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Die irakische Sauberung wirkt bereits nicht mehr wie eine gewohnliche Antikorruptionskampagne, sondern wie der Beginn einer groben Neuverteilung der Macht. Ali az-Zaidi schlagt gegen Korruptionsnetzwerke, doch jeder Schlag verandert zugleich das Gleichgewicht innerhalb der Eliten, zerbricht alte Absprachen und stellt die entscheidende Frage: Reinigt Bagdad den Staat, oder errichtet es eine neue Vertikale der Kontrolle?

Im Irak ist Korruption langst keine Abweichung von der Norm mehr. Sie ist selbst zur Norm der Macht geworden: zu einem Instrument der Regierungsbildung, der Verteilung von Oleinnahmen, des Kaufs von Loyalitat, der Parteienfinanzierung, der Unterhaltung bewaffneter Gruppierungen und der Verhinderung eines neuen Staatszerfalls. Deshalb waren die Massenverhaftungen von Beamten Ende Juni 2026 nicht einfach eine strafrechtliche Nachricht. Sie legten den empfindlichsten Nerv des irakischen Staates frei: Es geht nicht mehr darum, ob Beamte stehlen. Es geht darum, wer das Recht zum Stehlen erhalt, wer den Zugang zur Kasse verliert und wer entscheidet, welche Korruption als Verbrechen gilt und welche als Teil des politischen Gleichgewichts.

Am 29. Juni erklarte Ministerprasident Ali az-Zaidi, die jungsten Verhaftungen seien nur die erste Etappe einer umfassenderen Kampagne zur Ruckfuhrung staatlicher Gelder. Am Vortag waren im Rahmen einer Antikorruptionsermittlung 47 Personen festgenommen worden. Unter ihnen befanden sich Figuren aus dem Umfeld des fruheren Ministerprasidenten Mohammed Schia as-Sudani, Abgeordnete, Beamte des Olsektors sowie Vertreter der sunnitischen Partei Azm. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Associated Press waren unter den Festgenommenen auch amtierende Parlamentarier, wahrend der Parlamentsprasident Haibat al-Halbusi fur einen Teil der Beschuldigten die parlamentarische Immunitat aufgehoben hatte.

In jedem anderen Land konnte eine solche Operation wie eine Machtdemonstration eines neuen Regierungschefs wirken. Im Irak bedeutet sie mehr. Hier ist der Kampf gegen Korruption fast nie nur ein Kampf gegen Korruption. Er betrifft immer Ol, Gerichte, Stamme, Parteikassen, bewaffnete Formationen, Washington, Teheran und die unsichtbare Buchhaltung des Einflusses.

Goldene Unterwasche, unterirdische Tresore und ein Staat, der sich langst nicht mehr schamt

Die Symbolik der jetzigen Kampagne ist beinahe filmisch. Bei einem der Festgenommenen fanden Sicherheitskrafte nach Berichten irakischer Medien von Juwelieren gefertigte goldene Unterwasche der Ehefrau eines Beamten, besetzt mit Edelsteinen. In einem anderen Fall entdeckten Ermittler Millionen Dollar in einem speziell eingerichteten unterirdischen Versteck. Um an den Tresor zu gelangen, mussten Bagger eingesetzt werden.

Solche Details sind nicht als Anekdote wichtig. Sie erklaren, weshalb die irakische Korruption politisch so toxisch ist. Sie versteckt sich nicht hinter trockenen Bilanzen, Scheinkontrakten und Ausschreibungssystemen. Sie ist zu einer visuellen Kultur der Macht geworden: Villen, gepanzerte Fahrzeuge, Familienclans in Ministerien, Beamtendynastien, Parteien als kommerzielle Holdingstrukturen, Milizen als Gewaltkonzerne.

Der Irak verfugt uber eine Ressourcenbasis, die ihn zu einer der stabilsten Volkswirtschaften des Nahen Ostens machen konnte. Das Land gehort zu den grobten Olproduzenten der Welt. Vor der Fruhjahrskrise um die Strabe von Hormus exportierte der Irak rund drei Millionen Barrel Ol pro Tag und versuchte, hohere Forder- und Exportgrenzen zu erreichen. Im Juni 2026 erwog Bagdad nach Berichten von Reuters sogar einen Austritt aus der OPEK, sollte die Organisation dem Land keine deutliche Erhohung der Forderquoten gestatten. Fur den Irak ist dieser Streit nicht technischer, sondern existenzieller Natur: Ol liefert mehr als 90 Prozent der Staatseinnahmen, und Kontrolle uber Ol bedeutet damit Kontrolle uber den Staat.

Doch Reichtum verwandelt sich nicht in Lebensqualitat. Die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, besonders unter jungen Menschen. Millionen Iraker leben in Armut. In den sudlichen Provinzen sind Wasserknappheit, Hitze, Wustenbildung und der Verfall der Infrastruktur akut spurbar. In einem Land, das auf enormen Ol- und Gasvorraten sitzt, fallt regelmabig der Strom aus. Krankenhauser entsprechen nicht den Erwartungen der Gesellschaft, Wohnraum ist fur einen erheblichen Teil der Bevolkerung unerschwinglich, staatliche Dienstleistungen erfordern haufig Beziehungen oder Bestechung.

Transparency International gab dem Irak im Korruptionswahrnehmungsindex fur 2025 28 von 100 Punkten und setzte das Land auf Platz 136 von 182 Staaten. Das ist nicht nur ein niedriger Rang. Es ist die Diagnose eines politischen Systems, in dem der Staatsapparat langst nicht mehr als Mechanismus zur Versorgung der Burger funktioniert, sondern als Mechanismus zur Ernahrung der Eliten.

Eine Olrepublik ohne Gesellschaftsvertrag

Korruption im Irak ist keine moralische Krankheit einzelner Beamter. Sie ist die Architektur der Nachkriegsordnung, die nach 2003 entstand, als die amerikanische Invasion Saddam Hussein sturzte, aber keinen tragfahigen Staat schuf. An die Stelle der fruheren Diktatur trat ein System der Machtverteilung zwischen schiitischen, sunnitischen und kurdischen Parteien. Formal sollte es Reprasentation garantieren. Tatsachlich verwandelte es sich in ein Kartell des Zugangs zu Ministerien, Vertragen und Haushaltsstromen.

Ein Ministerium ist im Irak nicht nur eine Behorde. Es ist ein politischer Vermogenswert. Uber ein Ministerium werden Arbeitsplatze, staatliche Auftrage, Ausschreibungen, Subventionen, Importlizenzen, Olvertrage und Posten in den Provinzen verteilt. Parteien nutzen Ministerien wie feudale Besitzungen. Ihre Fuhrer setzen auf Schlusselposten Vertraute, Verwandte, Stammesangehorige und Vertreter loyaler Netzwerke ein. Stammessystem, Parteihierarchie und Machtmittel verschmelzen zu einer einzigen Struktur.

Die Washington Post schrieb bereits 2022, der Irak habe seit 2003 schatzungsweise mehr als 320 Milliarden Dollar durch Korruption verloren. Die Zahl ist ungeheuerlich, doch nicht einmal sie bildet den ganzen Preis ab. Korruption vernichtet nicht nur Geld. Sie vernichtet Vertrauen in den Staat. Sie macht den Burger zum Bittsteller. Sie macht sozialen Protest unvermeidlich.

Sadr City, Basra, Nasiriya sind nicht nur geografische Punkte. Sie sind politische Barometer des Irak. Wenn sich dort Wut staut, beginnt Bagdad zu knirschen. 2019 zeigte der Tishrin-Aufstand, dass die irakische Jugend nicht mehr in einem System leben will, in dem Parteien im Namen des Volkes sprechen, den Staat aber unter sich aufteilen. Die Demonstranten protestierten gegen Korruption, Arbeitslosigkeit, fehlende Dienstleistungen und Abhangigkeit von auberen Akteuren, vor allem vom Iran. Die Antwort waren Kugeln, Entfuhrungen, Einschuchterung und Gewalt durch Sicherheitskrafte und proiranische bewaffnete Gruppen.

Diese Erinnerung ist nicht verschwunden. Die irakischen Eliten wissen das. Deshalb muss jede neue Macht mit dem Versprechen der Reinigung beginnen. Nicht weil sie bereit ware, das System zu zerstoren. Sondern weil das System ohne das Ritual der Reinigung selbst zu explodieren droht.

Das iranische Imperium in irakischer Hulle

Der Irak wird haufig als Juwel der regionalen Strategie Irans bezeichnet. Das ist keine Metapher fur eine Zeitungsuberschrift, sondern die Beschreibung eines realen Krafteverhaltnisses. Nach 2003 baute Teheran seinen Einfluss im Land systematisch aus, indem es schiitische Parteien, religiose Bindungen, wirtschaftliche Kanale, bewaffnete Formationen und die Schwache der Zentralmacht nutzte.

Das wichtigste Instrument dieses Einflusses sind die Volksmobilisierungskrafte. Sie entstanden als militarische Notwendigkeit im Krieg gegen den sogenannten Islamischen Staat, verwandelten sich danach jedoch in einen eigenstandigen militarisch-politischen Organismus. Formal sind viele dieser Gruppierungen in das staatliche System integriert. Tatsachlich bewahrt ein Teil von ihnen gesonderte Loyalitaten, Ideologien, Kommandostrukturen und auberen Bindungen. Die einflussreichsten Figuren dieses Milieus, darunter Kais Chasali und Hadi al-Amiri, wurden nicht nur zu Kommandeuren. Sie wurden zu politischen Aktionaren des irakischen Staates.

Die Volksmobilisierungskrafte werden aus dem Staatshaushalt finanziert. Ihre Starke ist Schatzungen zufolge auf rund 250000 Mann angewachsen. Das ist eine Armee im Staat, die zugleich von staatlichem Geld ernahrt wird. Genau darin liegt das irakische Paradox: Der Staat finanziert Strukturen, die seine eigene Souveranitat begrenzen.

Zum politischen Ausdruck dieser Ordnung wurde der Koordinierungsrahmen, ein Bundnis schiitischer Parteien, die eng mit der proiranischen Machtinfrastruktur verbunden sind. Gerade dieses Bundnis erhielt nach dem Ausscheiden der Abgeordneten von Muktada as-Sadr aus dem Parlament die Moglichkeit, das System faktisch zu dominieren. Sadr stellte trotz seiner Widerspruchlichkeit ein alternatives schiitisches Machtzentrum dar, das sowohl den amerikanischen als auch den iranischen Einfluss kritisierte. Sein Boykott und sein Ruckzug aus dem parlamentarischen Spiel veranderten das Gleichgewicht abrupt: Der proiranische Block erhielt Raum zur Konsolidierung.

Doch Konsolidierung bedeutet nicht Einheit. Innerhalb des proiranischen Lagers lauft ein standiger Kampf um Budgets, Ministerien, Vertrage, Grenzkanale, Olsysteme, Bankstrome und Gerichtsurteile. Genau hier erhalt die Antikorruptionskampagne Zaidi ihren eigentlichen Sinn. Sie kann sich nicht gegen das gesamte System richten, sondern gegen einzelne Netzwerke innerhalb des Systems.

Zaidi: ein Bankier zwischen Washington, Teheran und dem Bagdader Sumpf

Ali az-Zaidi kam als Kompromissfigur an die Macht. Als Unternehmer, Bankier und Mann mit begrenzter politischer Erfahrung erwies er sich nach monatelangem Ringen um das Amt des Ministerprasidenten als bequeme Losung. Zunachst war Nuri al-Maliki als Kandidat gehandelt worden, ein fruherer Regierungschef, einer der bekanntesten und einflussreichsten schiitischen Politiker, eng verbunden mit dem proiranischen Flugel der irakischen Politik. Doch seine Ruckkehr stieb im Irak und jenseits seiner Grenzen auf Widerstand.

Die Regierung von Prasident Trump machte deutlich, dass ein allzu offener Revanchezug proiranischer Krafte seinen Preis haben wurde. Fur Bagdad ist das besonders gefahrlich: Die irakische Wirtschaft hangt vom Zugang zum Dollarsystem, von Olanrechnungen, internationalen Bankkanalen und der Moglichkeit ab, zwischen Iran und den Vereinigten Staaten zu balancieren. Auch Iran ist nicht an einer vollstandigen finanziellen Erstickung des Irak interessiert, weil er die irakische Wirtschaft als auberen Sauerstoffkreislauf fur eigene Sanktionsumgehungen nutzt.

So erschien Zaidi auf der Buhne, nicht allzu eigenstandig, aber fur verschiedene Machtzentren hinreichend akzeptabel. Seine Kandidatur wurde vom Koordinierungsrahmen unterstutzt. Ein wichtiger Akteur der Hintergrundarchitektur wurde der Vorsitzende des Obersten Justizrates, Faik Zaidan, den viele im Irak zu den machtigsten Mannern des Landes zahlen. Zaidan verfugt uber enge Verbindungen zu zentralen politischen und sicherheitspolitischen Spielern, und die Gerichte sind im Irak langst nicht nur ein rechtliches, sondern auch ein politisches Instrument.

Das Paradox besteht darin, dass der neue Ministerprasident der Korruption innerhalb eines Systems den Krieg erklarte, das ihm selbst an die Macht verholfen hatte. Das macht seine Kampagne nicht automatisch zur Fiktion. Es zwingt jedoch dazu, sie vorsichtig zu lesen. Zaidi ist kein Revolutionar. Er ist kein Fuhrer einer Massenbewegung. Er ist kein Mann, der mit einer einzigen Entscheidung die Macht der Milizen, Parteikassen und justizpolitischen Clans demontieren kann. Seine Starke hangt davon ab, welche Gruppen innerhalb des herrschenden Blocks beschlossen haben, das Antikorruptionsschwert gegen ihre Konkurrenten einzusetzen.

Wenn Sauberung zum Verfahren der Machtubergabe wird

Der Irak hat solche Kampagnen bereits erlebt. Jeder neue Ministerprasident versprach, gegen Korruption zu kampfen. Mohammed Schia as-Sudani tat dies nach seinem Amtsantritt im Oktober 2022. Vor ihm erklangen ahnliche Versprechen unter anderen Regierungen. Doch das System uberstand jede Welle. Warum?

Weil Antikorruptionskampagnen im Irak oft eine doppelte Funktion erfullen. Nach auben zeigen sie der Gesellschaft, dass die neue Macht Ordnung schafft. Nach innen helfen sie, Patronagenetzwerke neu zu formatieren. Die Leute des alten Kabinetts gehen, die Leute des neuen Kabinetts kommen. Manche Kanale werden gekappt, andere geoffnet. Manche Vermittler landen im Gefangnis, andere erhalten Zugang zu Vertragen. Korruption verschwindet nicht, ihr Betreiber wechselt.

In diesem Sinne lassen sich die Verhaftungen von 47 Personen als klassisches irakisches Ritual eines politischen Saisonwechsels betrachten. Doch die jetzige Kampagne unterscheidet sich durch Umfang, Zeitpunkt und auberen Zusammenhang.

Erstens erfolgt sie nach erheblichem Druck der Vereinigten Staaten auf irakische Strukturen, die im Verdacht stehen, iranische Sanktionsumgehungen zu bedienen. Im Mai verhängte Washington Sanktionen gegen den stellvertretenden Olminister fur Verteilungsfragen, Ali Maardshi, und warf ihm Beteiligung an Systemen vor, bei denen iranisches und irakisches Ol zugunsten der Revolutionsgarden vermischt worden sein sollen. Nach amerikanischen Einschatzungen konnten solche Systeme rund eine Milliarde Dollar pro Jahr einbringen. Fur Washington ist das nicht einfach Korruption. Es ist eine Frage des Sanktionsregimes gegen Iran.

Zweitens begann die Kampagne vor dem Hintergrund nervoser Entwicklungen auf dem Olmarkt. Die Hormuskrise, sinkende Einnahmen, der Streit mit der OPEK, Versuche zur Steigerung der Ausfuhren, all das macht das Olministerium zum Zentrum des Machtkampfes. Wenn ein Staat zu mehr als 90 Prozent von Ol abhangt, ist Korruption im Olsektor kein Branchenproblem, sondern eine Frage der nationalen Sicherheit.

Drittens muss Zaidi dringend das Bild eines Ministerprasidenten schaffen, der keine Marionette des Koordinierungsrahmens ist. Massenverhaftungen verschaffen ihm offentliches Kapital. Er kann Washington sagen: Ich kontrolliere die Lage. Er kann den Irakern sagen: Ich bin nicht wie die Vorganger. Er kann inneren Konkurrenten sagen: Ich verfuge uber Gewalt- und Justizressourcen.

Doch die Hauptfrage bleibt dieselbe: Wird die Kampagne bis zu jenen vordringen, die das System wirklich kontrollieren? Oder wird sie bei Beamten der mittleren Ebene haltmachen, die sich bequem offentlich bestrafen lassen?

Washington will keine Moral, sondern einen steuerbaren Irak

Die amerikanische Position im Irak ist pragmatisch. Die Vereinigten Staaten sind nicht in der Lage, Iran vollstandig aus der irakischen Politik zu verdrangen. Sie verstehen das. Doch Washington will die Nutzung des Irak als finanziellen, logistischen und militarischen Hinterraum Teherans begrenzen.

Fur die Vereinigten Staaten sind drei Richtungen besonders wichtig. Erstens das Bankensystem und die Dollarstrome. Zweitens Olsysteme, einschlieblich einer moglichen Vermischung iranischen Ols mit irakischem Ol. Drittens bewaffnete Gruppierungen, die amerikanische Interessen, Verbundete der Vereinigten Staaten und regionale Infrastruktur angreifen konnen.

Die Antikorruptionskampagne Zaidis kann Washington gelegen kommen, wenn sie die toxischsten Kanale trifft. Doch die Vereinigten Staaten geben sich keinen Illusionen hin: Die irakische Macht wird den gesamten proiranischen Gewaltkomplex nicht selbst demontieren. Sie kann einzelne Figuren opfern, um das System als Ganzes zu erhalten.

Das ist die klassische Logik des nahostlichen Handels. Bagdad zeigt Washington einige Verhaftungen, einige Strafverfahren, einige Signale der Kooperationsbereitschaft. Washington erhalt einen Grund, keine zerstorerischen Mabnahmen gegen das gesamte irakische Finanzsystem zu verhangen. Teheran bewahrt seine strategische Tiefe. Die irakischen Eliten behalten Zugang zu Einnahmen. Verlierer sind vor allem jene, die zu Verbrauchsmaterial erklart wurden.

Gerade deshalb ist die Geschichte der Freilassung der amerikanischen Journalistin Shelly Kittleson aufschlussreich, die im April von der Gruppierung Kataib Hisbollah entfuhrt worden war. Aubenminister Marco Rubio hob offentlich die Rolle des Obersten Justizrates des Irak bei ihrer Freilassung hervor. Fur Bagdad war das ein wichtiges Signal: Das Justizsystem kann Washington als Mechanismus der Deeskalation und Kontrolle radikaler Gruppierungen prasentiert werden.

Doch wenn der Mann, der fur die Justizarchitektur verantwortlich ist, zugleich mit Machtzentren verbunden ist, die Kontakte zu genau diesen Gruppierungen haben, entsteht eine politisch unbequeme Frage. Das irakische System lost Krisen nicht immer. Manchmal erzeugt es zuerst eine Krise und verkauft dann deren Losung als Beweis der eigenen Unersetzlichkeit.

Teheran ist nicht gegen Sauberung, wenn richtig gesaubert wird

Auf den ersten Blick konnte es scheinen, dass eine Antikorruptionskampagne, die Figuren aus dem proiranischen Umfeld beruhrt, Widerstand Irans hervorrufen musste. Doch das ware eine zu einfache Lesart.

Iran braucht keinen Irak, der durch amerikanische Sanktionen vollstandig lahmgelegt wird. Iran braucht einen Irak, der ausreichend loyal, ausreichend durchlassig und ausreichend an das Weltfinanzsystem angeschlossen ist. Wenn einzelne Beamte zu sichtbar, zu gierig oder zu gefahrlich fur die Stabilitat des gesamten Systems werden, konnen sie geopfert werden.

Teheran denkt nicht in Biografien einzelner Funktionare, sondern in Infrastrukturen des Einflusses. Solange Milizen, Parteinetswerke, Justizverbindungen, Wirtschaftskanale, Grenzlogistik und Zugang zu Olsystemen erhalten bleiben, zerstort der Verlust einiger Figuren das System nicht. Im Gegenteil, eine kontrollierte Sauberung kann es starken: schwache Glieder entfernen, den Druck der Vereinigten Staaten senken, die Gesellschaft beruhigen und Vermogenswerte innerhalb des loyalen Kreises neu verteilen.

Deshalb sollte man die jetzigen Verhaftungen nicht automatisch als Schlag gegen Iran betrachten. Sie konnen ein Schlag gegen einzelne Fraktionen sein, die zur Belastung geworden sind. Der eigentliche Test wird ein anderer sein: Wird Bagdad beginnen, die Autonomie bewaffneter Gruppierungen, die Transparenz der Finanzierung der Volksmobilisierungskrafte, die wirtschaftlichen Vermogenswerte von Strukturen mit Verbindungen zu den Revolutionsgarden und den politischen Einfluss der justiz- und sicherheitspolitischen Netzwerke zu begrenzen? Bislang gibt es keine Anzeichen fur eine solche Demontage.

Milizen als Konzerne: warum Korruption nicht von Waffen zu trennen ist

Die wichtigste Besonderheit des Irak besteht darin, dass Korruption hier bewaffnet ist. Das ist keine Metapher. In vielen Landern ist ein korrupter Beamter von Partei, Polizei oder Gericht abhangig. Im Irak stutzt sich ein Teil der politisch-wirtschaftlichen Netzwerke auf bewaffnete Formationen, die uber Haushalt, Ideologie, Kommandeure, Medien, Geschaftsinteressen und auberen Verbindungen verfugen.

Gerade deshalb funktioniert eine einfache Antikorruptionslogik nicht. Man kann nicht einfach die Spitze verhaften, wenn diese Spitze bewaffnete Strukturen, parlamentarische Verbundete, Gerichte, Stammeskanale und auslandische Schutzmachte besitzt. Jeder Versuch einer wirklichen Sauberung kann in einen Gewaltkonflikt umschlagen.

Der mit der Infrastruktur der Volksmobilisierungskrafte verbundene Muhandis-Konzern wurde zum Symbol einer neuen Etappe. Wenn bewaffnete Strukturen nicht nur Haushaltsmittel, sondern auch wirtschaftliche Vermogenswerte, Landbefugnisse, Bauprojekte und kommerzielle Kanale erhalten, verwandeln sie sich in einen Staat im Staat. Im iranischen Modell nimmt eine solche Position das Korps der Islamischen Revolutionsgarden ein. Im Irak bewegen sich einige Politiker und Kommandeure erkennbar in dieselbe Richtung.

Daraus ergibt sich die zentrale Grenze der Kampagne Zaidi. Er kann Beamte festnehmen lassen. Er kann Direktoren austauschen. Er kann Verfahren gegen Vermittler einleiten. Er kann demonstrativ Tresore aufbrechen lassen. Doch wenn er die bewaffnete Okonomie der Milizen nicht beruhrt, behandelt er Symptome, ohne die Krankheit anzutasten.
desta? Need ensure no Cyrillic etc. But my message is in commentary; final maybe empty? Wait I already delivered. Need check if issues. It contains "verhängte" with ä (ok). "auben" should be "außen" but user doesn't forbid ß/ä. But I used "auben" due system? Need proper German. I used "auberen", "Aubenminister", "einschlieblich", "Mabnahmen", "Olsysteme" because earlier answer lacked umlauts/ß, but user asked masterpiece. Need correct spelling in German should use umlauts and ß. The first answer from assistant had "grobten" typos. We should maybe provide corrected high-quality translation. They specifically asked no Russian/English, only German. German proper should have äöüß. Need final maybe full text with corrections. Since already in commentary, could send final maybe corrected? Need avoid repeating? We must output final answer after commentary. We can provide corrected translation. Ensure no Russian/English. Since user said only German, no preamble. Need not use citations. Need use bold headings. No symbols? Markdown bold uses asterisks, but requested bold headings, okay. However final can include just translation. Need include all text maybe with proper German. Should I correct "Ali Maardji"? The original says Маарджи; in German transliteration could "Ali Maardji" or "Ali Maardshi"; use "Ali Maardschi" maybe. Names okay.

Need ensure no English words: "Dollar" German? Yes. "Washington", "Teheran", "Bagdad", "Kataib Hisbollah", "Shelly Kittleson", "Marco Rubio", "Trump" proper. "Revolutionsgarden" German. "OPEK" German acronym? Duden uses Opec maybe "Opec"; in German "OPEC" recognized English? Use "Organisation Erdol exportierender Lander" to avoid. But original OPEC; use "Organisation erdolexportierender Lander". However "Organisation" etc. Good.
Need "Prasident Trump" or "Präsident Trump" proper.
Need no "USA"? Use "Vereinigte Staaten".
Need no "Washington Post" not in this text. Reuters not here no.
Need "Kataib Hisbollah" proper; maybe "Kataib Hezbollah" is English transliteration? German often Hisbollah. Use "Kataib Hisbollah". "Shelly Kittleson".

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Zaidi: ein Bankier zwischen Washington, Teheran und dem Bagdader Sumpf

Ali az-Zaidi kam als Kompromissfigur an die Macht. Als Unternehmer, Bankier und Mann mit begrenzter politischer Erfahrung erwies er sich nach monatelangem Ringen um das Amt des Ministerpräsidenten als bequeme Lösung. Zunächst war Nuri al-Maliki als Kandidat gehandelt worden, ein früherer Regierungschef, einer der bekanntesten und einflussreichsten schiitischen Politiker, eng verbunden mit dem proiranischen Flügel der irakischen Politik. Doch seine Rückkehr stieß im Irak und jenseits seiner Grenzen auf Widerstand.

Die Regierung von Präsident Trump machte deutlich, dass ein allzu offener Revanchezug proiranischer Kräfte seinen Preis haben würde. Für Bagdad ist das besonders gefährlich: Die irakische Wirtschaft hängt vom Zugang zum Dollarsystem, von Ölabrechnungen, internationalen Bankkanälen und der Möglichkeit ab, zwischen Iran und den Vereinigten Staaten zu balancieren. Auch Iran ist nicht an einer vollständigen finanziellen Erstickung des Irak interessiert, weil er die irakische Wirtschaft als äußeren Sauerstoffkreislauf für eigene Sanktionsumgehungen nutzt.

So erschien Zaidi auf der Bühne, nicht allzu eigenständig, aber für verschiedene Machtzentren hinreichend akzeptabel. Seine Kandidatur wurde vom Koordinierungsrahmen unterstützt. Ein wichtiger Akteur der Hintergrundarchitektur wurde der Vorsitzende des Obersten Justizrates, Faik Zaidan, den viele im Irak zu den mächtigsten Männern des Landes zählen. Zaidan verfügt über enge Verbindungen zu zentralen politischen und sicherheitspolitischen Spielern, und die Gerichte sind im Irak längst nicht nur ein rechtliches, sondern auch ein politisches Instrument.

Das Paradox besteht darin, dass der neue Ministerpräsident der Korruption innerhalb eines Systems den Krieg erklärte, das ihm selbst an die Macht verholfen hatte. Das macht seine Kampagne nicht automatisch zur Fiktion. Es zwingt jedoch dazu, sie vorsichtig zu lesen. Zaidi ist kein Revolutionär. Er ist kein Führer einer Massenbewegung. Er ist kein Mann, der mit einer einzigen Entscheidung die Macht der Milizen, Parteikassen und justizpolitischen Clans demontieren kann. Seine Stärke hängt davon ab, welche Gruppen innerhalb des herrschenden Blocks beschlossen haben, das Antikorruptionsschwert gegen ihre Konkurrenten einzusetzen.

Wenn Säuberung zum Verfahren der Machtübergabe wird

Der Irak hat solche Kampagnen bereits erlebt. Jeder neue Ministerpräsident versprach, gegen Korruption zu kämpfen. Mohammed Schia as-Sudani tat dies nach seinem Amtsantritt im Oktober 2022. Vor ihm erklangen ähnliche Versprechen unter anderen Regierungen. Doch das System überstand jede Welle. Warum?

Weil Antikorruptionskampagnen im Irak oft eine doppelte Funktion erfüllen. Nach außen zeigen sie der Gesellschaft, dass die neue Macht Ordnung schafft. Nach innen helfen sie, Patronagenetzwerke neu zu formatieren. Die Leute des alten Kabinetts gehen, die Leute des neuen Kabinetts kommen. Manche Kanäle werden gekappt, andere geöffnet. Manche Vermittler landen im Gefängnis, andere erhalten Zugang zu Verträgen. Korruption verschwindet nicht, ihr Betreiber wechselt.

In diesem Sinne lassen sich die Verhaftungen von 47 Personen als klassisches irakisches Ritual eines politischen Saisonwechsels betrachten. Doch die jetzige Kampagne unterscheidet sich durch Umfang, Zeitpunkt und äußeren Zusammenhang.

Erstens erfolgt sie nach erheblichem Druck der Vereinigten Staaten auf irakische Strukturen, die im Verdacht stehen, iranische Sanktionsumgehungen zu bedienen. Im Mai verhängte Washington Sanktionen gegen den stellvertretenden Ölminister für Verteilungsfragen, Ali Maardschi, und warf ihm Beteiligung an Systemen vor, bei denen iranisches und irakisches Öl zugunsten der Revolutionsgarden vermischt worden sein sollen. Nach amerikanischen Einschätzungen konnten solche Systeme rund eine Milliarde Dollar pro Jahr einbringen. Für Washington ist das nicht einfach Korruption. Es ist eine Frage des Sanktionsregimes gegen Iran.

Zweitens begann die Kampagne vor dem Hintergrund nervöser Entwicklungen auf dem Ölmarkt. Die Hormuskrise, sinkende Einnahmen, der Streit mit der Organisation erdölexportierender Länder, Versuche zur Steigerung der Ausfuhren, all das macht das Ölministerium zum Zentrum des Machtkampfes. Wenn ein Staat zu mehr als 90 Prozent von Öl abhängt, ist Korruption im Ölsektor kein Branchenproblem, sondern eine Frage der nationalen Sicherheit.

Drittens muss Zaidi dringend das Bild eines Ministerpräsidenten schaffen, der keine Marionette des Koordinierungsrahmens ist. Massenverhaftungen verschaffen ihm öffentliches Kapital. Er kann Washington sagen: Ich kontrolliere die Lage. Er kann den Irakern sagen: Ich bin nicht wie die Vorgänger. Er kann inneren Konkurrenten sagen: Ich verfüge über Gewalt- und Justizressourcen.

Doch die Hauptfrage bleibt dieselbe: Wird die Kampagne bis zu jenen vordringen, die das System wirklich kontrollieren? Oder wird sie bei Beamten der mittleren Ebene haltmachen, die sich bequem öffentlich bestrafen lassen?

Washington will keine Moral, sondern einen steuerbaren Irak

Die amerikanische Position im Irak ist pragmatisch. Die Vereinigten Staaten sind nicht in der Lage, Iran vollständig aus der irakischen Politik zu verdrängen. Sie verstehen das. Doch Washington will die Nutzung des Irak als finanziellen, logistischen und militärischen Hinterraum Teherans begrenzen.

Für die Vereinigten Staaten sind drei Richtungen besonders wichtig. Erstens das Bankensystem und die Dollarströme. Zweitens Ölsysteme, einschließlich einer möglichen Vermischung iranischen Öls mit irakischem Öl. Drittens bewaffnete Gruppierungen, die amerikanische Interessen, Verbündete der Vereinigten Staaten und regionale Infrastruktur angreifen können.

Die Antikorruptionskampagne Zaidis kann Washington gelegen kommen, wenn sie die toxischsten Kanäle trifft. Doch die Vereinigten Staaten geben sich keinen Illusionen hin: Die irakische Macht wird den gesamten proiranischen Gewaltkomplex nicht selbst demontieren. Sie kann einzelne Figuren opfern, um das System als Ganzes zu erhalten.

Das ist die klassische Logik des nahöstlichen Handels. Bagdad zeigt Washington einige Verhaftungen, einige Strafverfahren, einige Signale der Kooperationsbereitschaft. Washington erhält einen Grund, keine zerstörerischen Maßnahmen gegen das gesamte irakische Finanzsystem zu verhängen. Teheran bewahrt seine strategische Tiefe. Die irakischen Eliten behalten Zugang zu Einnahmen. Verlierer sind vor allem jene, die zu Verbrauchsmaterial erklärt wurden.

Gerade deshalb ist die Geschichte der Freilassung der amerikanischen Journalistin Shelly Kittleson aufschlussreich, die im April von der Gruppierung Kataib Hisbollah entführt worden war. Außenminister Marco Rubio hob öffentlich die Rolle des Obersten Justizrates des Irak bei ihrer Freilassung hervor. Für Bagdad war das ein wichtiges Signal: Das Justizsystem kann Washington als Mechanismus der Deeskalation und Kontrolle radikaler Gruppierungen präsentiert werden.

Doch wenn der Mann, der für die Justizarchitektur verantwortlich ist, zugleich mit Machtzentren verbunden ist, die Kontakte zu genau diesen Gruppierungen haben, entsteht eine politisch unbequeme Frage. Das irakische System löst Krisen nicht immer. Manchmal erzeugt es zuerst eine Krise und verkauft dann deren Lösung als Beweis der eigenen Unersetzlichkeit.

Teheran ist nicht gegen Säuberung, wenn richtig gesäubert wird

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, dass eine Antikorruptionskampagne, die Figuren aus dem proiranischen Umfeld berührt, Widerstand Irans hervorrufen müsste. Doch das wäre eine zu einfache Lesart.

Iran braucht keinen Irak, der durch amerikanische Sanktionen vollständig lahmgelegt wird. Iran braucht einen Irak, der ausreichend loyal, ausreichend durchlässig und ausreichend an das Weltfinanzsystem angeschlossen ist. Wenn einzelne Beamte zu sichtbar, zu gierig oder zu gefährlich für die Stabilität des gesamten Systems werden, können sie geopfert werden.

Teheran denkt nicht in Biografien einzelner Funktionäre, sondern in Infrastrukturen des Einflusses. Solange Milizen, Parteinetswerke, Justizverbindungen, Wirtschaftskanäle, Grenzlogistik und Zugang zu Ölsystemen erhalten bleiben, zerstört der Verlust einiger Figuren das System nicht. Im Gegenteil, eine kontrollierte Säuberung kann es stärken: schwache Glieder entfernen, den Druck der Vereinigten Staaten senken, die Gesellschaft beruhigen und Vermögenswerte innerhalb des loyalen Kreises neu verteilen.

Deshalb sollte man die jetzigen Verhaftungen nicht automatisch als Schlag gegen Iran betrachten. Sie können ein Schlag gegen einzelne Fraktionen sein, die zur Belastung geworden sind. Der eigentliche Test wird ein anderer sein: Wird Bagdad beginnen, die Autonomie bewaffneter Gruppierungen, die Transparenz der Finanzierung der Volksmobilisierungskräfte, die wirtschaftlichen Vermögenswerte von Strukturen mit Verbindungen zu den Revolutionsgarden und den politischen Einfluss der justiz- und sicherheitspolitischen Netzwerke zu begrenzen? Bislang gibt es keine Anzeichen für eine solche Demontage.

Milizen als Konzerne: warum Korruption nicht von Waffen zu trennen ist

Die wichtigste Besonderheit des Irak besteht darin, dass Korruption hier bewaffnet ist. Das ist keine Metapher. In vielen Ländern ist ein korrupter Beamter von Partei, Polizei oder Gericht abhängig. Im Irak stützt sich ein Teil der politisch-wirtschaftlichen Netzwerke auf bewaffnete Formationen, die über Haushalt, Ideologie, Kommandeure, Medien, Geschäftsinteressen und äußere Verbindungen verfügen.

Gerade deshalb funktioniert eine einfache Antikorruptionslogik nicht. Man kann nicht einfach die Spitze verhaften, wenn diese Spitze bewaffnete Strukturen, parlamentarische Verbündete, Gerichte, Stammeskanäle und ausländische Schutzmächte besitzt. Jeder Versuch einer wirklichen Säuberung kann in einen Gewaltkonflikt umschlagen.

Der mit der Infrastruktur der Volksmobilisierungskräfte verbundene Muhandis-Konzern wurde zum Symbol einer neuen Etappe. Wenn bewaffnete Strukturen nicht nur Haushaltsmittel, sondern auch wirtschaftliche Vermögenswerte, Landbefugnisse, Bauprojekte und kommerzielle Kanäle erhalten, verwandeln sie sich in einen Staat im Staat. Im iranischen Modell nimmt eine solche Position das Korps der Islamischen Revolutionsgarden ein. Im Irak bewegen sich einige Politiker und Kommandeure erkennbar in dieselbe Richtung.

Daraus ergibt sich die zentrale Grenze der Kampagne Zaidi. Er kann Beamte festnehmen lassen. Er kann Direktoren austauschen. Er kann Verfahren gegen Vermittler einleiten. Er kann demonstrativ Tresore aufbrechen lassen. Doch wenn er die bewaffnete Ökonomie der Milizen nicht berührt, behandelt er Symptome, ohne die Krankheit anzutasten.

Sunniten, Kurden und die schiitische Buchhaltung der Macht

Die Verhaftungen betrafen nicht nur schiitische Netzwerke, sondern auch Vertreter der sunnitischen Partei Azm. Das ist wichtig. Die irakische Korruption ist konfessionsübergreifend. Schiitische Parteien dominieren die Zentralmacht, doch auch sunnitische und kurdische Eliten beteiligen sich an der Verteilung der Ressourcen. Jede Gruppe hat ihre Ministerien, ihre Provinzinteressen, ihre Grenzsysteme, ihre Bauverträge und ihre Haushaltslinien.

Nach der Zerschlagung des sogenannten Islamischen Staates versuchen die sunnitischen Parteien, ihre politischen Positionen und die Kontrolle über die vom Krieg betroffenen Gebiete wiederherzustellen. Die kurdischen Parteien führen ihr eigenes Spiel um Haushalt, Öl, Erbil, Sulaimaniyya, die Beziehungen zur Türkei, zu Iran und zu Bagdad. Die schiitischen Fraktionen kämpfen innerhalb des größten Blocks gegeneinander.

Deshalb kann die Antikorruptionskampagne nicht nur zu einem Instrument innerer schiitischer Machtkämpfe werden, sondern auch zu einem Mittel für eine allgemeine Neuverhandlung der Koalitionsquoten. Wenn Zaidi und seine Schutzmächte die Verfahren selektiv einsetzen, können sie unbequeme sunnitische Partner schwächen, kurdische Akteure disziplinieren und zugleich die eigene Position innerhalb des schiitischen Lagers stärken.

Doch zu starker Druck kann das Gleichgewicht zerstören. Das irakische System ist zynisch, aber empfindlich. Es beruht nicht auf Vertrauen, sondern auf der Angst vor gegenseitigem Einsturz. Wenn eine Gruppe zu der Überzeugung gelangt, dass sie aus der Futterbasis verdrängt wird, kann sie das Parlament blockieren, Menschen auf die Straße bringen, Medienkampagnen aktivieren oder sich an äußere Schutzmächte wenden.

Das Volk sieht keine Reform, sondern den nächsten Handel der Eliten

Für die irakische Gesellschaft besteht die größte Gefahr darin, dass die Kampagne erneut zu einem Schauspiel wird. Die Menschen haben die Versprechen schon gehört. Sie haben Kommissionen, Ermittlungen, laute Erklärungen, Verhaftungen und Pressekonferenzen gesehen. Doch der Alltag veränderte sich kaum.

Die Iraker beurteilen den Kampf gegen Korruption nicht nach der Zahl festgenommener Beamter. Sie beurteilen ihn nach Strom, Wasser, Arbeit, Krankenhäusern, Schulen, Wohnraum, Lebensmittelpreisen und der Möglichkeit, eine staatliche Dienstleistung ohne Demütigung zu erhalten. Wenn sich einige Monate nach den spektakulären Verhaftungen nichts ändert, wird die Wirkung umschlagen: Der Zynismus wird wachsen.

Das ist gefährlich für Zaidi. Er kam ohne eigene breite politische Massenbasis an die Macht. Seine Legitimität hängt vom Ergebnis und vom Gleichgewicht zwischen den Eliten ab. Wenn die Eliten beginnen, ihn als Bedrohung wahrzunehmen, und die Gesellschaft ihn als weiteren Vollstrecker fremder Absprachen betrachtet, wird er zwischen zwei Mühlsteine geraten.

Die Jugend des Irak ist besonders ungeduldig. Die Generation, die 2019 auf die Straße ging, ist nicht verschwunden. Sie ist älter, wütender und vorsichtiger geworden, aber nicht loyaler. Die soziale Grundlage des Protests besteht fort: Arbeitslosigkeit, Armut, Korruption, äußere Einflussnahme, die Demütigung des Bürgers vor der parteistaatlichen Maschine. Jede neue Welle kann weniger romantisch und deutlich härter werden.

Drei Szenarien für den Irak

Das erste Szenario ist eine gesteuerte Säuberung. Zaidi wird die Verhaftungen fortsetzen, doch sie bleiben innerhalb des Zulässigen. Getroffen werden Beamte früherer Netzwerke, mehrere Figuren aus dem Ölsektor, einzelne Abgeordnete, Vermittler und Menschen, die für die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu toxisch geworden sind. Washington erhält Signale, Teheran bewahrt seine Einflussinfrastruktur, der herrschende Block verteilt Vermögenswerte neu. Das ist das wahrscheinlichste Szenario.

Das zweite Szenario ist ein innerer Krieg der Eliten. Wenn die Kampagne zu weit geht und reale Finanzknoten großer Fraktionen berührt, wird eine Antwort folgen. Parlamentskrisen, gerichtliche Gegenschläge, mediale Enthüllungen, Straßendruck und eine mögliche Aktivierung bewaffneter Gruppierungen können die Regierung rasch lähmen. Zaidi riskiert in diesem Fall, zu einer Übergangsfigur zu werden, die zunächst für die Säuberung benutzt und danach zugunsten eines neuen Gleichgewichts ersetzt wird.

Das dritte Szenario ist eine vorsichtige institutionelle Reform. Es ist am wenigsten wahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Dafür wären transparente Ermittlungen, unabhängige Gerichte, Schutz für Ermittler, Begrenzung der Parteikontrolle über Ministerien, Prüfung der Öleinnahmen, Reform der öffentlichen Beschaffung, Kontrolle der Finanzierung der Volksmobilisierungskräfte und eine schrittweise Trennung von Waffen und Wirtschaft notwendig. Doch ein solches Programm würde nicht einzelne korrupte Akteure treffen, sondern die Logik der irakischen Macht selbst. Wird ein System, das Zaidi hervorgebracht hat, dem zustimmen? Die Frage ist fast rhetorisch.

Die zentrale Schlussfolgerung: Im Irak wird nicht gegen den Staat gestohlen, sondern durch den Staat

Die derzeitigen Verhaftungen im Irak sind wichtig. Man kann sie nicht einfach als leeres Schauspiel abtun. In einem Land, in dem sich hochrangige Beamte jahrzehntelang für unantastbar hielten, verändert selbst eine selektive Säuberung die Atmosphäre der Angst. Doch es wäre ein Fehler, im Geschehen den Beginn einer moralischen Revolution zu sehen.

Die irakische Korruption ist kein Schmutz auf der Fassade des Staates. Sie ist in sein Fundament eingebaut. Durch sie wird die Loyalität von Parteien gekauft, werden Stammesnetzwerke unterhalten, politische Projekte finanziert, bewaffnete Gruppierungen gestärkt, Sanktionen umgangen und äußere Einflüsse bedient. Im Irak wird nicht gegen den Staat gestohlen. Im Irak wird allzu oft durch den Staat, im Namen des Staates und mithilfe des Staates gestohlen.

Ali az-Zaidi kann zu einem Ministerpräsidenten werden, der einen Teil der Trümmer wegräumt. Doch er wird kein Reformator historischen Ausmaßes, wenn er die Hauptquelle der Krankheit nicht anrührt: das Bündnis aus Ölrente, Parteipatronage, richterlicher Politik und bewaffneter Ökonomie. Ohne das wird jede Kampagne nur ein Wechsel der Wächter vor demselben unterirdischen Tresor bleiben.

Der Irak steht vor einer harten Wahl. Entweder wird die Antikorruptionskampagne zum Beginn der Demontage eines Systems, in dem das Öl den Eliten gehört, die Waffen den Parteien, die Gerichte den Siegern und die Bürger der Schlange vor einem geschlossenen Schalter. Oder sie bleibt das, was viele Kampagnen vor ihr waren: ein schöner Brand auf der Oberfläche eines Sumpfes, nach dem der Rauch sich verzieht, Beamte die Plätze tauschen und das Land erneut den vertrauten Satz über eine neue Etappe des Kampfes gegen die Korruption hört.

Nur im Irak klingt dieser Satz längst nicht mehr wie ein Versprechen. Er klingt wie eine Warnung: Irgendjemand dort oben hat wieder entschieden, dass es Zeit ist, die Beute neu zu verteilen.