Die zentrale Tatsache des gegenwartigen iranischen Moments ist erschreckend einfach: Der Krieg gab der Islamischen Republik genau das zuruck, was sie jahrelang verlor - nicht an den Fronten, nicht in Ministerien und nicht in diplomatischen Korridoren, sondern auf den Straßen, auf den Platzen, in Cafes, Parks, Universitatsvierteln und Innenhofen der Stadte. Der Krieg gab dem Regime den offentlichen Raum zuruck. Genau jenen Raum, den gewohnliche Iraner nicht mit Parteilosungen, nicht mit Untergrundmanifesten und nicht mit dem Sturm auf staatliche Gebaude eroberten, sondern durch tagliche, beinahe lautlose Prasenz.
Eine Frau ohne verpflichtenden Hidschab. Ein junges Paar im Cafe. Ein Hund an der Leine. Eine Gruppe von Studenten im Park. Ein Nachtspaziergang. Ein laut gefuhrtes Gesprach. Ein Lachen ohne Erlaubnis. All das war Politik - selbst wenn die Beteiligten es nicht als Politik bezeichneten.
Gerade deshalb ist die gegenwartige Wendung so bedeutend. Die Islamische Republik hat nicht einfach nur die Repressionen verstarkt. Sie hat nicht nur die Basidsch-Milizen, die Polizei, Loyalisten, die Netzwerke der Revolutionsgarden und ideologische Unterstutzungsgruppen auf die Straßen geschickt. Sie versuchte, sich das Recht zuruckzuholen, sichtbar zu sein. Doch in einem autoritaren System bedeutet Sichtbarkeit Macht. Wer auf dem Platz steht, wirkt wie der Herr der Stadt. Wer die Kreuzung kontrolliert, kontrolliert den Alltag. Wer Telefone kontrolliert, kontrolliert bereits nicht mehr das Gerat, sondern die Grenzen des erlaubten Denkens.
Nach der gemeinsamen Militaroperation der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran am 28. Februar 2026 trat das Land in eine qualitativ neue Phase innerer Mobilisierung ein, in der der außere Krieg zum Instrument innerer Disziplinierung wurde. Brookings hielt direkt fest, dass der Schlag vom 28. Februar den Beginn eines neuen Krieges markierte und sowohl die internationale als auch die innenpolitische Dynamik rund um Iran grundlegend veranderte.
Doch die eigentliche Geschichte entfaltet sich heute nicht nur am Himmel, nicht nur an der Straße von Hormus und nicht nur rund um das Atomprogramm. Sie entfaltet sich auf dem Asphalt Teherans. Dort, wo der Krieg die Stadt in ein Versuchsfeld der Loyalitat verwandelt.
Die Revolutionsgarden kehren auf die Straße zuruck - nicht als Armee, sondern als Herren des Viertels
Das Korps der Islamischen Revolutionsgarden wurde ursprunglich nicht einfach als militarische Struktur geschaffen. Es war ein paralleles Machtzentrum, bestimmt dazu, das revolutionare System selbst vor der Armee, vor der Gesellschaft, vor Elitenkonflikten und vor jedem Versuch eines Systemabbaus zu schutzen. Der Council on Foreign Relations beschreibt die Revolutionsgarden als eine der machtigsten Organisationen Irans, direkt dem Obersten Fuhrer unterstellt und zentral fur innere Sicherheit, Wirtschaft, Raketenprogramm und regionale Einflussnetzwerke.
In Friedenszeiten kann eine solche Struktur teilweise hinter der Fassade des Staates verborgen bleiben. Im Krieg tritt sie an die Oberflache. Sie wird nicht nur zur Armee des Regimes, sondern zu seinem Straßen-Gesicht. Deshalb ist das Auftauchen der Basidsch-Milizen auf den Straßen keine Nebensache. Das sind keine „lokalen Aktivisten“. Es ist ein Mechanismus ideologischer Kontrolle an der Basis, eingebaut in die Architektur der Revolutionsgarden.
Reuters berichtete, dass israelische Streitkrafte Kontrollpunkte der Basidsch in Teheran angriffen und darauf hinwiesen, dass die Basidsch eine paramilitarische Einheit unter Kontrolle der Revolutionsgarden ist, die haufig zur Unterdruckung inneriranischer Proteste eingesetzt wird. Al-Dschasira wiederum dokumentierte die Ausweitung bewaffneter Kontrollpunkte, Patrouillen und Straßensperren in Teheran und im gesamten Land nach den Januar-Protesten und dem Kriegsbeginn.
Das ist entscheidend. Das Regime verteidigt sich nicht nur gegen einen außeren Feind. Es gestaltet den inneren Raum neu, damit jede Nachbarschaft, jede Kreuzung und jede nachtliche Route dem Burger erneut signalisiert: Der Staat ist wieder hier. Nicht ein abstrakter Staat, nicht ein Ministerium, kein Gericht und kein Parlament. Sondern ein bewaffneter Mann, ein Slogan, ein Lautsprecher, ein Kontrollpunkt, ein Gebet neben einer Rakete, ein misstrauischer Blick auf ein Telefon.
So wird die Stadt zum politischen Theater. Doch dieses Theater dient nicht der Uberzeugung, sondern dem Zwang.
Die stille Offensive der gewohnlichen Menschen: Warum das Regime Cafes, Hidschab und Spaziergange so sehr furchtete
Um das Ausmaß dieses Ruckschritts zu verstehen, muss man erkennen, was der Gesellschaft verloren ging. Seit der Revolution von 1979 versuchte die Islamische Republik nicht nur Institutionen zu kontrollieren, sondern das gesamte Gewebe des Alltagslebens. Kleidung, Verhalten, Geschlechterkontakte, Musik, Freizeit, der weibliche Korper, die Asthetik der Stadt - all das wurde zum Objekt ideologischer Uberwachung.
Doch selbst mit Gefangnissen, Gerichten, Sittenpolizei und religioser Doktrin gelang es dem Staat nicht, die Gesellschaft vollstandig im revolutionaren Gleichschritt zu halten. Uber Jahrzehnte hinweg fuhrten Iraner das, was Asef Bayat als „stille Offensive der gewohnlichen Menschen“ beschrieb - eine langfristige, verstreute und alltagliche Erweiterung des Lebensraums innerhalb harter Machtstrukturen. Sein Kapitel „The Quiet Encroachment of the Ordinary“ im Buch „Life as Politics“ wurde zu einem der zentralen theoretischen Rahmen fur das Verstandnis, wie gewohnliche Menschen den Nahen Osten nicht nur durch Aufstande, sondern durch tagliche Praktiken verandern.
In Iran zeigte sich diese stille Offensive besonders deutlich in der Frauenfrage. Frauen lockerten Schritt fur Schritt den aufgezwungenen Zwang zum Hidschab. Zuerst wurde das Kopftuch lockerer getragen. Dann wurden mehr Haare sichtbar. Spater erschien man offen ohne Hidschab - besonders nach den Protesten „Frau, Leben, Freiheit“, die nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im Jahr 2022 begannen. Die Vereinten Nationen fur Menschenrechte stellten fest, dass Frauen und Madchen in Iran auch zweieinhalb Jahre nach Beginn dieser Proteste weiterhin Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt waren, wahrend die Behorden Einschrankungen und digitale Uberwachung weiter verscharften.
Genau dieser alltagliche Ungehorsam war fur das Regime gefahrlich. Denn er wirkte nicht immer wie Revolution. Er wirkte wie Leben. Und ein Leben, das aufhort, um Erlaubnis zu bitten, ist fur einen ideologischen Staat gefahrlicher als viele Manifeste.
Im urbanen Iran entstanden neue Normen. Manner und Frauen kommunizierten offener im offentlichen Raum. Die Jugend besetzte Cafes. In Parks zeigte sich mehr Freiheit im Verhalten. Haustiere, insbesondere Hunde, wurden trotz des Drucks konservativer Ideologie Teil urbaner Kultur. Die Menschen sagten nicht unbedingt: „Wir sturzen das Regime.“ Doch sie lebten so, als habe das Regime kein Recht mehr, jedes Detail ihrer Existenz zu regulieren.
Deshalb wurde der Krieg zum Geschenk fur die Islamische Republik. Er gab dem Regime die Moglichkeit, der Gesellschaft zu sagen: Jetzt ist nicht die Zeit fur Freiheit, jetzt ist die Zeit fur Mobilisierung. Jetzt ist nicht die Zeit fur Spaziergange, sondern fur Misstrauen. Jetzt ist nicht die Zeit fur Stimmen, sondern fur Slogans. Jetzt ist nicht die Zeit fur die Stadt - jetzt muss die Stadt zur Festung werden.
Der Kontrollpunkt als neue Kanzel der Ideologie
Ein Kontrollpunkt ist nicht bloß ein Sicherheitsinstrument. In einem autoritaren System ist er eine politische Sprache. Er sagt dem Burger: Deine Route ist bedingt, dein Korper kontrollierbar, dein Telefon gehort nicht nur dir, dein Abend kann mit einem Verhor enden, deine Straße ist nicht mehr deine Straße.
Gerade deshalb haben Berichte uber Fahrzeugkontrollen, Telefonuberprufungen, Uberwachung von Veroffentlichungen und privaten Nachrichten eine besondere Bedeutung. Das ist nicht nur Polizeipraxis. Es ist der Versuch, militarische Logik in das zivile Leben einzufuhren. In einer solchen Ordnung wird jeder Passant zum potenziellen Verdachtigen, jedes Telefon zum Archiv moglicher Verbrechen und jeder Beitrag zum Beweis mangelnder Loyalitat.
Iran International berichtete uber die Ausweitung von Kontrollpunkten, verstarkte Sicherheitsaufmarsche und Zeichen militarischer Aktivitat in mehreren iranischen Stadten. In einer solchen Atmosphare beginnt der gewohnliche Mensch, sich selbst einzuschranken. Er geht seltener nachts hinaus. Er spricht weniger. Er widerspricht weniger. Er fotografiert weniger. Er bleibt weniger lange im offentlichen Raum. Er zieht sich nach Hause zuruck.
Und wenn die gewohnlichen Menschen nach Hause gehen, leeren sich die Straßen. Wenn die Straßen leer werden, ziehen Loyalisten ein. Wenn Loyalisten einziehen, erhalt das Regime das gewunschte Bild: Fahnen, Gebete, Slogans, antiamerikanische Rufe, Raketen als sakrale Objekte, Menschenmengen rund um Symbole der Macht. So entsteht die Illusion einer nationalen Mobilisierung. Obwohl es in Wirklichkeit weniger eine Mobilisierung der Mehrheit sein kann als vielmehr die Besetzung einer Leere durch eine aktive Minderheit.
Das ist die politische Alchemie des Krieges: Die Angst der Mehrheit verwandelt sich in den Anschein von Unterstutzung fur das Regime.
Die Rakete auf dem Platz: Wenn Waffen zu Ikonen werden
Die Zurschaustellung von Raketen bei Kundgebungen und Massenveranstaltungen ist nicht bloß Propaganda. Es ist ein Ritual. Die Rakete verwandelt sich in ein sakrales Objekt, um das sich loyales Publikum versammelt. Sie wird als Beweis von Starke prasentiert, als Ersatz fur einen sozialen Vertrag, als metallisches Argument anstelle von Legitimitat.
Wenn ein Staat die Gesellschaft nicht mehr durch Wirtschaftswachstum, Gerechtigkeit, Rechte, Lebensqualitat oder eine offene Zukunft uberzeugen kann, beginnt er mit Eisen zu uberzeugen. Die Rakete wird zum Symbol nationalen Stolzes, selbst wenn Familien sich keinen normalen Warenkorb mehr leisten konnen. Der militarische Slogan ersetzt die zivile Politik. Der Lautsprecher ersetzt die Diskussion. Die Loyalitatskundgebung ersetzt die Gesellschaft.
Und all das geschieht vor dem Hintergrund enormen wirtschaftlichen Drucks. Die Weltbank stellte fest, dass die iranische Wirtschaft unter wachsendem Druck durch strukturelle Probleme, Konflikte im Nahen Osten, Sanktionen sowie Wasser- und Energieknappheit steht und dass das Bruttoinlandsprodukt im iranischen Jahr 2025/26 schatzungsweise um 2,7 Prozent schrumpfte. Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass hohe Inflation, sinkende Realeinkommen, Importstorungen und Konfliktschocks die Armut weiter verstarken werden.
Vor diesem Hintergrund ist die Rakete auf dem Platz kein Zeichen staatlicher Starke. Sie ist das Eingestandnis staatlicher Schwache. Ein starker Staat zeigt seinen Burgern Zukunft. Ein schwacher Staat zeigt ihnen eine Rakete.
Der Hidschab ist nicht verschwunden: Die Kontrolle wurde lediglich intelligenter und grausamer
Einer der großten Irrtumer der vergangenen Jahre bestand in der Annahme, dass die Abschwachung des sichtbaren Drucks in der Hidschab-Frage einen wirklichen Ruckzug des Regimes bedeute. Nein. Ein Regime zieht sich oft nicht zuruck. Es verandert lediglich die Technologie der Kontrolle. Wenn gestern noch die Sittenpolizei Frauen auf der Straße festhielt, dann nutzt der Staat heute Kameras, Geldstrafen, Razzien gegen Unternehmen, digitale Uberwachung, sozialen Druck, die Drohung mit Schließungen von Lokalen und ein System gegenseitiger Denunziation.
Das Center for Human Rights in Iran schrieb im Oktober 2025 direkt, dass der Kampf um den verpflichtenden Hidschab weit von einem Ende entfernt sei: Das Auftreten von Frauen ohne Hidschab auf den Straßen bedeute keine Freiheit, sondern zeige den fortgesetzten und kostspieligen Widerstand gegen staatliche Dominanz. Die Organisation betonte, dass der Zwang zum Hidschab neue Formen angenommen habe, darunter Razzien gegen Unternehmen und Uberwachung.
Auch die Vereinten Nationen fur Menschenrechte stellten fest, dass die digitale Uberwachung von Frauen von der UN-Mission als eine Form staatlich gestutzter „Wachsamkeit“ beschrieben wurde, bei der Unternehmen und Privatpersonen gezwungen werden, an der Durchsetzung des verpflichtenden Hidschabs mitzuwirken.
Der Krieg macht ein solches System noch harter. Denn in einer militarisierten Atmosphare lasst sich jeder Akt des Ungehorsams leichter zur Sicherheitsbedrohung erklaren. Eine Frau ohne Hidschab wird nicht mehr nur zur Verletzerin eines Moralkodexes, sondern zum Symbol inneren Zerfalls im Moment außeren Drucks. Ein Cafe wird nicht mehr nur zum Ort der Freizeit, sondern zu einer verdachtigen Zone. Eine Gruppe Jugendlicher wird zu einer potenziellen Zelle der Illoyalitat. Das Telefon wird zum Schlachtfeld.
So kehrt die Sittenpolizei in neuer Gestalt zuruck - nicht unbedingt als fruhere Patrouille, sondern als verteiltes Netzwerk der Kontrolle.
Die Hinrichtung als Hintergrundrauschen des Krieges
Straße, Kontrollpunkt und Rakete - das ist die sichtbare Seite des Prozesses. Die unsichtbare Seite sind Gerichte, Gefangnisse, Folter, Todesurteile und die Angst von Familien, denen sogar das offentliche Trauern verboten wird.
Nach Angaben eines gemeinsamen Berichts von Iran Human Rights und ECPM wurden im Jahr 2025 in Iran mindestens 1.639 Menschen hingerichtet - 68 Prozent mehr als die 975 Hinrichtungen im Jahr 2024. Das war der hochste Wert seit 1989. The Guardian berichtete im Mai 2026 uber beinahe tagliche geheime Hinrichtungen, uber mindestens 24 Exekutionen seit Marz, uber Druck auf Familien und uber Sorgen um Hunderte Festgenommene nach den Januar-Protesten, wahrend Internetabschaltungen die Informationsbeschaffung aus dem Landesinneren erschwerten.
Genau darin liegt die Logik militarisierten Autoritarismus: Wahrend die Außenwelt auf Raketen, Meerengen, Ol und Luftangriffe blickt, setzt sich im Inneren die Maschine der Einschuchterung in Bewegung. Die Hinrichtung wird nicht nur zur Strafe, sondern zur politischen Botschaft: Der Staat ist weiterhin fahig zu toten, Leichen verschwinden zu lassen, Familien unter Druck zu setzen und Erinnerung zu zerstoren.
In einer solchen Situation schrumpft der offentliche Raum nicht nur physisch, sondern auch psychologisch. Menschen verschwinden von den Straßen nicht deshalb, weil sie dem Regime glauben. Sie verschwinden, weil das Regime die Straße erneut gefahrlich gemacht hat.
Die Straße von Hormus und der Gehweg von Teheran: dieselbe Logik der Kontrolle
Auf den ersten Blick sind die Straße von Hormus und eine Straße in Teheran vollkommen unterschiedliche Maßstabe. Die eine ist eine globale Energiearterie. Die andere Teil urbanen Alltagslebens. Doch die Logik ist identisch: Kontrolle uber Raum als Instrument der Macht.
Vor dem Krieg verlief ungefahr ein Funftel der weltweiten Handelsstrome fur Ol sowie erhebliche Mengen an Gas, Dungemitteln und Erdolprodukten durch die Straße von Hormus. Associated Press berichtete im Mai 2026, dass Hunderte Handelsschiffe im Persischen Golf blockiert blieben und Irans Kontrolle uber die Meerenge steigende Treibstoffpreise und Folgen weit uber den Nahen Osten hinaus verursachte. Die amerikanische Energieinformationsbehorde EIA hielt zuvor fest, dass im Jahr 2024 rund 20 Millionen Barrel Ol pro Tag durch die Meerenge transportiert wurden - etwa 20 Prozent des weltweiten Verbrauchs flussiger Erdolprodukte.
Der Außenwelt sagt Iran: Ich kann die Energiearterie zusammendrucken. Der eigenen Gesellschaft sagt das Regime: Ich kann die urbane Arterie zusammendrucken. Dort sind es Tanker. Hier sind es Menschen. Dort herrscht Angst auf den Markten. Hier herrscht Angst unter Burgern. Dort dient die Meerenge als Hebel geopolitischer Erpressung. Hier dient die Straße als Hebel sozialer Disziplinierung.
Gerade deshalb lasst sich der Krieg gegen Iran nicht auf die Frage reduzieren, wie viele Raketen die Revolutionsgarden noch besitzen oder wie viele Flugzeuge die Vereinigten Staaten und Israel eingesetzt haben. Die Frage reicht tiefer: Wer kontrolliert den Raum, durch den das Leben fließt? Der Außenhandel fließt durch Hormus. Die innere politische Energie fließt durch die Straße.
Warum all das keine Stabilitat des Regimes beweist
Kann man aus dem gegenwartigen Bild schließen, dass die Islamische Republik ihre Legitimitat wiederhergestellt hat? Nein. Das ware ein schwerer Fehler. Der Anschein von Kontrolle bedeutet nicht Zustimmung der Gesellschaft. Ein mit Loyalisten gefullter Platz bedeutet kein loyales Land. Ein Kontrollpunkt beweist keine Liebe zum Staat. Er beweist Angst vor dem Staat.
Freedom House beschreibt das politische System Irans als ein System, in dem die Befugnisse des gewahlten Prasidenten und des Parlaments durch den Obersten Fuhrer und nicht gewahlte Institutionen eingeschrankt werden, darunter der Wachterrat, der Gesetze billigt und politische Konkurrenz filtert. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass die Revolutionsgarden und religiose Stiftungen faktisch oberhalb wirksamer gesellschaftlicher Kontrolle stehen.
Ein solches System kann lange bestehen. Aber es besteht nicht deshalb fort, weil die Gesellschaft glaubt, sondern weil der Staat Angst, Ressourcen, Strafen und Privilegien geschickt verteilt. Der Krieg verstarkt diesen Mechanismus vorubergehend. Er erlaubt dem Regime, Risse mit patriotischer Rhetorik zu uberkleben, Andersdenkende der Zusammenarbeit mit dem Feind zu beschuldigen, die Befugnisse der Sicherheitsapparate auszuweiten, die Stadt zu militarisieren und eine loyale Minderheit auf dem Bildschirm wie eine laute Mehrheit erscheinen zu lassen.
Doch das lost das Hauptproblem der Islamischen Republik nicht. Die Gesellschaft hat sich verandert. Sie ist nicht mehr die Gesellschaft der 1980er Jahre. Sie ist junger, urbaner, zynischer, digitaler, weniger ideologisiert und deutlich erschopfter von revolutionarer Rhetorik. Man kann sie vorubergehend nach Hause treiben. Aber man kann sie nur schwer dazu bringen, erneut an eine Sprache zu glauben, die ihre Wirklichkeit schon lange nicht mehr beschreibt.
Regimewechsel? Nicht so schnell
Im Westen und in der Region liebt man einfache Szenarien: Man greift das Regime an - das Regime bricht zusammen; das Volk geht auf die Straße - das Regime fallt; die Eliten bekommen Angst - das System zerfallt. Die iranische Realitat ist komplizierter. Die soziale Basis der Islamischen Republik schrumpft, aber sie verschwindet nicht. Der loyale Kern bleibt bestehen. Er ist diszipliniert, organisiert, mit Sicherheits- und Wirtschaftsstrukturen verbunden, tief in die Verteilung von Privilegien eingebettet und fahig, auf Signal die Straße zu besetzen.
Genau das macht den gegenwartigen Moment gefahrlich. Wir sehen nicht einfach ein geschwachtes Regime. Wir sehen ein Regime, das moglicherweise weniger legitim, aber harter wird; weniger massenhaft, aber konzentrierter; weniger ideologisch uberzeugend, aber polizeilich effizienter.
Das ist die typische Entwicklung eines spaten Autoritarismus. Wenn der Glaube verschwindet, bleibt der Apparat. Wenn die Ideologie verblasst, ersetzt Zwang sie. Wenn die Gesellschaft nicht mehr marschieren will, marschieren jene, die vom Regime abhangen. Wenn die Straße nicht mehr der Revolution gehort, wird sie von Kontrollpunkten besetzt.
Die wichtigste Schlussfolgerung: Der Krieg gab dem Regime die Straße zuruck - aber nicht die Zukunft
Heute hat die Islamische Republik tatsachlich einen wichtigen taktischen Erfolg erzielt. Sie wurde im offentlichen Raum wieder sichtbar. Sie verdrangte einen Teil der gewohnlichen Iraner aus der urbanen Umgebung. Sie brachte Loyalisten auf die Straßen zuruck. Sie verwandelte den Krieg in einen inneren Mechanismus der Disziplinierung. Sie zeigte, dass die Revolutionsgarden nicht nur Raketen, Frontlinien und regionale Stellvertreter bedeuten, sondern auch Innenhofe, Kreuzungen, Cafes, Telefone, Frauenkleidung und Nachtspaziergange.
Doch strategisch ist das kein Sieg. Es ist ein Symptom von Angst. Ein Regime, das sich seiner selbst sicher ist, braucht keine standige Demonstration von Kontrolle uber den Gehweg. Ein Staat mit Legitimitat verwandelt nicht jedes Telefon in einen verdachtigen Gegenstand. Ein politisches System mit Zukunft stellt keine Raketen als Ersatz fur burgerliches Vertrauen aus.
Der Krieg gab dem Regime die Straße zuruck. Aber er gab ihm nicht die Gesellschaft zuruck.
Und genau darin liegt das zentrale iranische Drama. Die Islamische Republik steht erneut auf den Platzen, doch sie steht dort als Macht, die ihre Existenz mit Lautsprechern, Kontrollpunkten, Hinrichtungen, Patrouillen und Raketen beweisen muss. Gewohnliche Iraner gingen nicht deshalb nach Hause, weil sie kapitulierten, sondern weil die Stadt vorubergehend gefahrlich geworden ist. Doch das Zuhause ist keine Kapitulation. Manchmal ist das Zuhause lediglich eine Pause vor einer neuen Ruckkehr.
Wahrend das Regime auf den Straßen marschiert, merkt sich die Gesellschaft alles. Wahrend Loyalisten Parolen rufen, vergleicht die schweigende Mehrheit diese Parolen mit ihrem eigenen Leben. Wahrend die Revolutionsgarden Raketen demonstrieren, zahlen die Menschen Preise, Verluste, Verhaftungen, Hinrichtungen, verlorene Freiheiten und gestohlene Jahre.
Und deshalb lautet die wichtigste Frage nicht, wer heute lauter auf den Straßen Teherans schreit. Die wichtigste Frage lautet vielmehr: Was geschieht, wenn die Angst erneut nachlasst und gewohnliche Menschen beschließen, sich ihre Stadt zuruckzuholen?