Vor neun Monaten bombardierte die saudische Luftwaffe in Mukalla eine emiratische Fracht. Jetzt bittet Riad die Emirate, in den Krieg zurückzukehren, während sich in Abu Dhabi der israelische Ministerpräsident und Vertreter von Staaten an einen gemeinsamen Tisch setzen, die Israel offiziell nicht anerkennen.
Am Dienstag, dem 29. September, wurde der Vizepräsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mansur bin Zayid, am Flughafen von Riad persönlich vom saudischen Verteidigungsminister Prinz Khalid bin Salman empfangen. Ein protokollarisches Detail, aber ein vielsagendes. Ende Dezember vergangenen Jahres hatten saudische Kampfflugzeuge den Hafen von Mukalla angegriffen, wo nach Darstellung Riads emiratische Waffen für südjemenitische Separatisten entladen wurden. Gleichzeitig setzte der Vorsitzende des jemenitischen Präsidialen Führungsrates, Raschad al-Alimi, den emiratischen Streitkräften eine Frist von 24 Stunden, um das Land zu verlassen. Nun brachte der Bruder des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate eine Delegation in die saudische Hauptstadt, deren Zusammensetzung mehr sagt als jedes Kommunique: den Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates Ali bin Hammad al-Schamsi, den Leiter der nationalen Behörde für Notfälle und Krisen Ali Said Matar al-Neyadi sowie den Generalsekretär des Verteidigungsrates Tawazun, Nasser Humaid al-Nuaimi.
Mit einem solchen Gefolge reist man nicht an, um über brüderliche Bande zu sprechen. Eine solche Delegation kommt, um über Krieg zu verhandeln.
Die offizielle Formulierung war selbstverständlich makellos nichtssagend: Beide Seiten hätten die bilateralen Beziehungen und die regionalen Entwicklungen erörtert. Nach dem Treffen schrieb Prinz Khalid, er habe sich gefreut, die „brüderlichen Konsultationen“ mit seinem Gast fortzusetzen, und bezeichnete Saudi-Arabien als dessen „zweite Heimat“. Für einen Mann, dessen Land nach saudischer Darstellung im Januar heimlich einen des Hochverrats beschuldigten Separatistenführer aus dem Jemen ausgeflogen hatte, bedeutet ein solcher Empfang nur eines: Riad steckt inzwischen derart in Schwierigkeiten, dass es bereit ist, alte Kränkungen zu vergessen. Und zwar öffentlich.
Achtundvierzig Stunden, die den Golf neu geordnet haben
Der Besuch Mansur bin Zayids krönt die diplomatisch intensivste Woche, die der Nahe Osten in diesem Jahr erlebt hat. Die Chronologie ist wichtig, deshalb lohnt es sich, sie zu rekonstruieren.
Am Sonntag, dem 27. September, flog Benjamin Netanjahu mit einem Privatflugzeug nach Abu Dhabi und verbrachte dort den gesamten Tag. Israelischen Medienberichten zufolge wurde er vom Direktor des Mossad begleitet. Die offiziellen emiratischen Medien bestätigten das Treffen mit dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mohammed bin Zayid, erst am folgenden Tag, während sich das Büro des israelischen Ministerpräsidenten auf eine Erklärung über die Stärkung der Beziehungen und „regionale Herausforderungen“ beschränkte. Nach außen wurde das Treffen demonstrativ als rein bilaterale Angelegenheit dargestellt.
Hinter den Kulissen sah die Sache anders aus. Israelischen Quellen zufolge fand in Abu Dhabi ein Treffen mit Vertretern von rund zehn Staaten statt. Neben Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten sollen Delegationen aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Staaten, Marokko, Kuwait, Bahrain, Libyen, Oman und Ägypten angereist sein. Eine vollständige Bestätigung dieser Teilnehmerliste liegt nicht vor. Zwei Diplomaten aus Golfstaaten bestätigten israelischen Journalisten jedoch, dass an dem Treffen Vertreter von mindestens zwei arabischen Staaten teilnahmen, die keine diplomatischen Beziehungen zu Israel unterhalten. Im Mittelpunkt standen ihren Angaben zufolge der Iran und mögliche Szenarien für die kommenden Monate. Gesondert wurde die Abwehr der Huthis erörtert. Den durchgesickerten Einzelheiten nach ging es außerdem um die künftige Rolle der Emirate im Jemen, und zwar in Anwesenheit saudischer Vertreter.
Am Montag, dem 28. September, traf der türkische Außenminister Hakan Fidan direkt von der 81. Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen kommend in Abu Dhabi ein. Gleichzeitig landete der saudische Außenminister Prinz Faisal bin Farhan in Washington zu Gesprächen mit Außenminister Marco Rubio. Am Dienstag hielt sich Mansur bin Zayid in Riad auf.
Zu diesem Bild gehört auch eine innenpolitische israelische Dimension, ohne die die Analyse unvollständig wäre. Netanjahus Reise fiel in eine Phase heftiger Kontroversen: Israelische Medien veröffentlichten Angaben, wonach Mohammed bin Zayid den israelischen Ministerpräsidenten bereits Ende September 2023 vor einem bevorstehenden Angriff der Hamas gewarnt haben soll. Netanjahu bestreitet dies. Bis zu den für den 27. Oktober angesetzten Wahlen zur Knesset bleibt weniger als ein Monat, und einige israelische Kommentatoren vertreten offen die Auffassung, dass der Ministerpräsident auch deshalb nach Abu Dhabi geflogen sei, um eine Dementierung dieser Darstellung zu erreichen. Sollte dies zutreffen, hat er dieses Ziel nicht erreicht: Eine entsprechende Erklärung der Emirate blieb aus. Die regionale Agenda verschwindet dadurch allerdings keineswegs. Im Gegenteil: Netanjahu braucht gerade in dem Moment das Bild eines „Israel im Zentrum einer arabischen Koalition“, in dem die Wähler ihn nach dem Versagen der Nachrichtendienste vor drei Jahren fragen.
Achtunddreißig Tage, in denen aus Verbündeten Gegner wurden
Um das Ausmaß der gegenwärtigen Kehrtwende zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, wie tief Riad und Abu Dhabi noch vor wenigen Monaten zerstritten waren.
Die Koalition, die am 26. März 2015 mit der Operation „Sturm der Entschlossenheit“ in den Jemenkrieg eingriff, war von Beginn an ein Bündnis zweier Motoren mit unterschiedlichen Fahrplänen. Saudi-Arabien kämpfte für einen einheitlichen Jemen unter einer ihm wohlgesinnten Regierung. Die Emirate bauten dagegen entlang der Küste ein Netz von Häfen und Stützpunkten auf und stützten sich auf Kräfte im Süden, von denen viele die Wiederherstellung des unabhängigen Staates anstrebten, der dort von 1967 bis 1990 existiert hatte. 2019 zogen die Vereinigten Arabischen Emirate den Großteil ihrer Truppen ab, hinterließen jedoch ausgebildete und bewaffnete Verbündete, vor allem den im April 2017 gegründeten Südlichen Übergangsrat.
Zur Explosion kam es am 2. Dezember 2025. Der Südliche Übergangsrat begann eine Offensive im Süden, und aus saudischer Sicht war bereits der Zeitpunkt eine Demonstration: Die Operation begann zeitgleich mit dem jährlichen Gipfeltreffen des Golf-Kooperationsrates. Innerhalb einer Woche nahmen die Separatisten Hadramaut und al-Mahra ein. Nach vorliegenden Schätzungen kontrollierten sie bis zum 9. Dezember zwischen 90 und 95 Prozent der besiedelten Gebiete des ehemaligen Südjemen sowie mindestens 80 Prozent der nachgewiesenen Erdölreserven des Landes. Ausgerechnet in Hadramaut hatte der jemenitische geologische Dienst kurz zuvor die Entdeckung von Lagerstätten von Metallen der Platingruppe bekannt gegeben. Das Geld liegt in diesem Krieg nie offen auf der Straße, aber es befindet sich stets in unmittelbarer Nähe.
Riad reagierte mit für seine Verhältnisse ungewöhnlicher Geschwindigkeit. Am 26. Dezember griff die saudische Luftwaffe Stellungen des Südlichen Übergangsrates im Wadi Nahb an. Am 30. Dezember folgte ein Angriff auf den Hafen von Mukalla und auf Schiffe mit einer Ladung, die Saudi-Arabien als emiratische Waffen bezeichnete. Abu Dhabi bestritt, dass sich Waffen an Bord befunden hätten, und beteuerte demonstrativ sein Bekenntnis zur Sicherheit des Königreichs. Am selben Tag verlangte al-Alimi nach Konsultationen in Riad den Abzug sämtlicher emiratischer Kräfte aus dem Jemen innerhalb von 24 Stunden.
Das Finale hatte beinahe filmische Züge. Der Vorsitzende des Südlichen Übergangsrates, Aidarus al-Zubaidi, sollte zu Verhandlungen nach Riad fliegen, bestieg das Flugzeug jedoch nicht. Später erklärte das Koalitionskommando, er habe sich am 7. Januar auf dem Seeweg nach Berbera in Somaliland abgesetzt, sei von dort über Mogadischu weitergeflogen und schließlich auf dem Militärflugplatz al-Rif in Abu Dhabi gelandet. Nach Darstellung der Koalition schaltete das Flugzeug seinen Transponder über dem Golf von Oman aus und erst zehn Minuten vor der Landung wieder ein. Am 9. Januar wurde in Riad die Selbstauflösung des Südlichen Übergangsrates verkündet. Der in Abu Dhabi befindliche Sprecher der Bewegung erkannte diese Entscheidung nicht an.
Die Geschichte der vergangenen zehn Jahre zeigt, wie solche Streitigkeiten am Golf gewöhnlich enden. Im Juni 2017 verhängten Riad und Abu Dhabi gemeinsam eine Blockade gegen Katar, stellten dem Land dreizehn Forderungen und erreichten die Erfüllung keiner einzigen. Am 5. Januar 2021 umarmten sich in al-Ula wieder alle, ohne dass sich irgendjemand bei irgendjemandem entschuldigte. Die Golfmonarchien verstehen es, sich zu versöhnen, ohne Schuld einzugestehen. Deshalb darf auch die jetzige Aussöhnung nicht als Kapitulation einer Seite verstanden werden: Es handelt sich um einen Handel, bei dem jeder so tut, als habe er nichts aufgegeben.
Der Jemen war allerdings nur der lauteste Streitpunkt. Im Sudan steht Riad hinter der Armee von General Abdel Fattah al-Burhan, während den Emiraten seit Jahren die Unterstützung der Rapid Support Forces vorgeworfen wird. Abu Dhabi weist diese Vorwürfe zurück. Ein dritter Konfliktknoten zog sich am 26. Dezember zu, ausgerechnet an jenem Tag, an dem saudische Flugzeuge Wadi Nahb bombardierten: Israel erkannte als erstes Mitglied der Vereinten Nationen die Unabhängigkeit Somalilands an. Das saudische Außenministerium reagierte mit einer scharfen Erklärung, bekräftigte seine uneingeschränkte Unterstützung für die Souveränität und territoriale Integrität Somalias und bezeichnete Israels Schritt als Verstoß gegen das Völkerrecht. Abu Dhabi ist seit 2016 eng mit Somaliland verbunden. Damals erhielt das emiratische Unternehmen DP World eine Konzession für den Hafen von Berbera im Wert von 442 Millionen Dollar, und ein Jahr später billigte das Parlament Somalilands die Stationierung eines emiratischen Stützpunktes dort. Somalia kündigte daraufhin mehrere große Verträge mit den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Auf der Landkarte des Roten Meeres hatten sich Anfang 2026 zwei Lager herausgebildet. Auf der einen Seite Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate mit Berbera. Auf der anderen Saudi-Arabien, Ägypten, die Türkei und Somalia.
Mokha fiel innerhalb eines Tages: Wie die Huthis das Königreich an der Kehle packten
Alles, was danach geschah, lässt sich ohne den großen Krieg nicht verstehen. Im Februar 2026 begannen die Vereinigten Staaten und Israel eine militärische Kampagne gegen den Iran. Die Straße von Hormus, durch die in Friedenszeiten etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdöls transportiert wird, wurde faktisch blockiert. Am 13. März reduzierte Saudi-Arabien seine Förderung um 20 Prozent. Das Königreich verlagerte den Großteil seiner Exporte auf die rund 1.200 Kilometer lange Ost-West-Pipeline zum Hafen Yanbu am Roten Meer. Ihre Kapazität wird je nach Schätzung mit fünf bis sieben Millionen Barrel täglich angegeben, und die Frage, welche Zahl der Realität näherkommt, interessiert die Händler derzeit mehr als jede politische Erklärung.
Das Rote Meer wurde zur einzigen Lunge Riads. Die Huthis begriffen das früher als alle anderen.
Im Sommer zerbrach der amerikanisch-iranische Waffenstillstand. Am 20. Juli verkündeten die Huthis eine Blockade saudischer Häfen und Schiffe, am 23. Juli meldeten sie Angriffe auf zwei saudische Tanker. Am 30. Juli drohte der Anführer der Bewegung, Abdul-Malik al-Huthi, dem Königreich mit einer „vollständigen Eskalation“. Wenige Stunden später gab Riad die Gründung einer multinationalen maritimen Verteidigungskoalition bekannt. Vierzehn Staaten unterzeichneten die Gründungserklärung, darunter Pakistan, die Türkei, Ägypten, Jordanien und Dschibuti. Hauptquartier und Kommando wurden in Saudi-Arabien eingerichtet.
Die Huthis antworteten auf ihre Weise. Am 4. September begannen sie eine Offensive entlang der Westküste. Innerhalb weniger Tage besetzten sie sechs Bezirke in den Provinzen Taizz und Hodeida, die Hafenstädte Mokha und Zubab und anschließend strategisch wichtige Inseln, darunter Perim unmittelbar am Eingang zum Bab al-Mandab. Am 11. September fiel der Hanisch-Archipel. Das Militärkommando der Huthis erklärte, die Schifffahrt sei für alle Unternehmen mit Ausnahme saudischer sicher. Die Botschaft ist darauf angelegt, den Rest der Welt zum Zuschauer zu machen, und sie funktioniert: Washington, das die Huthis sowohl unter Biden als auch unter Trump bombardiert hatte, griff diesmal nicht in den Krieg ein.
Am 8. September folgte ein Angriff auf das Königreich selbst. Raketen und Drohnen trafen Einrichtungen in Abha, Dschizan, Nadschran und Chamis Muschait. 73 Menschen wurden verletzt. Anlagen von Saudi Aramco gerieten in Brand, darunter Einrichtungen im Raum Dschizan, wo eine der größten Erdölraffinerien des Landes mit einer Kapazität von 400.000 Barrel täglich betrieben wird. Der Preis für Brent-Rohöl stieg erstmals seit Juli auf mehr als 100 Dollar je Barrel. Fast gleichzeitig wurde die Ost-West-Pipeline angegriffen. Der Anschlag wurde proiranischen Gruppierungen im Irak zugeschrieben, und der Durchfluss musste vorübergehend eingestellt werden.
Der naheliegendste Präzedenzfall ist offensichtlich. Am 14. September 2019 legte der Angriff auf Abqaiq und Churais innerhalb einer Nacht Förderkapazitäten von rund 5,7 Millionen Barrel täglich lahm, etwa die Hälfte der saudischen Produktion. Damals stellte Riad die Kapazitäten innerhalb weniger Wochen wieder her, und die Welt vergaß den Vorfall rasch. Der Unterschied besteht darin, dass dem Königreich 2019 noch die Straße von Hormus offenstand. 2026 ist das nicht mehr der Fall.
Mokha verdient eine gesonderte Betrachtung. Die Stadt wurde im Februar 2017 von Kräften, die mit Unterstützung der Emirate operierten, den Huthis abgenommen. Seitdem wurde die Westküste von Verbänden gehalten, die Abu Dhabi aufgebaut hatte, insbesondere von Einheiten Tariq Salehs. Im Januar 2026 zogen sich die Emirate aus dem Jemen zurück. Bei ihrer Septemberoffensive nahmen die Huthis Mokha innerhalb eines einzigen Tages ein. Einen direkten ursächlichen Zusammenhang erkennt offiziell niemand an, doch die militärische Logik ist offensichtlich: Riad drängte den Schutzherrn aus dem Jemen, auf dem die Verteidigung der Küste beruhte, und verlor acht Monate später eben diese Küste.
Darin liegt meines Erachtens das Hauptmotiv für die gegenwärtige Aussöhnung. Saudi-Arabien hat festgestellt, dass es den Krieg gegen seinen Verbündeten gewonnen hat und den Krieg gegen seinen Feind zu verlieren droht.
Der pakistanische Schutzschild erwies sich als papierdünn
Riad blieb nicht untätig. Am 17. September 2025 unterzeichnete das Königreich mit Pakistan ein Abkommen über strategische gegenseitige Verteidigung. Am 7. August 2026 folgte ein umfassenderes Dokument, das Mekka-Abkommen über gemeinsame Verteidigung zwischen Saudi-Arabien, Pakistan und der Türkei. Danach gilt ein Angriff auf einen Teilnehmer als Angriff auf alle. Am 31. August fand in Istanbul die erste Sitzung des Ausschusses zur Umsetzung des Abkommens statt.
Auf dem Papier entstand eine Konstruktion, um die jeder Stratege das Königreich beneiden könnte: das nuklear bewaffnete Pakistan mit einer der größten Armeen der Welt plus die Türkei mit der zweitgrößten Armee der NATO und Drohnen, die von Libyen bis Karabach im Kampfeinsatz erprobt wurden. Die Praxis erwies sich als komplizierter. Am 24. September vereinbarten Prinz Faisal bin Farhan, der pakistanische Vizepremier und Außenminister Ishaq Dar sowie Hakan Fidan in New York ein dringendes Treffen der Generalstabschefs. Am 25. September trafen Feldmarschall Asim Munir und General Selçuk Bayraktaroğlu in Riad ein. Erörtert wurden der Austausch nachrichtendienstlicher Informationen, die Koordinierung und die Integration militärischer Fähigkeiten. Der Mechanismus der kollektiven Verteidigung wurde jedoch formal nicht aktiviert.
Die pakistanische Zurückhaltung hat eine lange Vorgeschichte. Im April 2015, zwei Wochen nach Beginn der Operation „Sturm der Entschlossenheit“, stimmte das pakistanische Parlament trotz einer direkten Bitte Riads um die Entsendung von Truppen einstimmig für Neutralität im Jemenkrieg. Die Erklärung lag auf der Hand: Pakistan besitzt eine lange Grenze zum Iran und eine schiitische Bevölkerung von vielen Millionen Menschen. In elf Jahren haben sich weder die Grenze noch die demografischen Verhältnisse verändert. Ankara wiederum besteht offiziell auf der Einheit des Jemen und führt gleichzeitig Gespräche mit Teheran, das für die Türkei ein wichtiger Handelspartner bleibt.
Bezeichnend ist, dass sich das Königreich auch an seine westlichen Partner um Hilfe wandte. Frankreich kündigte die Entsendung von Soldaten zum Schutz des Erdölterminals in Yanbu an. Die Vereinigten Staaten lehnten vorliegenden Angaben zufolge die Bitte des Kronprinzen um direkte Angriffe auf die Huthis ab und erklärten sich lediglich zu nachrichtendienstlicher Unterstützung und Hilfe bei der Zielerfassung bereit. Der Großmufti des Königreichs wandte sich in einem seltenen öffentlichen Appell an die Soldaten an der Front und rief sie zur Standhaftigkeit auf. Wenn ein Staat mit einem der größten Militärhaushalte der Welt die Geistlichkeit zu Hilfe ruft, sagt das viel über die Stimmung in den Stäben aus.
Die Emirate erscheinen vor diesem Hintergrund in einem völlig anderen Licht. Sie verfügen über etwas, das weder Islamabad noch Ankara besitzen: zehn Jahre Kriegserfahrung genau an dieser Küste, nachrichtendienstliche Netzwerke im Süden des Jemen, Verbindungen zu Stammesführern und Infrastruktur auf beiden Seiten der Meerenge. Die Start- und Landebahn auf der Insel Perim, deren Bau 2021 mit den Vereinigten Arabischen Emiraten in Verbindung gebracht wurde, wird heute von den Huthis kontrolliert. Berbera gehört weiterhin zum emiratischen Einflussbereich. Riad braucht keinen weit entfernten Verbündeten mit einer Atombombe, sondern einen Nachbarn, der jeden Anleger zwischen Aden und Hodeida kennt.
Ein Tisch für zehn: Netanjahu neben denen, die Israel nicht anerkennen
Kehren wir nach Abu Dhabi zurück. Sollte die von israelischen Quellen veröffentlichte Teilnehmerliste auch nur zur Hälfte stimmen, haben wir es mit einer beispiellosen Konstellation zu tun.
Von den acht arabischen Staaten, die auf dieser Liste genannt werden, unterhalten formal vier diplomatische Beziehungen zu Israel: Ägypten seit 1979, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain seit der Unterzeichnung der Abraham-Abkommen am 15. September 2020 und Marokko seit Dezember desselben Jahres. Saudi-Arabien, Kuwait, Oman und Libyen erkennen Israel offiziell nicht an. Kuwait galt jahrzehntelang als entschiedenster Gegner einer Normalisierung am Golf. Oman hat Netanjahu bereits einmal empfangen, im Oktober 2018, und dieser Besuch wurde damals zur Sensation. Diesmal scheint ein vergleichbares Treffen vor dem Hintergrund von Sirenen und brennenden Terminals beinahe unbemerkt geblieben zu sein.
Israels Interesse ist offensichtlich. Seit November 2023 führten die Huthis ihren eigenen Krieg gegen die israelische Schifffahrt, und im Sommer 2025 war der Hafen von Eilat nach dem Zusammenbruch des Güterverkehrs faktisch bankrott. Die Kontrolle der Huthis über Mokha, Perim und Hanisch verwandelt die Bedrohung von einem episodischen in ein strukturelles Problem. Die israelisch-emiratische Verteidigungszusammenarbeit umfasst seit 2020 vorliegenden Angaben zufolge die Lieferung von Luftabwehrsystemen und den Austausch nachrichtendienstlicher Informationen. Berichten zufolge erörterten Netanjahu und Mohammed bin Zayid unter anderem auch die Sicherheit des Luftverkehrs.
Die Grenzen dieses Interesses sind ebenfalls erkennbar. Im israelischen Militär- und Expertenmilieu wird deutlich gemacht, dass das Land nicht beabsichtigt, ohne einen direkten Angriff auf Israel in einen saudisch-huthischen Krieg hineingezogen zu werden. Drei schwere Jahre, die ungelöste Iranfrage und Wahlen in einem Monat sind keine günstigen Voraussetzungen für eine neue Front. Israel kann nachrichtendienstliche Erkenntnisse, Luftabwehrtechnik und Erfahrung bei der Abwehr ballistischer Raketen anbieten. Soldaten wird es nicht anbieten.
Für Saudi-Arabien birgt die Teilnahme an einem Treffen mit Israel in einer solchen Situation innenpolitische Risiken, und in Riad weiß man das sehr genau. Seit 2024 knüpft das Königreich eine Normalisierung öffentlich an die Gründung eines palästinensischen Staates und hat diese Position nicht aufgegeben. Der Ausweg entspricht der klassischen Golfdiplomatie: Anwesenheit ohne Fotos, Teilnahme ohne Kommunique, Koordinierung ohne Bündnis. Israel befindet sich erstmals innerhalb einer arabischen militärisch-politischen Konstellation, die niemand beim Namen nennen darf.
Der Preis der Vergebung: Was Riad Abu Dhabi zugestehen muss
Die Aussöhnung mit den Emiraten ist nicht kostenlos, und in Riad weiß man das besser als irgendwo sonst. Diesmal ist das Königreich der Bittsteller. Mohammed bin Zayid schickte seinen Bruder, statt selbst zu kommen, und auch die Wahl des Gesandten ist Teil der Botschaft.
Der erste und offensichtlichste Preis betrifft den Jemen. Abu Dhabi dürfte kaum bereit sein, unter den alten Bedingungen in den Krieg zurückzukehren, unter denen Riad die Strategie bestimmte, während emiratische Verbündete an der Front starben. Wahrscheinlicher ist eine Rehabilitierung eines Teils der im Januar zerschlagenen südlichen Strukturen sowie Sicherheitsgarantien für Kommandeure, die Riad noch vor Kurzem als Rebellen bezeichnete. Das Schicksal al-Zubaidis, der von der jemenitischen Regierung des Hochverrats beschuldigt wird und in Abu Dhabi lebt, wird zum Lackmustest. Verschwinden die Anschuldigungen stillschweigend von der Tagesordnung, wurde das Geschäft zu emiratischen Bedingungen geschlossen.
Der zweite Preis betrifft die Ressourcen des Südens. Hadramaut mit seinem Erdöl und den erst kürzlich gemeldeten Vorkommen von Metallen der Platingruppe war der Hauptgewinn der Dezemberoffensive. Die Emirate werden dort einen Anteil am Einfluss verlangen, auch wenn dies nicht in Form direkter Kontrolle geschieht.
Der dritte betrifft den Sudan und Somaliland, wo Riad zumindest seinen Ton mäßigen müsste. Somaliland anerkennen wird das Königreich nicht: Das würde seiner eigenen Erklärung vom Dezember und seinen Beziehungen zu Ägypten widersprechen. Schweigen über Berbera, den emiratischen Stützpunkt und israelische Pläne für diesen Hafen wird jedoch zu einer Währung, mit der Riad nun bezahlen kann. Der israelische Außenminister Gideon Saar hatte bereits seine Absicht angekündigt, Berbera zu besuchen, während der somalische Verteidigungsminister mit militärischen Maßnahmen drohte, sollte dort eine israelische Präsenz entstehen.
Es gibt noch einen vierten, immateriellen Preis, über den gewöhnlich nicht gesprochen wird. Mohammed bin Salman demonstrierte im Dezember seine Bereitschaft, Gewalt gegen einen Partner am Golf einzusetzen, der seine roten Linien überschritten hatte. Jetzt demonstriert er das Gegenteil: Die Gewalt hat nicht funktioniert, und der Partner wird wieder gebraucht. Solche Kehrtwenden werden in der Politik des Golfs weder verziehen noch vergessen. Abu Dhabi wird sich merken, dass das Königreich von selbst zurückgekommen ist.
Warum Ankara nicht an den Tisch gebeten wurde
Die auffälligste Abwesenheit beim Treffen in Abu Dhabi war die der Türkei. Hakan Fidan traf dort einen Tag nach Netanjahu ein, führte Gespräche mit Mohammed bin Zayid, Mansur bin Zayid und dem nationalen Sicherheitsberater Scheich Tahnun bin Zayid, bezeichnete den Besuch als „äußerst produktiv“ und reiste wieder ab. Auf dem türkischen Programm stand die Vorbereitung der zweiten Sitzung des Hochrangigen Rates für strategische Zusammenarbeit. Türkischen Diplomatenkreisen zufolge wollte Fidan über den Grundsatz regionaler Verantwortung für die Sicherheit und über die Einheit des Jemen als Voraussetzung für die Sicherheit des Nahen Ostens sprechen.
Jede dieser Aussagen hat einen konkreten Adressaten. Regionale Verantwortung bedeutet im diplomatischen Sprachgebrauch der Türkei die Ablehnung einer Sicherheitsarchitektur, die von externen Akteuren, vor allem Israel, gestaltet wird. Die Forderung nach einem einheitlichen Jemen klingt wie ein direkter Vorwurf an die emiratische Politik der Unterstützung des Südens. Ankara bezeichnete Israels Anerkennung Somalilands im Dezember als rechtswidrigen und destabilisierenden Schritt. Gleichzeitig unterhält die Türkei seit 2017 in Mogadischu ihren größten Militärstützpunkt im Ausland.
Der Grund für den Ausschluss der Türkei liegt auf der Hand. Solange Netanjahu an diesem Tisch sitzt, wird Erdogan dort nicht Platz nehmen: Die Beziehungen zwischen Ankara und Jerusalem befinden sich nach Gaza und Syrien auf ihrem schlechtesten Stand seit dem Zwischenfall mit der „Mavi Marmara“ im Jahr 2010. Die Gastgeber des Treffens haben sich entschieden, und ihre Entscheidung fiel nicht zugunsten der Türkei aus.
Von Baku aus betrachtet ist diese Weggabelung besonders deutlich zu erkennen. Aserbaidschan hat strategische Beziehungen sowohl zu Ankara als auch zu Jerusalem aufgebaut, und im April 2025 fanden gerade in Baku türkisch-israelische technische Konsultationen zur Verhinderung von Zusammenstößen in Syrien statt. Je schärfer die Trennlinie zwischen dem türkischen und dem israelischen Lager im Nahen Osten wird, desto größer wird die Nachfrage nach den wenigen Orten, an denen beide Seiten noch bereit sind, miteinander zu sprechen. Davon gibt es in der Region kaum noch welche.
Für Riad schafft die Abwesenheit der Türkei ein anderes Problem. Ankara ist sowohl am Mekka-Abkommen als auch an der maritimen Koalition beteiligt, und das Königreich kann es sich nicht leisten, die Türkei zu verlieren, während es Israel gewinnt. Daher die doppelte Buchführung der saudischen Diplomatie in den vergangenen Tagen: in New York mit den Türken und Pakistanern, in Abu Dhabi mit den Israelis, in Washington mit den Amerikanern. Das Königreich baut keine einzelne Koalition auf, sondern mehrere parallele Koalitionen, von denen jede ihren eigenen Eingang und ihr eigenes Passwort besitzt.
Die neue Landkarte: Ein Bündnis ohne Namen
Was entsteht also vor unseren Augen? Ein klassisches Militärbündnis mit Satzung und Hauptquartier ist nicht zu erkennen. Wir sehen vielmehr ein Netz sich überschneidender Vereinbarungen, in dessen Mittelpunkt eine gemeinsame Bedrohung steht: der Iran und sein jemenitischer Verbündeter, der sich am Bab al-Mandab festgesetzt hat.
In diesem Netzwerk hat jeder seine eigene Rolle. Saudi-Arabien stellt Geld, Territorium und politische Legitimität bereit. Die Emirate bringen Erfahrung, Häfen und Einflussnetze im Süden des Jemen und am Horn von Afrika ein. Israel verfügt über Nachrichtendienste und Luftabwehrtechnologien, ohne die der Schutz von Yanbu und Dschizan vor ballistischen Raketen zum Glücksspiel wird. Die Vereinigten Staaten spielen die Rolle eines Garanten, der selbst nicht kämpfen will, aber Daten für die Zielerfassung liefert. Ägypten, dessen Einnahmen aus dem Suezkanal zusammen mit dem Schiffsverkehr im Roten Meer eingebrochen sind, hat Interesse an jeder Lösung, die Schiffe in die Meerenge zurückbringt.
Die Schwachstellen dieser Konstruktion sind nicht weniger zahlreich als ihre Stärken. Ihre Teilnehmer sind sich weiterhin uneinig in der Palästinafrage, beim Sudan, bei Somaliland und hinsichtlich der Zukunft des Jemen. Zusammengehalten wird sie durch Angst, und Angst war als Fundament von Bündnissen historisch selten von Dauer. Man muss sich nur daran erinnern, wie schnell die gegen den Iran gerichtete „arabische NATO“ zerfiel, die die Trump-Regierung zwischen 2017 und 2019 unter der Bezeichnung Strategische Allianz für den Nahen Osten voranzutreiben versuchte.
Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied zu jener Zeit. Damals blieb Israel ein externer Partner, mit dem die arabischen Hauptstädte über Washington koordinierten. Jetzt sitzt Israel, sofern das Treffen von Abu Dhabi als Maßstab dient, unmittelbar mit am Tisch. Selbst wenn eine formelle Normalisierung mit Riad noch in weiter Ferne liegt, ist die funktionale Integration Israels in das Sicherheitssystem des Golfs keine bloße Hypothese mehr.
Wer verliert? In erster Linie der Iran: Die Isolation, die Teheran mit der 2023 unter chinesischer Vermittlung erreichten saudisch-iranischen Normalisierung durchbrechen wollte, kehrt in verschärfter Form zurück. Auch die Huthis verlieren, sollte die Koalition tatsächlich Gestalt annehmen: Emiratische Nachrichtendienste im Süden, israelische Abwehrtechnologien und saudisches Geld sind gemeinsam gefährlicher als jede dieser Ressourcen für sich allein. Die Türkei läuft Gefahr, außerhalb des wichtigsten militärisch-politischen Gefüges am Roten Meer zu bleiben, wo sie in den vergangenen zehn Jahren so beharrlich ihre Präsenz ausgebaut hat. Die Palästinenser verlieren einen weiteren Hebel: Die arabischen Staaten demonstrieren erneut, dass ihnen die eigene Sicherheit wichtiger ist als die palästinensische Frage.
Eine Prognose mit konkreten Fristen
Ein Analyst, der nicht bereit ist, Zeiträume zu nennen, erzählt lediglich die Nachrichten nach. Deshalb halte ich einige überprüfbare Aussagen fest.
Bis zu den Wahlen zur Knesset am 27. Oktober 2026 wird es kein einziges offizielles Foto eines hochrangigen saudischen Vertreters an der Seite eines Israelis geben. Die Koordinierung wird fortgesetzt, doch Riad wird Netanjahu kein Wahlkampffoto schenken, während Netanjahu auf „historische Kontakte“ anspielen wird, ohne Einzelheiten zu nennen.
Bis zum 31. Dezember 2026 werden die Emirate keine Bodentruppen in den Jemen zurückschicken. Ihre Rückkehr wird sich auf Nachrichtendienste, Seepatrouillen, Lieferungen und die Finanzierung loyaler südlicher Verbände konzentrieren. Ein Anzeichen für eine Einigung wird die Ernennung von Persönlichkeiten, die dem ehemaligen Südlichen Übergangsrat nahestehen, auf Schlüsselposten in Aden sein.
Bis Ende 2026 wird das Mekka-Abkommen weiterhin nicht offiziell aktiviert werden. Pakistanische und türkische Militärangehörige werden sich auf Beraterfunktionen, Übungen und den Informationsaustausch beschränken.
Israel wird bis zum Jahresende keine Stellungen der Huthis an der Westküste des Jemen angreifen, sofern die Huthis nicht selbst israelisches Territorium attackieren. Tun sie es, wird innerhalb eines Tages ein Gegenschlag erfolgen. Es wäre der erste Fall, in dem Israel faktisch an der Seite Saudi-Arabiens kämpft, obwohl das Königreich Israel offiziell nicht anerkennt.
Eine Frage lasse ich offen. Kann eine Konstruktion, die durch die Angst vor dem Iran zusammengehalten wird, den Augenblick überleben, in dem diese Angst nachlässt, etwa infolge eines neuen amerikanisch-iranischen Waffenstillstands?
Das Flugzeug, das am falschen Ort landete
Am Mittwoch, dem 30. September, drei Tage nach dem Treffen in Abu Dhabi, musste der Flug FZ1073 der Fluggesellschaft flydubai von Dubai nach Israel nach einem Zwischenfall an Bord, der in Israel als möglicher Terroranschlag eingestuft wurde, in Saudi-Arabien notlanden. Die Passagiere auf dem Weg nach Tel Aviv wurden auf saudischem Boden aufgenommen und anschließend zum Flughafen Ben Gurion gebracht. Die Emirate leiteten Ermittlungen ein, und flydubai setzte ihre Flüge nach Tel Aviv vorübergehend aus.
Ein Skandal blieb aus. Keine der Seiten machte daraus eine politische Erklärung. Das saudische Königreich, das Israel offiziell nicht anerkennt, nahm das Flugzeug einfach auf und half dabei, die Menschen nach Hause zu bringen.
Neue Bündnisse im Nahen Osten entstehen genau auf diese Weise: ohne Unterschriften und ohne Zeremonien, auf einer Ausweichlandebahn, wenn die gewohnte Ordnung versagt.