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Europa sprach jahrzehntelang über strategische Autonomie ungefähr so, wie man über körperliche Fitness spricht: Alle erkannten ihren Nutzen an, aber nur wenige waren bereit, dafür ihre gewohnte Lebensweise zu ändern.

Amerikanische Kampfflugzeuge waren verfügbar. Amerikanische Raketen waren erprobt. Die amerikanische Aufklärung funktionierte. Amerikanische Satelliten sahen weiter. Die amerikanische Logistik ermöglichte die Verlegung ganzer Armeen. Die amerikanische nukleare Abschreckung beantwortete schließlich auch die letzte und furchterregendste Frage der europäischen Sicherheit.

Man konnte mit Washington über Handel, Klima, China, den Nahen Osten oder Digitalsteuern streiten, doch im entscheidenden Augenblick galt weiterhin die Annahme, dass die USA dort bleiben würden, wo sie seit Jahrzehnten standen: hinter Europa.

Diese Gewissheit verschwindet nun.

Auf dem Kontinent beginnt eine stille Verteidigungsrevolution. Die Europäische Union versucht nicht einfach nur, die Waffenproduktion zu steigern. Das Ziel ist wesentlich umfassender: europäische Rüstungssysteme so weit wie möglich von amerikanischer Technologie zu befreien, eigene Lieferketten, Satellitensysteme, Software, künstliche Intelligenz, Raketen, Drohnen, Luftverteidigungssysteme und Präzisionswaffen zu entwickeln und anschließend die Fähigkeit zu erlangen, diese ohne politische Genehmigung Washingtons zu exportieren, zu modernisieren und einzusetzen.

Mehrere Entwicklungen haben diesen Prozess gleichzeitig beschleunigt: die Differenzen mit den USA über die Ukraine, Handelszölle, Drohungen mit einer Verringerung des amerikanischen Engagements in der NATO und die allgemeine strategische Verlagerung Washingtons hin zur Konfrontation mit China.

Doch das eigentlich Interessante beginnt erst danach.

Europa hat plötzlich erkannt, dass es wesentlich leichter ist, Unabhängigkeit zu kaufen, als sie aufzubauen.

Washington kontrolliert nicht nur die Waffen. Es kontrolliert auch das Recht, über sie zu verfügen

Das Hauptproblem amerikanischer Waffen besteht für die Befürworter europäischer Autonomie inzwischen nicht mehr in ihrem Preis.

Das Problem ist das amerikanische Rüstungsexportrecht.

Die amerikanischen Vorschriften für den internationalen Waffenhandel wurden geschaffen, um militärische Technologien der USA zu schützen. In Europa werden sie jedoch zunehmend als Mechanismus betrachtet, der Washington politischen und technologischen Einfluss weit über das amerikanische Staatsgebiet hinaus ermöglicht.

Besonders sensibel ist dabei das sogenannte Prinzip der fortdauernden Kontrolle.

Enthält ein System eine amerikanische Komponente, selbst wenn diese vergleichsweise unbedeutend ist, kann sein Export von einer amerikanischen Genehmigung abhängen. In bestimmten Fällen müssen auch die Modernisierung und die Verlegung der Ausrüstung genehmigt werden.

Das ist keineswegs ein theoretisches Problem.

Die USA haben bereits Lieferungen französischer Falcon-Eye-Satelliten an die Vereinigten Arabischen Emirate sowie von SCALP-Raketen für Rafale-Kampfflugzeuge blockiert, die für Ägypten bestimmt waren.

Es gibt noch einen weiteren Abhängigkeitsmechanismus: staatlich abgewickelte amerikanische Rüstungsexporte.

Wenn ein Staat F-35-Kampfflugzeuge oder Patriot-Luftverteidigungssysteme kauft, erwirbt er nicht einfach ein Flugzeug oder ein Luftabwehrsystem. Damit entsteht zugleich eine lange Kette aus technischer Wartung, Softwareaktualisierungen, Munition, Ersatzteilen, Lizenzen und amerikanischen Verwaltungsverfahren.

Der Kauf von Waffen wird damit gleichzeitig zu einer politischen Beziehung.

Eine weitere Frage betrifft die Daten.

Ein 2018 in den USA verabschiedetes Gesetz über den Zugriff auf elektronisch gespeicherte Daten ermöglicht es amerikanischen Behörden unter bestimmten Voraussetzungen, Daten von amerikanischen Unternehmen anzufordern, selbst wenn sich die entsprechenden Server physisch außerhalb der USA befinden.

Für den Verteidigungssektor ist eine solche Abhängigkeit besonders sensibel.

Die Software der F-35, einschließlich des Systems ODIN, ist mit der amerikanischen Infrastruktur für Aktualisierung und Unterstützung verbunden. Die Abhängigkeit von Software und Ersatzteilen bedeutet grundsätzlich, dass die Autonomie beim Betrieb eines Waffensystems niemals mit der Autonomie bei einer gewöhnlichen Maschine vergleichbar ist, die man kaufen und anschließend vollständig selbst kontrollieren kann.

Genau deshalb beginnen Deutschland und andere europäische Staaten, eigene Kontrollmodelle zu entwickeln und Komponenten, die unter amerikanische Exportbeschränkungen fallen, immer genauer zu prüfen.

Dabei geht es nicht nur um mögliche Exportbeschränkungen.

Um Genehmigungen zu erhalten, müssen europäische Auftragnehmer amerikanischen Regulierungsbehörden detaillierte technische Informationen offenlegen. Für ein Rüstungsunternehmen bedeutet dies den möglichen Zugriff eines fremden Staates auf sensible Informationen über Produkte, Technologien und Produktionsverfahren.

Berlin bestellte 400 Tomahawk-Raketen. Dann stellte sich heraus, dass die Amerikaner ihre Raketen selbst brauchen

Die Abhängigkeit hat auch eine wesentlich banalere Dimension.

Manchmal verbietet Amerika Europa den Kauf von Waffen nicht.

Amerika braucht diese Waffen einfach selbst.

Bezeichnend war die Krise um die Tomahawk-Raketen. Nach dem intensiven Verbrauch amerikanischer Munition im Nahen Osten, der nach den ursprünglichen Schätzungen bei mehr als tausend Einheiten lag, drohte sich die Auslieferung einer deutschen Bestellung über 400 Raketen zu verzögern.

Nach Verhandlungen sagte die amerikanische Seite zu, die Ausführung des Auftrags im August wieder aufzunehmen.

Doch bereits die Situation an sich war für Berlin äußerst unangenehm.

Deutschland hatte mit einem wichtigen Instrument der weitreichenden Abschreckung gerechnet und wurde plötzlich mit einer einfachen Realität konfrontiert: Sobald gleichzeitig ein amerikanischer Eigenbedarf entsteht, verliert die europäische Bestellung ihre Priorität.

Ein europäisches System vergleichbarer Klasse wird erst für das Jahr 2030 erwartet.

Ein Krieg, eine Krise oder die Notwendigkeit zur Abschreckung werden jedoch nicht auf den europäischen Produktionskalender warten.

Genau darin besteht Europas grundlegendes Dilemma: Um in zehn Jahren unabhängig zu sein, muss Europa heute in seine eigene Industrie investieren. Um jedoch heute seine Sicherheit zu gewährleisten, muss es amerikanische Waffen kaufen.

Jede dringende Beschaffung in den USA schließt kurzfristig eine militärische Fähigkeitslücke und verkleinert gleichzeitig den wirtschaftlichen Spielraum für eine europäische Alternative von morgen.

58 Prozent Abhängigkeit: Europa bezahlt Amerika für seine eigene strategische Verwundbarkeit

Das Ausmaß des Problems zeigt sich in den Statistiken.

Auf amerikanische Waffen entfallen rund 58 Prozent der externen Rüstungsbeschaffungen der europäischen NATO-Mitglieder.

Nach einer anderen Berechnung erhalten die USA etwa 63 Prozent der europäischen Rüstungsimporte, die von außerhalb der Europäischen Union stammen.

Doch selbst diese Zahlen zeigen nicht das vollständige Bild.

Die Staaten der Europäischen Union geben bis zu 78 Prozent der entsprechenden Verteidigungsausgaben für Beschaffungen bei externen Lieferanten aus. Neben den USA fließen erhebliche Mittel an Hersteller in Südkorea, Israel und Großbritannien.

Im Zuge der dringenden europäischen Wiederbewaffnung sank der Anteil der Beschaffungen innerhalb der Europäischen Union von ungefähr 62 auf 44 Prozent und fiel in einzelnen Spitzenphasen sogar auf etwa 22 Prozent.

Darüber hinaus bleiben selbst europäische Gelder stark national gebunden.

Die Staaten vergeben bis zu 75 bis 80 Prozent ihrer inländischen Aufträge an eigene Hersteller, statt Unternehmen aus benachbarten EU-Staaten zu berücksichtigen.

Daraus entsteht ein Paradox.

Europa verfügt über eine gewaltige industrielle, finanzielle und wissenschaftliche Basis, handelt jedoch weiterhin nicht wie ein einheitlicher Rüstungsmarkt, sondern wie eine Ansammlung miteinander konkurrierender nationaler Systeme.

Brüssel versucht, dies zu ändern.

Das Ziel besteht darin, den Anteil der Verteidigungsbeschaffungen innerhalb der Union bis 2030 auf mindestens 50 Prozent zu erhöhen.

Die neue Kennzeichnung europäischer Waffen: frei von amerikanischen Exportbeschränkungen

Noch vor wenigen Jahren war die Kennzeichnung, dass ein Produkt nicht den amerikanischen Rüstungsexportbeschränkungen unterliegt, vor allem ein kommerzieller Vorteil.

Heute wird sie zu einem politischen Argument.

Die Logik ist einfach: Enthält ein System keine amerikanischen Komponenten, besitzt Washington wesentlich weniger Möglichkeiten, seinen Export oder seine Modernisierung zu beeinflussen.

Der Europäische Verteidigungsfonds und die Aufrüstungsprogramme der Europäischen Union berücksichtigen bei der Bewertung von Projekten bereits den Grad technologischer Autonomie.

Deutschland verlangte bei der Ausschreibung für den Ersatz des G36-Gewehrs ausdrücklich, dass das fertige Produkt keine Komponenten enthalten dürfe, die amerikanischen Exportbeschränkungen unterliegen.

Noch bezeichnender war die Entscheidung Dänemarks, sich für das europäische Luftverteidigungssystem SAMP/T und gegen das amerikanische Patriot-System zu entscheiden. Zu den politischen Faktoren gehörten die Risiken amerikanischer Exportkontrollen sowie die Spannungen infolge der Äußerungen von US-Präsident Trump zu Grönland.

Der französische Hersteller MBDA produziert seine MICA-Raketen bereits ohne amerikanische Komponenten.

Das litauische Unternehmen Tactical Photonics entwickelte einen ultraleichten Laserzielmarkierer für Drohnen mit einem Gewicht von weniger als zwei Kilogramm. Nach den ursprünglichen technischen Angaben steht er einem etwa 15 Kilogramm schweren System von L3Harris Wescam gegenüber, kostet ungefähr nur halb so viel und benötigt keine Genehmigung des amerikanischen Außenministeriums.

Eine ähnliche Logik liegt THUNDART zugrunde, einem bodengestützten Langstreckenraketensystem von MBDA und Safran, das im April 2026 vorgestellt wurde.

Der erste Start zur Überprüfung der Konstruktion und des Raketenantriebs fand am 14. April statt.

Dasselbe Prinzip wenden die Europäer auch bei Eurodrone an, einer großen unbemannten Luftplattform, die von Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien entwickelt wird.

Besondere Bedeutung besitzt dabei das Catalyst-Triebwerk von Avio Aero. Es wurde von Anfang an so konstruiert, dass amerikanische Exportbeschränkungen vermieden werden.

Das finnische Unternehmen Agate Sensors erhielt unterdessen von der schwedischen Verteidigungsbehörde einen Auftrag für softwaregesteuerte Spektralchips. Europa versucht damit bereits ein doppeltes Problem zu lösen: die Abhängigkeit sowohl von den USA als auch von Taiwan bei moderner Mikroelektronik und optischen Sensoren zu verringern.

In der militärischen Luftfahrt bildet sich eine andere Konstellation heraus.

Das Gemeinschaftsunternehmen Edgewing, an dem die britische BAE Systems, die italienische Leonardo und die japanische Mitsubishi beteiligt sind, erhielt einen Auftrag im Wert von 6,14 Milliarden Dollar zur Entwicklung eines Kampfflugzeugs der nächsten Generation mit Zielhorizont 2035.

Die Finanzierung deckt die ersten 18 Monate ab. In diesem Zeitraum soll die Konzeptbewertung des globalen Luftkampfprogramms abgeschlossen werden, bevor die detaillierte Konstruktion beginnt.

Dies geschieht gleichzeitig vor dem Hintergrund schwerwiegender Probleme beim französisch-deutschen Projekt eines eigenen Kampfflugzeugs der sechsten Generation. Die Zusammenarbeit ist auf derart tiefe Gegensätze gestoßen, dass die ursprüngliche Konzeption des gemeinsamen Projekts faktisch gefährdet ist.

Europa gibt mehr als 300 Milliarden Euro aus. Warum gibt es trotzdem nicht genug Waffen?

Der größte Gegner der europäischen Verteidigungsautonomie befindet sich nicht in Washington.

Er befindet sich innerhalb Europas selbst.

Die USA verfügen praktisch über einen einheitlichen Verteidigungsmarkt.

Das Pentagon fungiert als zentraler Auftraggeber, setzt Standards und konzentriert die Produktion auf eine begrenzte Zahl von Plattformen.

Im Panzerbau ist die M1-Abrams-Familie mit M1A1, M1A2 und ihren verschiedenen Ausführungen ein charakteristisches Beispiel. Das Produktionssystem ist um den einzigen verbliebenen amerikanischen Panzerhersteller zentralisiert.

Das europäische Modell ist das Gegenteil.

Die Europäische Union besteht aus 27 Verteidigungsmärkten, 27 Haushaltssystemen, unterschiedlichen Planungszyklen, eigenen Anforderungen und nationalen Herstellern, die von ihren Regierungen wegen Arbeitsplätzen, Steuereinnahmen und technologischer Kompetenz geschützt werden.

Deutschland setzt auf den Leopard 2 sowie auf die industrielle Basis von KNDS und Rheinmetall.

Frankreich hielt jahrzehntelang am Leclerc fest.

Polen und andere osteuropäische Staaten betreiben parallel weiterhin unterschiedliche Ausführungen von Plattformen sowjetischen Ursprungs.

Der Versuch, einen gemeinsamen europäischen Kampfpanzer zu entwickeln, scheitert erneut an der Politik.

Das Projekt eines Hauptbodenkampfsystems, das langfristig Leopard und Leclerc ersetzen soll, kommt aufgrund der Konkurrenz zwischen französischen und deutschen Unternehmen sowie wegen Streitigkeiten über die Verteilung der Arbeiten, Technologien und geistigen Eigentumsrechte kaum voran.

Sollte sich die politische Lage in Frankreich verändern und Marine Le Pens Rassemblement National an die Macht gelangen, könnte die Zukunft dieses Projekts noch unsicherer werden. Le Pen selbst hat sich äußerst kritisch gegenüber einer Übertragung verteidigungspolitischer Souveränität auf überstaatliche europäische Strukturen gezeigt.

So entsteht Europas sogenannte Boutiquen-Sammlung.

Viele gute Waffen.

Viele nationale Hersteller.

Viele Modelle.

Kleine Serien.

Hohe Preise.

Schwache Größenvorteile.

Die Europäische Union gibt jährlich mehr als 300 Milliarden Euro für Verteidigung aus. Das ist eine Größenordnung, die mit den chinesischen Ausgaben vergleichbar ist und nur von den amerikanischen übertroffen wird.

Untersuchungen der europäischen Rüstungsindustrie gelangen jedoch zu einer äußerst unangenehmen Schlussfolgerung: Wegen der Zersplitterung erhält Europa für jeden investierten Euro ungefähr 30 bis 40 Prozent weniger militärische Fähigkeiten, als dies bei einem tatsächlich einheitlichen Markt möglich wäre.

Sechs Jahre Auftragsbestand und ein Krieg, mit dem für 2029 gerechnet wird

Selbst wenn sich die europäischen Regierungen morgen einigen würden, ließe sich die industrielle Kapazität nicht augenblicklich um ein Mehrfaches erhöhen.

Rheinmetall, KNDS, BAE Systems und MBDA verfügen bereits über Auftragsbestände, die ungefähr sechs Jahre Produktion abdecken.

Gleichzeitig herrscht Fachkräftemangel.

Energie bleibt teuer.

Kleine und mittlere Technologieunternehmen können häufig hervorragende Prototypen entwickeln, sind anschließend jedoch nicht in der Lage, den Übergang zur Massenproduktion zu finanzieren.

Hinzu kommt ein finanzielles Problem.

Das europäische Risikokapital reicht nicht aus, um eine Reihe vielversprechender Unternehmen aus dem Bereich strategischer Spitzentechnologien zu vergrößern. Deshalb müssen sie sich an amerikanische Investoren wenden. Mit dem Kapital entsteht schrittweise zugleich das Risiko, die Kontrolle über strategische Technologien zu verlieren.

Der Konservatismus von Pensionsfonds und institutionellen Anlegern sowie strenge Regulierung erschweren Entwicklern zusätzlich den Zugang zu Kapital.

All dies geschieht vor dem Hintergrund von Prognosen, wonach die europäischen Staaten ungefähr bis 2029 auf eine mögliche große militärische Krise vorbereitet sein müssen. Ein solcher Zeithorizont wurde öffentlich sowohl in Erklärungen der deutschen Verteidigungsführung als auch in Einschätzungen europäischer Nachrichtendienste genannt.

Europa hat praktisch keine Zeit mehr für den traditionellen Zyklus: zehn Jahre Entwicklung, fünf Jahre Erprobung und anschließend eine langsame Serienproduktion.

Zehn Lücken in Europas Verteidigung und eine Rechnung über 500 Milliarden Euro

Fachleute identifizieren zehn kritische Bereiche, ohne die Europas strategische Autonomie ein Schlagwort bleiben wird.

Dazu gehören Führungs- und Kontrollsysteme; robotisierte Plattformen; bodengestützte weitreichende Präzisionswaffen und Kampfflugzeuge der sechsten Generation; mehrschichtige Luftverteidigung; satellitengestützte Aufklärung und Kommunikation; unabhängiger Zugang zum Weltraum; permanente luftgestützte Aufklärung, Überwachung und Lageerfassung; militärische Rechnerwolken, Software und künstliche Intelligenz; strategischer Lufttransport und operative Unterstützung; elektronische Kampfführung sowie Mittel zur Unterdrückung der gegnerischen Luftverteidigung.

Die geschätzten Kosten zur Schließung dieser Lücken liegen bei rund 500 Milliarden Euro innerhalb des kommenden Jahrzehnts.

Doch Geld löst nur die Hälfte des Problems.

Die andere Hälfte besteht darin, die Zersplitterung zu überwinden.

Europäische Sicherheitsfinanzierung: Brüssel hat einen Weg gefunden, Europa zum Kauf europäischer Waffen zu bewegen

Die neue Architektur entsteht rund um die Europäische Strategie für die Verteidigungsindustrie und das Europäische Programm für die Verteidigungsindustrie.

Das zentrale Ziel steht bereits fest: Bis 2030 sollen mindestens 50 Prozent der Beschaffungen auf Erzeugnisse aus EU-Staaten entfallen.

Eines der wichtigsten Finanzinstrumente ist die europäische Sicherheitsinitiative für gemeinsame Rüstungsbeschaffung.

Der mit 150 Milliarden Euro ausgestattete Fonds wurde im Mai 2025 geschaffen und bietet den Staaten langfristige, vergünstigte Finanzierung für umfassende Aufrüstung und den Ausbau der Rüstungsproduktion.

In den Regeln ist jedoch eine entscheidende Grenze verankert.

Der Anteil von Komponenten und Lieferungen aus Staaten außerhalb der Europäischen Union darf bei den entsprechenden Projekten 35 Prozent nicht überschreiten.

Das ist keine bloße Erklärung zur strategischen Autonomie mehr.

Es ist ein finanzieller Mechanismus zur Veränderung des Marktes.

Gleichzeitig entsteht ein neues Modell: Verträge über Produktionskapazitäten.

Der Staat bezahlt ein Unternehmen damit faktisch nicht nur für bereits produzierte Raketen oder Granaten, sondern auch dafür, eine Produktionslinie in einem Zustand zu halten, der im Krisenfall eine schnelle Aufnahme der Massenproduktion ermöglicht.

Die europäische Verteidigungswirtschaft wechselt vom Prinzip „genau zum richtigen Zeitpunkt“ zum Prinzip „für alle Fälle“.

Das Programm „Bereitschaft 2030“, das zuvor unter der Bezeichnung „Wiederbewaffnung Europas“ bekannt war, sieht die Möglichkeit vor, bis 2030 zusätzliche rund 800 Milliarden Euro zu mobilisieren.

Eine derartige Transformation lässt sich nur schwer allein aus den Staatshaushalten finanzieren.

Deshalb verändert sich auch die Haltung gegenüber Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungsstandards.

Noch vor kurzem betrachteten viele Investmentfonds die Waffenproduktion als unerwünschte Anlageklasse.

Heute wird Sicherheit zunehmend als notwendiger Bestandteil nachhaltiger Entwicklung verstanden.

Gleichzeitig wollen die Europäer die Einführung von Technologien mit ziviler und militärischer Doppelnutzung beschleunigen, darunter künstliche Intelligenz, Quantenrechnen und Robotik, und die bisher üblichen mehrjährigen Zertifizierungszyklen verkürzen.

Keine Armee der Europäischen Union, sondern ein Europa unterschiedlicher Geschwindigkeiten

Eine vollständige Zentralisierung der Verteidigung in Brüssel ist politisch derzeit nicht möglich.

Deshalb entsteht ein pragmatischeres Modell.

Die NATO formuliert weiterhin militärische Anforderungen und Standards für die Interoperabilität.

Die Europäische Union wird dagegen zum finanziellen und industriellen Organisator: Produktion, Infrastruktur, Truppenmobilität und Energiesicherheit.

Konkrete Programme können wiederum durch Koalitionen handlungsbereiter Staaten umgesetzt werden.

Frankreich könnte beispielsweise die Führung im Bereich weitreichender Präzisionsschläge übernehmen.

Deutschland könnte den Ausbau der Luftverteidigung anführen.

Es ist nicht erforderlich, bei jedem einzelnen Projekt auf die Zustimmung aller 27 Staaten zu warten.

Im Programm „Bereitschaft 2030“ wird dieses Prinzip bereits verankert.

Untersuchungen von BeHorizon zu einem „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ gehen davon aus, dass das Einstimmigkeitsprinzip selbst zu einer Bedrohung für die Handlungsfähigkeit werden kann. Mehrere Staaten könnten einen milliardenschweren Rüstungsvertrag erheblich schneller vereinbaren, die Produktion aufnehmen und das Programm anschließend auf weitere Teilnehmer ausweiten.

Andernfalls droht die europäische Wiederbewaffnung ihren entscheidenden Kampf weder gegen Russland noch gegen die USA zu verlieren, sondern gegen das eigene Verfahren der Entscheidungsfindung.

Europas Starlink, 100 deutsche Satelliten und eine Raumfahrtrechnung von mehr als 50 Milliarden Euro

Europas tiefste Abhängigkeit befindet sich heute über seinen Köpfen.

Das globale Positionsbestimmungssystem.

Starlink.

Amerikanische Satellitenaufklärung.

Ohne Weltrauminfrastruktur ist eine moderne Armee faktisch blind.

Deshalb baut die Europäische Union ihren eigenen Weltraumschutzschild auf.

Zum zentralen Projekt wird IRIS mit einem Volumen von mehr als 10,6 Milliarden Euro, das für geschützte staatliche und militärische Kommunikation vorgesehen ist.

Galileo soll ausgeprägtere militärische Funktionen und eine entsprechende Zulassung erhalten.

Copernicus gilt als wichtige Grundlage der europäischen Erdbeobachtung.

Deutschland investiert zusätzlich rund 10 Milliarden Euro in eine Konstellation aus hundert Satelliten in niedriger Erdumlaufbahn im Rahmen der vierten Stufe der satellitengestützten Kommunikation. Sie wird häufig als deutsches militärisches Gegenstück zu Starlink bezeichnet.

Parallel entstehen Systeme zur Erkennung und Abwehr von Bedrohungen.

Odins Auge II ist zur Frühwarnung vor Raketenstarts vorgesehen.

TWISTER soll weltraumgestützte Überwachung zur Abwehr von Raketenbedrohungen nutzen.

Auch der Privatsektor wird in dieses System eingebunden. Digantara entwickelt eine unabhängige Infrastruktur für Weltraumüberwachung und Aufklärung.

Doch ein modernes Satellitennetz muss nicht nur überwacht und geschützt werden.

Es muss auch repariert werden.

Das Projekt OrbitAID entwickelt Technologien zur Wartung und Betankung von Satelliten direkt im Orbit. Dadurch sollen ihre Betriebszeiten verlängert und bei Bedarf Ausweichmanöver vor Bedrohungen ermöglicht werden.

Die nächste Frage lautet: Womit soll ein zerstörter Satellit ersetzt und gestartet werden?

Europa setzt auf Ariane 6 und will gleichzeitig eine Flotte kommerzieller Mikro- und Kleinträgerraketen aufbauen.

Der umfassende Ausbau einer solchen Infrastruktur ist für den Zeitraum von 2028 bis 2030 vorgesehen.

Auch eine Zusammenarbeit mit innovativen Betreibern wie dem indischen Unternehmen Agnikul Cosmos wird erwogen. Die Technologie ist zwar nicht europäisch, aber entscheidend ist, dass sie auch nicht amerikanisch ist.

Die gesamten Investitionen in Europas Weltraumschutzschild, Kommunikation, Aufklärung und die dazugehörige Infrastruktur werden für das kommende Jahrzehnt auf mehr als 50 Milliarden Euro geschätzt.

Die Ukraine verändert Europas Rüstungsindustrie schneller als jede Brüsseler Richtlinie

Der unerwartetste Teil der europäischen Verteidigungstransformation befindet sich weder in Paris noch in Berlin.

Er befindet sich an der ukrainischen Front.

Die im Juni 2024 angenommenen gemeinsamen Sicherheitsverpflichtungen der Europäischen Union und der Ukraine schufen die formelle Grundlage für eine industrielle Zusammenarbeit, einschließlich des Schutzes geistigen Eigentums und der Bildung sich ergänzender Produktionsketten.

Die Ukraine erhält damit faktisch bereits vor einem Beitritt zur Europäischen Union den Status eines Sonderpartners der europäischen Rüstungsindustrie.

Die Integration der ukrainischen Verteidigungsindustrie ist sowohl im Weißbuch zur europäischen Verteidigung als auch in der Europäischen Strategie für die Verteidigungsindustrie verankert.

Eine spezielle europäisch-ukrainische Arbeitsgruppe bei der Europäischen Kommission soll kurzfristige Bedürfnisse der Front in langfristige industrielle Produktionsprogramme überführen.

Der Grund ist einfach.

Die Ukraine hat Europa etwas beigebracht, was eine friedensgeprägte Verteidigungsbürokratie aus eigener Kraft niemals hätte lernen können: Moderne Waffen veralten manchmal nicht innerhalb von Jahrzehnten und nicht einmal innerhalb von Jahren.

Sondern innerhalb von Wochen.

Der Algorithmus einer Drohne.

Kommunikationsfrequenzen.

Ein Mittel der elektronischen Kampfführung.

Software.

Ein Lenkverfahren.

Der Gegner passt sich an, und die Technologie verliert ihren Vorteil.

Deshalb ist es sinnlos, Software nur alle paar Jahre zu aktualisieren.

Erforderlich sind Entwicklungszyklen im Wochenrhythmus.

Die Ukraine ist zu einem realen Erprobungsfeld westlicher Technologien geworden, auf dem sich der Zeitraum vom Prototyp bis zur Kampferfahrung teilweise von mehreren Jahren auf wenige Monate verkürzt.

Von besonderer Bedeutung ist das Gefechtsführungssystem Delta, das Satellitendaten, Drohnen, Radargeräte und andere Informationsquellen in einer einheitlichen geschützten digitalen Umgebung zusammenführt. Seine Architektur gilt als einer der Orientierungspunkte für neue europäische Standards der militärischen Führung und Kontrolle.

Die eigentliche Revolution fand jedoch bei den Drohnen statt.

Die Ukraine produziert monatlich bis zu 200.000 Drohnen mit direkter Sichtübertragung aus der Perspektive des Fluggeräts.

Die Europäer denken inzwischen nicht mehr in Tausenden, sondern über Produktionskapazitäten für Millionen von Drohnen und Munitionseinheiten pro Jahr nach.

Das deutsche Unternehmen Quantum Systems und niederländische Entwickler organisieren Produktionsstätten unmittelbar in der Ukraine oder bauen enge Kooperationsmodelle mit ukrainischen Unternehmen auf.

Die tschechische Czechoslovak Group produziert Zünder und Treibladungen für 155-Millimeter-Munition, deren Endmontage anschließend in der Ukraine erfolgt.

Daneben gibt es eine weniger sichtbare, aber äußerst wichtige Front: Batterien.

Ukrainische Unternehmen haben begonnen, chinesische Komponenten durch Lithiumzellen des südkoreanischen Herstellers Samsung zu ersetzen und daraus Batterieeinheiten, darunter Konfigurationen mit sechs in Reihe geschalteten und jeweils zwei parallel verbundenen Zellen, für Drohnen, elektronische Kampfführungssysteme und die Stromversorgung in Schützengräben zu fertigen.

Zuvor wurden bis zu 90 Prozent des entsprechenden Komponentenmarktes von China beliefert.

Nachdem Peking strenge Exportbeschränkungen für Drohnenkomponenten eingeführt hatte, verwandelte sich diese Abhängigkeit in eine unmittelbare Verwundbarkeit.

Damit trifft die ukrainische Erfahrung unerwartet genau auf Europas Strategie, die Abhängigkeit nicht nur von den USA, sondern auch von China zu verringern.

Vielleicht reicht es, einfach auf Trumps Abgang zu warten? Nein

Das ist eine der gefährlichsten Versuchungen der europäischen Politik.

Man könnte annehmen, dass die gegenwärtigen Spannungen vor allem mit US-Präsident Trump zusammenhängen und sich die transatlantischen Beziehungen nach einem Regierungswechsel wieder dem gewohnten Modell annähern werden.

Doch europäische Strategen halten diese Annahme zunehmend für falsch.

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hat das Problem äußerst klar formuliert: Europa ist nicht mehr das wichtigste Gravitationszentrum der amerikanischen Außenpolitik, und diese Verschiebung ist struktureller und nicht vorübergehender Natur.

Washington richtet seinen Blick auf den indopazifischen Raum.

China wird zum wichtigsten langfristigen Rivalen der Vereinigten Staaten.

Für die amerikanische Militärplanung gewinnen der Pazifik, technologisch hochentwickelte Kriegführung, der Weltraum, Unterwasserstreitkräfte, weitreichende Raketen, unbemannte Systeme und künstliche Intelligenz zunehmend an Bedeutung.

Selbst Rekordhaushalte für Verteidigung bedeuten nicht automatisch die Bereitschaft, die bisherige globale Struktur unbegrenzt weiterzufinanzieren.

Die USA unterhalten ein Netz von ungefähr 750 Militärbasen und Einrichtungen in rund 80 Staaten.

Die geschätzten jährlichen Kosten für den Unterhalt dieser globalen Infrastruktur liegen bei etwa 55 bis 80 Milliarden Dollar.

Angesichts des Haushaltsdefizits und der rekordhohen Staatsverschuldung wird der Druck auf solche Ausgaben weiter zunehmen.

Deshalb dürften Washingtons Forderungen an die Europäer, ihren eigenen Beitrag zur Sicherheit zu erhöhen, nicht mit einem bestimmten Präsidenten verschwinden.

Die F-35 wird heute gekauft. Die Abhängigkeit kann bis in die 2080er Jahre bestehen bleiben

Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb sich das alte System nicht einfach wiederherstellen lässt.

Moderne Waffensysteme bleiben jahrzehntelang im Einsatz.

Eine heute gekaufte F-35 wird während ihrer gesamten langen Betriebsdauer modernisiert werden, Softwareaktualisierungen erhalten und weiterhin neue Munition sowie Ersatzteile benötigen.

Einige Schätzungen gehen davon aus, dass die damit verbundene infrastrukturelle Abhängigkeit bis in die 2080er Jahre bestehen bleiben könnte.

Das ist längst kein gewöhnlicher Exportvertrag mehr.

Es ist eine technologische Ehe für ein halbes Jahrhundert.

Und es ist schwer vorstellbar, dass irgendeine amerikanische Regierung freiwillig auf den politischen Vorteil verzichten würde, der daraus entsteht, mehr als 58 Prozent der externen Rüstungsbeschaffungen der europäischen NATO-Mitglieder zu liefern.

Militärische Abhängigkeit wird nahezu zwangsläufig auch bei Handels- und diplomatischen Auseinandersetzungen zu einem Verhandlungsinstrument.

Doch Polen will sich nicht von Amerika verabschieden

Genau an diesem Punkt spaltet sich das europäische Projekt.

Frankreich bleibt eines der wichtigsten ideologischen Zentren strategischer Autonomie.

Präsident Emmanuel Macron verfolgt konsequent die Idee einer eigenständigen europäischen Verteidigungsfähigkeit.

Doch selbst das französische militärische Establishment widersetzt sich Versuchen der Europäischen Kommission, nationale militärische Bedürfnisse festzulegen, weil es diese Fragen als Teil staatlicher Souveränität betrachtet.

Deutschland verfolgt eine vorsichtigere Linie.

Unter Bundeskanzler Friedrich Merz ist Berlin zu einem härteren außenpolitischen Realismus übergegangen, doch die NATO bleibt weiterhin das Fundament der deutschen Sicherheit. Deutschland will gleichzeitig die europäische Rüstungsindustrie stärken und den amerikanischen Schutzschirm bewahren.

Noch deutlicher zeigt sich diese Logik in Polen, den baltischen Staaten, Rumänien und Tschechien.

Für sie ist Russland kein abstraktes strategisches Problem, sondern eine unmittelbare Bedrohung.

Die USA wiederum gelten als der einzige Verbündete, der kurzfristig strategische Luftstreitkräfte, Aufklärung, Luftverteidigungssysteme, Raketenwaffen, nukleare Abschreckung und große Landstreitkräfte bereitstellen kann.

Polen ist das deutlichste Beispiel.

Warschau beschafft Abrams-Panzer, HIMARS-Raketenartilleriesysteme und F-35-Kampfflugzeuge und kauft parallel erhebliche Mengen an Waffen in Südkorea.

Der polnische Ansatz ist ausgesprochen pragmatisch: Wenn Waffen jetzt benötigt werden, ist Warschau nicht bereit, zehn Jahre darauf zu warten, dass Frankreich und Deutschland sich über die Verteilung geistigen Eigentums einigen.

Deshalb wirkt die Politik von Präsident Trump in Europa gleichzeitig in entgegengesetzte Richtungen.

Westeuropa wird dadurch stärker in Richtung Autonomie von den USA gedrängt.

Osteuropa dagegen bindet sich militärisch noch enger an Washington.

Und je intensiver über einen möglichen amerikanischen Rückzug gesprochen wird, desto mehr amerikanische Waffen sind einige Staaten bereit zu kaufen, um einen solchen Rückzug für die Vereinigten Staaten selbst politisch und wirtschaftlich weniger attraktiv zu machen.

Europa will die Angst vor dem Krieg in eine neue industrielle Revolution verwandeln

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der in den Diskussionen über Panzer und Raketen häufig untergeht.

Verteidigungsautonomie wird in Brüssel nicht nur als militärisches Projekt betrachtet.

Sie ist auch ein Projekt der Reindustrialisierung.

Die vorgesehenen Investitionen von 500 Milliarden Euro innerhalb eines Jahrzehnts entsprechen ungefähr 0,25 Prozent des prognostizierten gesamten Bruttoinlandsprodukts der Europäischen Union in diesem Zeitraum.

Auf den ersten Blick sind dies Ausgaben.

Doch Verteidigungstechnologie bleibt fast nie ausschließlich militärisch.

Souveräne künstliche Intelligenz, wie sie von Unternehmen wie Mistral AI und Helsing entwickelt wird, Quantensensoren, neue Werkstoffe, Satellitenkommunikation, Robotik und Ariane-6-Trägerraketen besitzen ein enormes ziviles Potenzial.

Europa setzt darauf, dass Verteidigungsaufträge einen garantierten Markt für Unternehmen im Bereich der Spitzentechnologie schaffen, ihnen Wachstum innerhalb der Europäischen Union ermöglichen und sie anschließend in die Lage versetzen, weltweit zu konkurrieren, ohne amerikanischen Rüstungsexportbeschränkungen zu unterliegen.

Besonders anschaulich ist die Raumfahrt.

Im Jahr 2025 führte SpaceX 170 Starts durch.

Für Europa ist diese Zahl eine Erinnerung an den gewaltigen Abstand.

Deshalb werden neben Ariane 6 auch Mikro- und Mittelklasseträgerraketen entwickelt.

Parallel entstehen Konzepte modularer Kleinfabriken für die Munitionsproduktion, darunter Lösungen, an denen die niederländische Forschungsorganisation TNO arbeitet.

Die Logik ist einfach: Statt weniger riesiger Produktionsstätten, die verwundbar gegenüber Angriffen und abhängig von komplizierten internationalen Lieferketten sind, will Europa eine stärker verteilte und flexiblere industrielle Infrastruktur schaffen.

Gelingt dies, könnte die militärische Wiederbewaffnung zum größten europäischen Industrieprojekt seit mehreren Jahrzehnten werden.

Europas größter Gegner ist nicht Amerika. Es ist Europa selbst

Die Europäische Union verfügt über Kapital.

Sie verfügt über Universitäten.

Sie verfügt über eine Luft- und Raumfahrtindustrie.

Sie verfügt über eine Automobil- und Maschinenbauindustrie.

Sie verfügt über Airbus, MBDA, Rheinmetall, Leonardo, BAE Systems, KNDS, Safran und Dutzende Technologieunternehmen der neuen Generation.

Sie verfügt über Weltraumsysteme.

Sie verfügt über ein eigenes Navigationssystem.

Sie verfügt über einen riesigen Markt.

Sie verfügt über die ukrainische Erfahrung moderner Kriegführung.

Und sie verfügt über das politische Verständnis des Problems.

Schätzungen zufolge könnte technologische Souveränität bei entscheidenden Plattformen, Munition und softwarebestimmten Systemen innerhalb eines Zeithorizonts von ungefähr fünf bis sieben Jahren grundsätzlich erreichbar sein.

Doch es gibt eine Komponente, die sich in keiner Fabrik herstellen lässt.

Politischer Wille.

Europa kann einen eigenen Raketenantrieb bauen.

Wesentlich schwieriger ist es, Frankreich und Deutschland dazu zu bringen, sich darüber zu einigen, wer den wichtigsten Auftrag erhält.

Man kann einen hervorragenden Kampfpanzer entwickeln.

Doch Größenvorteile bleiben unerreichbar, wenn jedes Land eine eigene Ausführung verlangt.

Man kann 150 Milliarden Euro über das europäische Sicherheitsfinanzierungsinstrument investieren, bis zu 800 Milliarden Euro über das Programm „Bereitschaft 2030“ mobilisieren, innerhalb eines Jahrzehnts 500 Milliarden Euro zur Schließung technologischer Lücken ausgeben und mehr als 50 Milliarden Euro in die Autonomie im Weltraum investieren.

Doch keine Geldsumme kann ein System ausgleichen, in dem 27 Staaten sich gegenseitig blockieren können.

Deshalb reicht die gegenwärtige europäische verteidigungspolitische Wende wesentlich tiefer als ein weiterer Aufrüstungszyklus.

Es ist eine Prüfung des europäischen Modells selbst.

Über Jahrzehnte hinweg hat die Europäische Union bewiesen, dass Staaten bereit sind, einen Teil ihrer wirtschaftlichen Souveränität zugunsten eines gemeinsamen Marktes aufzugeben.

Dann kam die gemeinsame Währung.

Danach folgten gemeinsame Regulierungsbehörden.

Nun stellt sich die schwierigste Frage: Sind die Europäer in der Lage, zumindest teilweise auch jenen Bereich gemeinsam zu organisieren, den Staaten traditionell eifersüchtiger als jeden anderen geschützt haben, nämlich die Fähigkeit, Krieg zu führen und die eigene Sicherheit zu gewährleisten?

Von der Antwort hängt wesentlich mehr ab als das Schicksal der Aufträge von Rheinmetall, MBDA oder Lockheed Martin.

Gelingt dieses Projekt, könnte Europa erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges von einem Gebiet unter amerikanischem strategischem Schutz zu einem eigenständigen militärisch-technologischen Machtzentrum werden.

Scheitert es, werden Hunderte Milliarden Euro Europa zwar mehr Panzer, mehr Raketen, mehr Drohnen und mehr Satelliten verschaffen, aber nicht zwangsläufig mehr strategische Freiheit.

Denn Waffen allein machen einen Staat noch nicht souverän.

Souveränität beginnt dort, wo niemand von außen darüber entscheidet, ob man diese Waffen produzieren, modernisieren, exportieren, starten, aktualisieren oder einsetzen darf.

Und genau für dieses Recht bereitet sich Europa nun darauf vor, Hunderte Milliarden Euro zu bezahlen.