhe mit Iran, haelt sich Brent bei etwa 98 Dollar und damit deutlich ueber dem Vorkriegsniveau. Genau das ist der Preis der geopolitischen Praemie, die sich augenblicklich in jeden Lastwagen, jedes Flugzeug, jeden Container und jeden Traktor einschreibt.

Fuer den Amerikaner bedeutet das steigende Preise fuer Benzin, Diesel und Transporte. Der durchschnittliche Benzinpreis in den USA ueberstieg Ende Maerz zum ersten Mal seit 2022 die Marke von 4 Dollar pro Gallone, und bis Mitte April kostete Benzin im Durchschnitt bereits 4,16 Dollar, Diesel 5,67 Dollar. Politisch ist das heikel. Makrooekonomisch aber verfuegen die USA ueber ein Polster. Erstens ueber die eigene Foerderung. Zweitens ueber Reservemechanismen. Drittens ueber einen tiefen Finanzmarkt und einen starken Dollar. Viertens ueber einen in Kriegszeiten seltenen Umstand: Der amerikanische Aktienmarkt brach nicht ein, vielmehr zeigten Nasdaq und S&P im April Wachstum vor dem Hintergrund des anhaltenden Booms rund um kuenstliche Intelligenz. Vereinfacht gesagt: Der Krieg verteuert den Kraftstoff, zerstoert aber nicht das amerikanische Modell als Ganzes.

In der sich entwickelnden Welt ist alles anders. Dort treibt teures Oel nicht einfach nur die Inflation an - es verwandelt sich rasch in eine Waehrungskrise, ein Haushaltsloch und politische Nervositaet. Der IWF hat in seiner April-Uebersicht 2026 die Prognose fuer das Wachstum der Weltwirtschaft bereits auf 3,1 Prozent gesenkt und fuer Schwellenlaender und Entwicklungswirtschaften auf 3,9 Prozent gegenüber 4,2 Prozent im Januar. Im Basisszenario erwartet der Fonds 2026 einen Anstieg der Energiepreise um 19 Prozent, beim Oel um 21,4 Prozent. Im unguenstigen Szenario verlangsamt sich das Weltwachstum auf 2,5 Prozent, die Inflation steigt auf 5,4 Prozent, und in einem noch schwereren Fall rueckt die Welt gefaehrlich nah an die Schwelle einer globalen Rezession. Das ist bereits kein isolierter Krieg im Nahen Osten mehr, sondern die Probe eines weltweiten stagflationaeren Schocks.

Hormus als Kassenapparat der Weltpolitik

Die wichtigste Zahl dieser Krise ist nicht 98 Dollar pro Barrel und nicht einmal 115 in der Prognose. Die wichtigste Zahl lautet 20 Prozent. In etwa dieser Groessenordnung haengt der weltweite Oel- und Gashandel von einer Meerenge ab, die das zentrale energetische Nadelöhr des Planeten bleibt. IEA-Chef Fatih Birol bezeichnete die gegenwaertige Krise offen als den schwersten Energieschock der Geschichte - schwerwiegender als die Schocks von 1973, 1979 und 2022. Das ist eine harte Formulierung, aber sie trifft zu: Heute geht es nicht bloss um teure Rohstoffe, sondern um einen physischen Ausfall im System der Energielieferung an den Verbraucher.

Der Markt hat bereits gezeigt, wie diese Logik funktioniert. Nach Angaben der IEA brach das weltweite Oelangebot im Maerz um 10,1 Millionen Barrel pro Tag auf 97 Millionen Barrel ein, waehrend der Export von Rohoel und Kondensat durch die Strasse von Hormus um 14,2 Millionen Barrel pro Tag schrumpfte. Das ist nicht einfach nur Volatilitaet auf dem Bildschirm von Bloomberg. Das sind stillliegende Tanker, stillstehende Raffinerien, unterbrochene Rohstofflieferungen fuer Kraftwerke und Verarbeitungsbetriebe, das sind 31 Millionen Barrel Lagerabbau allein im Maerz in asiatischen Importlaendern. Wenn solche Mengen vom Markt verschwinden, diskutieren arme Staaten nicht mit der Notierung - sie fliegen aus dem Handel.

Europa: kein Mangel, sondern teure Stabilitaet

Europa befindet sich in diesem Krieg nicht in der verwundbarsten, aber auch keineswegs in einer komfortablen Lage. Formal ist seine Abhaengigkeit von Hormus beim LNG deutlich geringer als die Asiens: Die IEA schaetzt, dass 2025 nur etwa 7 Prozent der europaeischen LNG-Importe durch die Meerenge liefen, waehrend es in Asien ungefaehr 27 Prozent waren. Das europaeische Problem liegt jedoch woanders. Die EU trat bereits mit teurer Energiesicherheit nach der ukrainischen Krise in das Jahr 2026 ein, und der neue Schlag aus dem Nahen Osten setzt Europas Energiebilanz nicht ausser Kraft, sondern verteuert sie weiter. Nach Angaben der Europaeischen Kommission ist die zusaetzliche Rechnung der EU fuer fossile Brennstoffe seit Kriegsbeginn um rund 22 Milliarden Euro gestiegen. Das ist selbst fuer einen reichen Block eine gewaltige Summe, besonders vor dem Hintergrund hoher Zinsen, schwachen industriellen Wachstums und ueberlasteter Haushalte.

Die europaeische Wirtschaft zahlt heute weniger fuer einen realen Mangel an Treibstoff als fuer die Versicherung gegen einen solchen Mangel. Deutschland erklaert bereits, dass kein akuter Mangel an Flugturbinenkraftstoff bestehe, verstaerkt aber zugleich die Ueberwachung der Lieferungen und bereitet sich auf die Sommersaison wie auf einen Stresstest fuer Luftfahrt und Logistik vor. Europaeische Fluggesellschaften warnen vor dem Risiko von Flugausfaellen, falls die Engpaesse bei Treibstoff fortbestehen. Und das ist bereits eine Kettenreaktion fuer Tourismus, Guetertransport und den gesamten Dienstleistungssektor.

Politisch reagiert Europa auf die gewohnte Weise - mit Subventionen, voruebergehenden Steuererleichterungen, gezielter Hilfe und flexiblen Regeln fuer staatliche Unterstuetzung. Die Europaeische Kommission hat bereits vorgeschlagen, das Regime der Beihilfen zu lockern, damit die Staaten Sektoren fuer steigende Preise bei Kraftstoff, Duenger und Strom entschaedigen koennen. Frankreich bezifferte die unmittelbaren Kosten der Krise auf 4 bis 6 Milliarden Euro und friert 6 Milliarden Euro an Ausgaben ein, um im Haushaltsrahmen zu bleiben. Das Problem besteht darin, dass Europa erneut in eine vertraute Falle geraet: Jeder neue Energieschock staerkt nicht die industrielle Wettbewerbsfaehigkeit des Kontinents, sondern seine Abhaengigkeit von budgetaeren Kruecken. Fuer einen Block, der den USA beim Energiepreis ohnehin unterliegt, ist das keine voruebergehende Massnahme mehr, sondern ein Symptom struktureller Schwaeche.

Dabei verteilt sich der Schock selbst innerhalb der EU ungleich. Die Oelhandelsabteilungen grosser Unternehmen wie Shell, BP und TotalEnergies verdienen an der Volatilitaet Milliarden. Der industrielle Verbraucher in Deutschland, Italien, Polen oder den Niederlanden dagegen bekommt keinen Gewinn, sondern eine neue Runde wachsender Kosten. Und hier taucht erneut dieselbe Ungerechtigkeit auf wie in der ganzen Welt: Gewinnt das Kapital, das Chaos absichern kann, dann zahlt der reale Sektor.

China: ein Gigant, der zu manovrieren versteht, aber die Geografie nicht abschaffen kann

China wirkt stabiler als die meisten asiatischen Volkswirtschaften, und dafuer gibt es Gruende. Erstens verfuegt Peking ueber ein breiteres Spektrum an Lieferanten und ueber mehr Spielraum zum Manovrieren. Zweitens besitzt das Land administrative Instrumente, strategische Reserven und die Moeglichkeit, Beschaffungen rasch umzulenken. Im Maerz belief sich Chinas Oelimport auf etwa 11,77 Millionen Barrel pro Tag und sank damit im Jahresvergleich nur um 2,8 Prozent, das heisst: Der Krieg hat das chinesische Versorgungssystem bislang nicht zum Einsturz gebracht. Mehr noch, China gleicht ausfallende Mengen aktiv durch verstaerkte Kauefe aus Russland, Westafrika und Lateinamerika aus.

Doch Chinas Widerstandsfaehigkeit darf nicht taeuschen. Das ist keine Immunitaet, sondern die Faehigkeit, Zeit zu gewinnen. Durch Hormus liefen 2025 rund 80 Prozent des Oels und der Oelprodukte, die nach Asien gingen, und das bedeutet: Selbst Peking kann diesen Knotenpunkt nicht vollstaendig ignorieren. China hat bereits klar erklaert, dass eine Blockade von Hormus den Interessen der internationalen Gemeinschaft widerspricht. Fuer Peking ist das keine diplomatische Rhetorik, sondern nuechterne Kalkulation: Jede laenger andauernde Destabilisierung der Meerenge trifft die Kostenstruktur der chinesischen Industrie, die Frachtraten, die Exportwettbewerbsfaehigkeit und am Ende das Wachstum. Reuters stellte direkt fest, dass der Krieg die Faehigkeit Chinas in Frage stellt, das bisherige Exporttempo zu halten und den rekordhohen Handelsueberschuss zu bewahren, weil teure Energie die Kaufkraft seiner Auslandsmärkte untergraebt.

Es gibt noch eine weitere wichtige Nuance. China wirkt heute bei Rohoel tatsaechlich weniger verwundbar, hat aber sensible Segmente - vor allem LPG, Petrochemie, Schiffskraftstoff und Teile der Raffinerieverarbeitung. Der LPG-Import nach China ist 2026 bereits um etwa ein Viertel gegenueber dem Vorjahr zurueckgegangen. Ausserdem hat der Krieg die Nachfragestruktur nach einzelnen Oelsorten veraendert: Chinesische Raffinerien konkurrieren inzwischen staerker um schwere schwefelarme Sorten, weil die gewohnten Stroeme nahoestlichen Rohstoffs gestoert wurden. Das bedeutet steigende Praemien, teurere Verarbeitung und Druck auf die Petrochemie - und ueber sie auf Kunststoffe, Verpackungen, Industriechemie und die Exportproduktion. Anders gesagt: Die chinesische Wirtschaft bricht nicht zusammen, aber ihre Marge schrumpft schrittweise.

Suedostasien: eine Region, in der der Oelschock rasch politisch wird

Wenn Europa mit Geld zahlt und China mit sinkenden Margen und wachsenden strategischen Risiken, dann zahlt Suedostasien mit allem zugleich: mit Inflation, Subventionen, Waehrungsdruck und politischer Nervositaet. Das ist eine der importabhaengigsten und zugleich sozial sensibelsten Regionen der Welt. Die Subventionen fuer fossile Brennstoffe in Suedostasien erreichten den Rekordwert von 105 Milliarden Dollar - 60 Prozent ueber dem vorherigen Hoechststand. Das bedeutet, dass die Region bereits vor dem jetzigen Krieg chronisch von administrativer Preisunterdrueckung abhaengig war. Der neue Oelschock hat diese alte Wunde nur erneut aufgerissen.

Die Philippinen wurden zum ersten Land der Region, das den nationalen Energieausnahmezustand ausrief. Danach folgte die Aussetzung des Grosshandelsmarktes fuer Strom, nachdem die Preise im Maerz abrupt explodiert waren: im gesamten Spotmarkt um 58 Prozent, in manchen Zonen sogar noch staerker. Fuer ein Land, das ohnehin zu den Staaten mit den hoechsten Stromtarifen in Suedostasien gehoert, ist das ein aeusserst gefaehrliches soziales Signal. Denn in Manila, Cebu oder Davao verwandelt sich ein Energieschock rasch in Protest gegen teuren Verkehr, teure Lebensmittel und die schwache Reaktion des Staates.

Indonesien, die groesste Volkswirtschaft der ASEAN, haelt die Lage vorerst mit Hilfe der Groesse seines Haushalts unter Kontrolle, doch der Preis dieser Stabilisierung steigt schnell. Jakarta stellte rund 381,3 Billionen indonesische Rupiah, also etwa 22,4 Milliarden Dollar, fuer Kraftstoff- und Stromsubventionen bereit. Zugleich ist die Bank Indonesia gezwungen, den Leitzins wegen der mit dem Krieg verbundenen Inflationsrisiken bei 4,75 Prozent zu belassen. Das ist ein typisches Beispiel dafuer, wie ein Rohstoffschock die Wirtschaftspolitik zerreisst: Einerseits muss die Bevoelkerung gestuetzt werden, andererseits muessen Wechselkurs und Preise stabil bleiben, und drittens darf das Wachstum durch eine allzu harte Geldpolitik nicht erstickt werden.

Thailand, Vietnam und Malaysia bewegen sich auf derselben Bahn, nur mit unterschiedlichen Instrumenten. Thailand bereitet Steuererleichterungen und Treibstoffsubventionen vor. Vietnam hat Kraftstoffsteuern bereits zeitweise ausgesetzt und verliert dadurch etwa 7,2 Billionen Dong im Monat. Malaysia hat die Energiesubventionen auf rund 4 Milliarden Ringgit pro Monat ausgeweitet. Formal hilft das, den sozialen Schlag zu daempfen. In Wirklichkeit bedeutet es jedoch, dass jede Woche der Krise noch mehr private Kosten in Staatsschuld, Defizite oder Unterfinanzierung anderer Bereiche verwandelt. Die Region loest das Problem teurer Energie nicht, sie zieht es nur in die Laenge und verlagert es in den Haushalt.

Es gibt auch eine strategische Antwort der Region - die beschleunigte Hinwendung zu Biokraftstoffen. Reuters berichtete, dass Vietnam und Indonesien vor dem Hintergrund des Oelpreissprungs ihre Biokraftstoffprogramme intensivieren, um importierte Kohlenwasserstoffe wenigstens teilweise zu ersetzen. Doch hier entsteht ein neues Dilemma: Wenn Biokraftstoffe zusammen mit Palmöl, Mais und Agrarrohstoffen teurer werden, bekommt die Region das alte Problem Nahrung oder Treibstoff in neuer Verpackung. Ja, dieses Manover senkt die Importabhaengigkeit, kann aber gleichzeitig die Lebensmittelpreise antreiben. Fuer arme Gesellschaften ist das fast immer politisch gefaehrlicher als bloss teures Benzin.

Wenn man Europa, China und Suedostasien in ein Gesamtbild einordnet, zeigt sich Folgendes. Europa leidet wie ein reicher, aber bereits erschoepfter Importeur - es hat Geld zur Abfederung, aber fast keine billige Energie mehr. China leidet wie ein industrieller Gigant - es versteht es, Stroeme umzulenken, kann aber steigende Logistik- und Rohstoffkosten nicht endlos neutralisieren. Suedostasien leidet wie eine sozial sensible, importabhaengige Region - dort wird jeder Oelpreissprung fast automatisch zu einem Haushaltsproblem und zu einer moeglichen innenpolitischen Krise. Das bedeutet: Der Krieg um Iran veraendert nicht nur den Oelmarkt. Er veraendert die globale Hierarchie der Widerstandsfaehigkeit: Gewinner sind jene, die teure Sicherheit finanzieren koennen, Verlierer jene, die jeden Monat Energie zu einem von anderen diktierten Preis kaufen muessen.

Pakistan: wenn Geopolitik zum Sparmodus wird

Am anschaulichsten ist Pakistan. Reuters und regionale Quellen hielten fest, dass das Land, das bei Oel zu mehr als 80 Prozent importabhaengig ist, die Preise fuer Benzin und Diesel bereits zum zweiten Mal innerhalb eines Monats anheben musste, waehrend Spot-LNG auf 20 bis 30 Dollar je mmBtu sprang. Fuer eine Volkswirtschaft mit chronischem Zahlungsbilanzdefizit ist das nahezu der perfekte Sturm: Der Import verteuert sich, die Waehrung schwaecht sich ab, der Druck auf Haushalt und Stromerzeugung nimmt gleichzeitig zu. Nicht zufaellig diskutiert Islamabad neue LNG-Beschaffungen nur unter der Bedingung, dass die Preise fuer die Energiewirtschaft wenigstens irgendwie tragbar bleiben. Das ist bereits keine Frage des Komforts der Bevoelkerung mehr, sondern der Steuerbarkeit des gesamten Systems.

Um das Ausmass des Problems zu verstehen, genuegt eine einfache Rechnung. Wenn ein Land Oel und Oelprodukte im Wert von etwa 15 Milliarden Dollar pro Jahr importiert, dann fuehrt schon eine Verteuerung des Warenkorbs um 20 Prozent zu einer zusaetzlichen Aussenrechnung von rund 3 Milliarden Dollar. Fuer Pakistan ist das keine technische Korrektur, sondern eine Groesse, die mit einem Paket zur Soforthilfe vergleichbar ist. In Krisenwirtschaften spiegelt sich der Krieg zuerst in der Brent-Notierung wider und geht danach nahezu ungefiltert in Haushaltsdefizite, steigende Tarife und neue Bitten an Geldgeber ueber.

Bangladesch und Sri Lanka: wenn die Gasrechnung wichtiger ist als Diplomatie

Bangladesch ist noch verwundbarer. Dhaka sucht mehr als 2 Milliarden Dollar an neuer Finanzierung, um den Import von Treibstoff und LNG aufrechtzuerhalten, und nach der Aussetzung katarischer Lieferungen waren die Behoerden gezwungen, Spotpartien zu hoeheren Preisen zu kaufen, Gas zu rationieren und mehrere Duengerfabriken stillzulegen. Fuer eine Volkswirtschaft, in der industrielle Beschaeftigung und das exportorientierte Textilmodell auf billiger Energie beruhen, ist das der Weg zu einem doppelten Schock: zuerst ein Schlag gegen die Zahlungsbilanz, danach gegen die Industrieproduktion.

Uebersetzen wir das in die Sprache der Alltagswirtschaft. Wenn die Rechnung fuer importierte fossile Brennstoffe in Bangladesch nach Einschaetzung von Analysten um 4,8 Milliarden Dollar steigen kann, dann entspricht das etwa 1,1 Prozent des BIP des Landes. Fuer eine reiche Volkswirtschaft waere das aergerlich. Fuer eine arme ist es das makrooekonomische Ereignis des Jahres. Das bedeutet Druck auf den Wechselkurs, steigende Preise fuer Transport, Strom, Lebensmittelverarbeitung und Mineraldünger. Und damit auch fuer Lebensmittel. In Laendern, in denen Haushalte einen unverhaeltnismaessig grossen Anteil ihres Einkommens fuer Grundkonsum ausgeben, ist eine Inflation von 3 bis 5 Prozent noch ertraeglich, aber ein Sprung von 10 bis 15 Prozent beim Treibstoff- und Lebensmittelkorb wird rasch sozial explosiv.

Sri Lanka, das erst vor nicht allzu langer Zeit seinen eigenen Schuldenkollaps durchlebt hat, ist erneut gezwungen, Treibstoff zu rationieren. Berichtet wird ueber zusaetzliche Beschraenkungen, ueber die Schliessung von Schulen, Universitaeten und staatlichen Einrichtungen an Mittwochen, ueber einen reduzierten Verkehr und steigende Stromtarife. Was fuer Washington wie ein unangenehmer externer Schock aussieht, wird fuer Colombo erneut zur Erinnerung daran, wie nah die Grenze zwischen Wirtschaft und Strasse liegen kann.

Indien: ein grosser Markt, ein grosses Polster, aber auch ein grosses Risiko

Indien wirkt stabiler als seine Nachbarn, und gerade deshalb ist es analytisch besonders interessant. Vor dem Krieg bezog das Land mehr als 40 Prozent seines importierten Oels aus dem Nahen Osten, deckte rund 60 Prozent der inlaendischen LPG-Nachfrage durch Importe, wobei etwa 90 Prozent dieser Lieferungen gewoehnlich durch Hormus liefen. Im Maerz verringerte sich Indiens Rohoelimport gegenueber Februar um 13 Prozent, und die Lieferungen nahoestlichen Oels brachen um 61 Prozent auf 1,18 Millionen Barrel pro Tag ein. Der Anteil der Region an den Importen fiel auf das historische Minimum von 26,3 Prozent, waehrend Russland seinen Anteil rasch auf etwa die Haelfte aller Lieferungen ausweitete. Das ist ein brillantes Beispiel dafuer, wie ein grosser Kaeufer sich dank Geografie, Diplomatie und flexibler Beschaffung teilweise einem Schock entziehen kann. Doch selbst Indien ist nicht in der Lage, den Preiseffekt vollstaendig zu neutralisieren.

Der gefaehrlichste Kanal fuer Indien ist nicht nur das Oel, sondern auch der Duengermarkt. Das Land bezieht mehr als 40 Prozent seines Harnstoffs und seiner Phosphatduenger aus dem Nahen Osten, und etwa die Haelfte der DAP- und Harnstoffimporte entfaellt auf diese Region. Drei indische Werke mussten ihre Harnstoffproduktion bereits wegen LNG-Mangels drosseln. Fuer eine Agrarmacht ist das eine direkte Bruecke vom Konflikt im Nahen Osten zur Lebensmittelinflation. Wenn der Landwirt den Duenger nicht rechtzeitig erhaelt oder ihn zu einem um 30 bis 40 Prozent hoeheren Preis kaufen muss, verlagert sich der Krieg von der Meerenge auf das Reisfeld.

Die eigentliche Rechnung kommt nicht an der Tankstelle, sondern im Warenkorb

Gerade Duengemittel koennten sich als die am staerksten unterschaetzte Bombe dieser Krise erweisen. Die Leiterin des Internationalen Handelszentrums der UNO warnte, dass fuer die Entwicklungswelt die Gefahr eines Duengemittelmangels sogar schwerer wiegt als teures Oel und Gas. Rund ein Drittel des weltweiten Handels mit Duengemitteln verlaeuft durch Hormus. Die Bank of America schaetzte den Anstieg einzelner Duengemittelpreise auf 30 bis 40 Prozent. Wenn sich diese Dynamik auch nur fuer eine Saison verfestigt, werden Entwicklungslaender nicht einfach nur mit teurem Import konfrontiert sein, sondern mit geringeren Ertraegen, schwächerer Ernährungssicherheit und einer neuen Inflationsrunde.

Genau darin liegt die zentrale Ungerechtigkeit der gegenwaertigen Krise. Die USA moegen sich ueber teures Benzin beklagen, doch der durchschnittliche amerikanische Verbraucher bleibt dennoch durch ein hoeheres Einkommen, soziale Infrastruktur, die Tiefe des Kreditmarktes und den Umfang des eigenen Energiesystems besser geschuetzt. In der armen Welt frisst derselbe Oelaufschlag weder den Urlaub noch einen Teil der verzichtbaren Ausgaben auf. Er frisst Nahrung, die Ausbildung der Kinder, Medikamente, die Moeglichkeit, zur Arbeit zu kommen, und die Faehigkeit kleiner Unternehmen, sich ueber Wasser zu halten.

Warum es in den USA weniger Proteste gibt, als es eigentlich geben muesste

Es gibt auch eine politische Dimension. Die amerikanische gesellschaftliche Reaktion auf aeussere Kriege verzoegert sich immer, solange der Krieg den inneren Lebensstandard nicht spuerbar trifft. Doch die gegenwaertige Krise in den USA wird zugleich durch mehrere Daempfer abgeschwaecht. Erstens produziert das Land selbst gewaltige Mengen an Oel. Zweitens bleiben der Dollar und amerikanische Vermoegenswerte der weltweite sichere Hafen. Drittens neigen die Finanzmaerkte bislang zu der Annahme, dass selbst ein grosser Schock im Nahen Osten den mit KI verbundenen Technologiezyklus nicht abwuergt. Viertens leben die USA im Unterschied zu Suedasien nicht in einem Zustand direkter logistischer Abhaengigkeit von Hormus. Genau deshalb bleibt der politische Preis des Krieges innerhalb Amerikas niedriger als sein globaler Preis.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Washington nicht zahlt. Es zahlt mit Inflation, mit teurerem Kraftstoff, mit Schwierigkeiten fuer die Fed, mit dem Risiko einer stagflationaeren Weggabelung und mit wachsender globaler Verärgerung. Der IWF sagt es offen: Schon das Basisszenario des Krieges zerstoert die Bahn der weltweiten Disinflation, und in schweren Varianten werden die Zentralbanken gezwungen sein, ihre Politik in einem Moment zu verschaerfen, in dem das Wachstum bereits nachlaesst. Das ist die schlechteste Kombination fuer jede Weltwirtschaft.

Wer gewinnt - und wer nur glaubt zu gewinnen

Manchmal ist das Argument zu hoeren, teures Oel nütze den Exporteuren. Formal ja. Aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Reuters verwies unter Berufung auf Vertreter der UNO darauf, dass die Vorteile fuer Energieproduzenten in der Entwicklungswelt nur kurzfristig sein werden. Der Grund ist einfach: Viele von ihnen exportieren Rohstoffe, importieren jedoch teure Oelprodukte, Ausruestung, Lebensmittel und Investitionsgueter. Hinzu kommt, dass physische Lieferunterbrechungen, Versicherungen, Frachtraten, das Risiko von Angriffen auf Infrastruktur und Probleme mit Zahlungen einen Teil der Preisprämie auffressen. Ein hoher Oelpreis unter Kriegsbedingungen ist kein Geschenk des Marktes, sondern ein toxischer Preis mit einem enormen Abschlag bei der Stabilitaet.

Selbst Versuche, Hormus rasch zu umgehen, haben nur begrenzte Wirkung. Die saudische East-West Pipeline, die emiratische Leitung Habshan-Fudschaira und der irakisch-tuerkische Korridor sind wichtige Ausweichloesungen, doch zusammengenommen reichen sie nicht aus, um die normale maritime Zirkulation vollwertig zu ersetzen. Der Markt kann einen lokalen Ausfall ueberstehen. Sehr viel schlechter uebersteht er einen laenger andauernden Zustand von Umgehungsrouten, in dem jede Tonne Rohstoff zusaetzliche Versicherung, Zeit und politische Koordination erfordert.

Die wichtigste Schlussfolgerung: Der Krieg exportiert Inflation die Treppe der weltweiten Ungleichheit hinunter

Die gesamte Weltwirtschaft gleicht heute einem Gebaeude, in dem das Feuer in den oberen Stockwerken ausgebrochen ist, das Wasser aber vor allem den Keller ueberflutet. Eine militaerische Initiative, die in der Logik amerikanischer Sicherheit und des kraeftepolitischen Gleichgewichts im Nahen Osten beschlossen wurde, ist im wirtschaftlichen Sinne zu einem Mechanismus der Umverteilung von Kosten auf jene geworden, die sie am wenigsten tragen koennen. Nicht Washington, sondern Dhaka, Colombo, Karatschi, Kathmandu, Manila und Nairobi zahlen den haertesten Preis fuer die blockierte Oelarterie.

Gerade deshalb darf das Gespraech ueber den gegenwaertigen Konflikt nicht nur in Kategorien von Strategie, Abschreckung oder Diplomatie gefuehrt werden. Es ist auch ein Gespraech ueber globale Gerechtigkeit. Wenn Brent von 61 Dollar im Januar auf 103 im Maerz steigt und sich dann selbst vor dem Hintergrund einer Waffenruhe bei etwa 100 haelt, dann ist das nicht bloss eine Nachricht des Marktes. Es ist die Ueberfuehrung von Millionen Menschen aus dem Zustand der Armut in den Zustand des Elends. Wenn der IWF seine Prognosen senkt und die UNO vor einem Duengemittelmangel warnt, dann ist das kein technokratisches Rauschen. Es ist eine fruehe Warnung davor, dass die naechste Weltkrise nicht aus dem Bankensektor kommen koennte, sondern aus der Kueche, vom Feld und aus dem Stromnetz.

Wenn man nuechtern hinsieht, ist das wichtigste Ergebnis bereits eingetreten. Amerika hat erneut bewiesen, dass es sich eine aussenpolitische Eskalation leisten kann, die teurer ist als fuer fast jeden anderen. Aber es hat auch erneut etwas anderes gezeigt: Jedes Mal, wenn Washington einen Krieg im strategischen Herzen der weltweiten Energieversorgung beginnt, erreicht die reale Rechnung vor allem jene, die keine Entscheidung getroffen, keine Verhandlungen gefuehrt und keine Befehle erteilt haben. Die Welt zahlt den Preis fuer den amerikanischen Krieg. Und wie immer zahlen ihn die Armen zuerst.