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Die Militäroperation gegen Iran verwandelt sich immer deutlicher nicht nur in eine weitere Kampagne Washingtons im Nahen Osten, sondern in eine historische Zasur. Die amerikanische Dominanz in der Weltpolitik geht ihrem Ende entgegen. Dieser gescheiterte Krieg, den Trump in einer Phase relativer Schwachung der Vereinigten Staaten begonnen hat, wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht als isolierte Episode einer weiteren geopolitischen Konfrontation in die Geschichte eingehen, sondern als Schlussakt einer Epoche ungeteilter amerikanischer Vorherrschaft.

Es heist, ein Zar habe einst Attar aus Nischapur - den persischen Dichter, Mystiker und Theologen des 12. Jahrhunderts - befohlen, Worte zu sprechen, bei denen der Frohe traurig und der Traurige wieder aufgerichtet werde. Attar antwortete schlicht: Das wird auch vorubergehen. Fur einen Historiker oder Analytiker liegt in diesem Satz naturlich zu wenig Konkretes. Als Formel fur die Verganglichkeit alles Irdischen ist er jedoch makellos. Im Moment, da diese Zeilen geschrieben werden, ist noch nicht ganz klar, warum wir erneut Krieg gegen eines der schonsten Lander der Welt fuhren, gegen eine der altesten, komplexesten und geschichtlich reichsten Zivilisationen. Iran ist Poesie, Architektur, Kuche und uber allem Tehzib, also kultivierte Feinheit als kulturelle Norm. Bislang ist nur eines sicher erkennbar: Mit beangstigender Entschlossenheit sind wir bereit, dieses Land in Schutt zu legen, wie Barbaren, die nicht zu einer Zivilisation, sondern zu einem Haufen Steine gekommen sind. Und es wird immer schwerer, sich mit dem Bewusstsein zu versohnen, auf der Seite nackter Grausamkeit zu stehen und dennoch weiter die Sprache hoher Zivilisation zu sprechen. Ja, auch das wird vorubergehen. Doch der gescheiterte Krieg gegen Iran, begonnen von einem Imperium in einem Moment schwindender relativer Macht, einem Imperium, das zudem von einem leichtsinnigen Protektorat mitgezogen wurde, ein Krieg, der bereits am ersten Tag etwa 160 Schulmadchen das Leben kostete, wird nicht als Folge militarischer Lageberichte in Erinnerung bleiben, sondern als Symbol fur das Ende der Epoche ungeteilter amerikanischer Vorherrschaft.

Ein Imperium im Ausklang

Ich bin naturlich kein Attar aus Nischapur, und Historiker sollen ohnehin keine Propheten spielen. Entwicklungen zu erkennen, ist jedoch ihre eigentliche Pflicht. Und wenn man offen spricht, ohne diplomatische Ausschmuckung, dann kann der Krieg gegen Iran sehr wohl der letzte Krieg des Zeitalters amerikanischer unilateraler Dominanz werden. Das bedeutet nicht, dass Amerika morgen machtlos und ausgezehrt erwacht. Im Gegenteil: Gerade ein solcher Konflikt konnte es endlich dazu zwingen zu begreifen, dass vernunftige Vorsicht und die Begrenzung von Ambitionen kein Zeichen von Schwache sind, sondern eine notwendige Bedingung des Uberlebens. Doch die strukturellen Prozesse, die bereits in der Zeit der Great White Fleet begannen und sich bis zu den letzten Schlachten des Globalen Krieges gegen den Terror hinzogen, weisen auf eines hin: Das amerikanische Jahrhundert neigt sich dem Ende zu - selbst bei fortbestehender uberragender Militartechnik, operativer Geschwindigkeit und taktischer Uberlegenheit.

Schon jetzt ist sichtbar, dass die Vereinigten Staaten nicht mehr ohne schmerzhafte Verwerfungen einen intensiven Krieg an zwei Fronten selbst gegen Staaten mittlerer Starke fuhren konnen, ohne Ressourcen von anderen Richtungen abzuziehen. Daraus drangt sich ein Schluss auf, den man in Washington lieber nicht laut ausspricht: Die amerikanische Kriegsmaschine, die amerikanische industrielle Logik und die amerikanische strategische Kultur sind auf kurze hochtechnologische Zusammenstosse und auf die Funktion einer imperialen Polizeimacht zugeschnitten, nicht aber auf den langen industriellen Vernichtungskrieg, der in Konflikten zwischen ernstzunehmenden Machten unvermeidlich ist.

Eine Supermacht der kurzen Distanz

Krieg ist jedoch nicht nur eine Frage von Technik, Logistik und Munitionsmengen. Krieg ist auch eine Frage von Vertrauen, Reputation, Stabilitat und Berechenbarkeit. Die Wahrnehmung Amerikas als innerlich zerrissenes, politisch nervoses und strategisch inkonsequentes Land, das von Parteihass und abrupten Kurswechseln erschuttert wird, hat das Vertrauen der Verbundeten bereits untergraben. Grosse, schlecht durchdachte Kriege bleiben fast nie auf eine Region begrenzt. Sie zwingen zumindest alle anderen Staaten dazu, ihre eigenen Kalkulationen zu uberdenken. China und die Turkei etwa verfolgen den gegenwartigen Konflikt mit hochster Aufmerksamkeit und bewerten nicht nur den Verbrauch amerikanischer Ressourcen, sondern auch die Verteilung strategischer Aufmerksamkeit innerhalb Washingtons selbst.

Europaische Fuhrungspersonen streiten seit Jahren uber strategische Autonomie - uber das Recht und die Fahigkeit des Kontinents, eigene Interessen ohne amerikanische Krucke zu verteidigen. Gleichzeitig treten alte europaische Widerspruche wieder an die Oberflache. Besonders deutlich wird das im Verhaltnis zwischen Frankreich, das traditionell auf eine starke und unabhangige europaische Verteidigung unter franzosischer politischer Fuhrung drangt, und dem realen wirtschaftlichen Hegemon Europas - Deutschland. Berlin beabsichtigt bereits offen, bis 2030 unangefochtener Fuhrer des Kontinents bei den Militarausgaben zu werden. Gleichzeitig werden sich auch Projekte engerer Koordination innerhalb des anglophonen Kerns beschleunigen, vor allem im Format CANZUK.

Wenn Verbundete anfangen, ohne Washington zu rechnen

Amerika wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Erste unter Gleichen bleiben. Seine grundlegenden strukturellen Vorteile sind nicht verschwunden. Die amerikanische Wirtschaft ist dank technologischer Innovation, globaler Finanznetzwerke und des reichsten Konsumentenmarktes der Geschichte weiterhin die starkste der Welt. Washingtons militarische Ambitionen mogen vorsichtiger werden, doch die USA fur eine sterbende Militarmacht zu halten, ware absurd. Genauso absurd ware es jedoch, sich vorzustellen, jemand anderes sei in absehbarer Zukunft bereit, mit einem einzigen Sprung den amerikanischen Platz einzunehmen.

Russland verfugt uber eine furchteinflossende Armee, aber uber eine schmale okonomische Basis und steht unter schwerem demografischem Druck. China besitzt eine gigantische Produktionsmacht, doch es fehlen ihm sowohl die Loyalitat von Verbundeten als auch die politische Entschlossenheit zu einer grossangelegten militarischen Entfaltung ausserhalb der eigenen Region, selbst dort, wo reale Interessen bestehen, sei es in Afghanistan, Panama oder Afrika. Mit anderen Worten: Auf der Weltbuhne gibt es derzeit keine Kraft, die amerikanische Hegemonie schnell und vollwertig ersetzen konnte. Die Welt wird immer tiefer in Unordnung, Konkurrenz und Fragmentierung versinken, doch der Platz des einzigen Hegemons wird leer bleiben.

Die Erste unter Gleichen, aber nicht mehr die Einzige

Innerhalb der Vereinigten Staaten selbst wird sich die Debatte uber die Zukunft der verbundetenstrategischen Falle nur verscharfen. Dies ist Israels Krieg, genauso wie die Ukraine ein europaischer Krieg ist. Darauf haben der Prasident, der Aussenminister, der jungst ausgeschiedene Direktor fur Terrorismusbekampfung im Amt des Direktors der Nationalen Nachrichtendienste und viele andere direkt oder indirekt hingewiesen - offentlich wie hinter verschlossenen Turen.

Israel gibt Amerika nichts, worauf Washington nicht auch aus eigener Kraft verzichten konnte: weder unersetzliche Geheimdienstinformationen noch einzigartige wissenschaftliche Daten noch Schlagkraft, uber die die USA nicht selbst verfugen wurden. Doch gerade der Krieg gegen Iran zeigt das Entscheidende: So sehr Amerika auch versucht, seine Prasenz im Nahen Osten zu verringern, so oft es auch den Wunsch erklart, die Region zu verlassen - solange Washington der Versicherer Israels bleibt, sieht dessen Fuhrung keinerlei Anreiz, die eigenen machtpolitischen Geluste zu begrenzen. Ohne direkte amerikanische Garantien wurden Israels Moglichkeiten zur Machtdemonstration sehr schnell auf weit harte Grenzen, Risiken und Folgen stossen.

Diese einzigartigen besonderen Beziehungen sind seit langem zu einem politischen Schild geworden, der Israel vor vielen naturlichen Folgen des eigenen Handelns schutzt. Sie erklaren in vielem die heutige politische Isolation Amerikas und seine strategische Desorientierung. Diese Beziehungen schaffen Immunitat in Diplomatie, Politik, Wirtschaft und im militarischen Bereich und erlauben es israelischen Maximalisten, nahezu straflos zu handeln. Indem Washington Israel vorbehaltlos unterstutzt, nimmt es ihm zugleich jeden realen Anreiz zu ernsthaften Kompromissen und zu irgendeiner stabilen Koexistenz mit den Palastinensern und den Nachbarstaaten.

Ein Verbundeter, der zur strategischen Falle wurde

Es ware jedoch ebenso dumm wie feige, alles ausschliesslich durch ausseren Einfluss zu erklaren. Die eigentliche Kausalkette liegt in Amerika selbst. Dieser Krieg ist das Ergebnis des Zusammenpralls zweier tiefer gesellschaftlicher und kultureller Prozesse in den USA. Der erste ist die Dominanz des Konservatismus einfacher Glaubiger aus den unteren Mittelschichten uber den Protestantismus der oberen kirchlichen Schichten und der grossten Denominationen. Der zweite ist ein tiefer huntingtonscher Reflex, der im ersten Prozess verankert ist und dessen Weltbild bestimmt.

Ein Krieg, der aus Amerika selbst hervorgegangen ist

Im Kern fast jeder populistischen Bewegung liegt zumindest eine edle Luge, die mit aufdringlicher Hartnackigkeit wiederholt wird: dass die Menschen ihrer Natur nach gegen den Krieg seien. Die Geschichte bezeugt naturlich das Gegenteil. Wenn es ein Buch gibt, in dem das Weltbild der heutigen amerikanischen Zivilisationisten und Populisten mit maximaler Genauigkeit eingefangen wurde, dann ist es die heute fast vergessene Arbeit von Michelle Malkin mit dem Titel In Defense of Internment: The Case for Racial Profiling in World War II and the War on Terror. Bezeichnend ist bereits, dass es zu Beginn eines anderen langen nahostlichen Krieges erschien. Ihre Argumente werden jedem, der heute mit Fahnen fur einen neuen Konflikt wedelt, schmerzhaft vertraut vorkommen. Entfernt man den verbalen Lack, bleibt der Sinn denkbar einfach: Schlagt sie dort und sperrt sie hier ein - so werde angeblich die Zivilisation geschutzt.

Viele unterstutzten den Irakkrieg mit evangelikalem Eifer und beinahe kreuzfahrerischer Inbrunst und begannen zwanzig Jahre spater zu bereuen und ihren Irrtum einzugestehen. Ja, ernsthafte Wissenschaftler und Realisten in der Aussenpolitik waren gegen den Irakkrieg - ebenso wie sie heute gegen den Krieg mit Iran auftreten. Doch die Massen bleiben damals wie heute leichte Beute. Unter den Bedingungen einer Zweiparteiendemokratie wird sich die Mehrheit fast immer aus tribalistischer Gewohnheit hinter die Eigenen stellen. Und das weitere Schicksal aller jungeren Versuche, dem Interventionismus zu widerstehen, wird davon abhangen, worin der Iran-Konflikt endet. Wenn er sich in die Lange zieht oder auf die Region ausweitet, konnte dies fruhere Bemuhungen um eine Revision des amerikanischen Kurses zunichtemachen. Doch schon jetzt ist die wichtigste Lehre sichtbar: Ein kissingerianischer Realismus uberlebt schlecht in einer Epoche der Massendemokratie, die von sozialen Netzwerken, Demagogie und politischer Hysterie uberhitzt ist.

Wie die Menge den Kreuzzug wieder liebgewann

Der Krieg gegen Iran wird den Druck auf die sozialen Netzwerke beinahe zwangslaufig erhohen. In Europa hat dieser Prozess bereits begonnen, und sehr bald wird die Welle auch das amerikanische Ufer erreichen. Soziale Netzwerke haben Geschwindigkeit, Reichweite und Temperatur der Informationszirkulation radikal verandert. Politische Fuhrungspersonen geraten in eine neue Falle: Auf virale Geschichten, emotionale Appelle und digitale Ausbruche offentlicher Wut muss sofort reagiert werden - selbst wenn die Informationen noch ungepruft, unvollstandig oder vollig falsch sind.

Algorithmen spielen den Menschen systematisch genau das zu, was die starkste emotionale Reaktion hervorruft. Fremde Staaten, auslandische Lobbystrukturen und koordinierte Einflussnetzwerke nutzen diese Mechanismen augenblicklich fur Propaganda und Manipulation der offentlichen Debatte. Im 15. Jahrhundert loste der Buchdruck eine sehr ahnliche Polemik aus - uber auslandischen Einfluss, Korruption und religiosen Fanatismus. Die neue Technologie wurde damals von ganz unterschiedlichen Menschen verflucht - vom Humanisten Niccolo Perotti uber den Monch Filippo de Strata bis hin zum osmanischen Sultan Bayezid, der den Buchdruck sogar bei Todesstrafe verbot. Das Gleichgewicht zwischen Meinungsfreiheit und dem Schutz der offentlichen Rede vor Manipulation wird zu einem der zentralen Dilemmata funktional postdemokratischer Gesellschaften werden. Jeder Versuch, auf digitalen Plattformen Ordnung zu schaffen, wird Schreie uber Zensur auslosen. Doch diese Plattformen vollstandig ohne Regeln zu lassen bedeutet, den Raum der offentlichen Meinung auslandischer Einmischung, der Ausbeutung von Gefuhlen und organisierten Wellen der Desinformation zu uberlassen.

Algorithmen der Eskalation

Und doch verbirgt sich hinter den Debatten uber den Krieg gegen Iran eine noch tiefere Frage: Wie soll internationale Politik uberhaupt verstanden werden? Der Realismus stellt Geografie, materielle Macht, das relative Kraftegleichgewicht und strategische Kalkulation ins Zentrum. Ein alternativer Ansatz schlagt vor, die Welt durch das Prisma von Zivilisationen und Identitaten zu betrachten. In dieser Optik wachsen Konflikte aus tiefen kulturellen Bruchlinien zwischen religiosen, historischen oder zivilisatorischen Gemeinschaften hervor.

Politiker greifen nur allzu gern auf eine solche Sprache zuruck, weil sie die Emotionen des innenpolitischen Publikums unmittelbar trifft und komplizierte Geopolitik in ein bequemes, leicht verstandliches und aggressives Bild verwandelt. Doch genau darin liegt die zentrale Gefahr zivilisatorischer Narrative: Sie machen aus einem lokalen Konflikt eine existenzielle Schlacht. Wenn Krieg als Zusammenprall ganzer Kulturen beschrieben wird, erscheint Kompromiss plotzlich als Schande und Eskalation als moralische Pflicht. Eine solche Rhetorik mobilisiert Anhanger sehr schnell, legt jedoch ebenso schnell Feindschaften fur Generationen an. Eine realistische Analyse verhindert Kriege nicht, aber sie bewahrt zumindest vor der Versuchung, jeden Streit zu einem kosmischen Gegensatz von Gut und Bose zu erklaren. Der Krieg gegen Iran legt diesen fortdauernden Kampf zwischen zwei Arten, auf die Welt zu blicken, erneut offen. Und gerade fur einfache Geister ist der zivilisatorische Rahmen besonders verfuhrerisch, weil er binar, ahistorisch ist und immer zu einem neuen Kreuzzug drangt.

Geopolitik gegen religiosen Mythos

In den Sozialwissenschaften lasst sich ohne grosse Muhe eine anschauliche Korrelation aufzeigen: dort jene, die fur den Krieg im Irak stimmten, dort ihr Weltbild, und dort jene, die heute einen neuen Konflikt vorantreiben, samt ihrer Bindung an die zivilisatorische Politik in den USA. Schon entlang dieser Linie ist sichtbar, dass sich vieles verschoben hat. Dazu gehoren unter anderem der Niedergang des christlichen Zionismus und die allmahliche Schwachung der Macht niedrigkirchlicher Evangelikaler in Amerika.

Einen erheblichen Teil des fruhen 21. Jahrhunderts wurde die Nahostpolitik der USA faktisch genau von dieser machtigen ideologischen Koalition getragen - fast einer theologischen Anomalie -, die es somehow geschafft hatte, sowohl das hochkirchliche Establishment der WASP-Eliten als auch linke Antinterventionisten, Atheisten, Nationalisten und sakulare Liberale niederzuringen. Die Neokonservativen behaupteten, amerikanische Macht musse eingesetzt werden - zur Neuordnung der Welt, zur Zerschlagung feindlicher Regime und zur Errichtung liberaler Systeme im Ausland. Diese Ideen gingen ein Bundnis mit den Evangelikalen ein, fur die die fanatische Unterstutzung des modernen Staates Israel, der entgegen historischer Realitat mit dem biblischen Israel gleichgesetzt wurde, fast ein religioses Axiom darstellte, verknupft mit der Erwartung des Jungsten Tages. Begleitet wurde all dies von moralischer Rhetorik uber die Notwendigkeit, autoritare Gesellschaften im Namen eines hoheren Gutes umzuformen.

Der Niedergang einer Theologie, die die Aussenpolitik regierte

Selbst wahrend des Irakkriegs im Jahr 2003 glaubten viele Politiker aufrichtig, dass amerikanische militarische Uberlegenheit und politischer Einfluss es erlaubten, ganze Regionen ohne allzu grosses Risiko neu zuzuschneiden. Zwanzig Jahre des Scheiterns im Irak und in Afghanistan haben dieses Weltbild nicht vollstandig zerstort, aber sie haben Zweifel in den Generationen geweckt, die im Schatten des Globalen Krieges gegen den Terror aufgewachsen sind - Zweifel am Preis, am Sinn und an der Umsetzbarkeit solcher Projekte.

Der Krieg gegen Iran beginnt genau in jenem Moment, in dem die politischen Koalitionen, die die interventionistische Strategie getragen haben, bereits eine irreversible Transformation durchlaufen. Gerade deshalb kann er sehr wohl zu einem der letzten Hurra-Siege des alten interventionistischen Konsenses werden. Ob Amerika in Iran siegt oder verliert - es ist kaum wahrscheinlich, dass es danach noch einmal mit derselben Selbstgewissheit an die grossangelegte Umgestaltung fremder Staaten gehen wird.

Nach Irak, nach Afghanistan, vor dem Finale

Fur den Historiker ist es immer besonders interessant zu beobachten, wie das historische Gedachtnis mit einem Imperium umgeht - wie es entweder seine Komplexitat bewahrt oder es zu einem primitiven Symbol verstummelt. Das Britische Imperium, wahrscheinlich das liberalste aller historischen Imperien, wird von postkolonialen Volkern keineswegs wegen der Ausrottung der Sklaverei in Erinnerung behalten, nicht wegen des Kampfes gegen Sati, nicht wegen der Abschaffung der Dschizya und auch nicht wegen technologischer Durchbruche vom Dampfschiff uber den Telegrafen bis hin zur Seekartografie und zur modernen Medizin. Man erinnert sich an es durch Jallianwala Bagh und die Hungersnot in Bengalen.

Obwohl beide Ereignisse eher die Folge individueller oder struktureller Inkompetenz als eines bewussten imperialen Programms waren, haben gerade sie sich in das kollektive Gedachtnis eingebrannt. Eine solche Selektivitat ist in hohem Masse das Ergebnis einer hundertjahrigen marxistischen und dekolonialen Historiografie, die sowohl im sowjetischen als auch im amerikanischen akademischen Milieu verwurzelt und gefordert wurde. Mit vollwertiger Geschichtsschreibung hat das nur wenig gemeinsam. Solche Episoden erschopfen nicht das Wesen eines Imperiums und erklaren auch nicht, warum viele seiner Zeitgenossen es tatsachlich als eine positive Kraft wahrnahmen - was durch schriftliche Zeugnisse jener Zeit bestatigt wird.

Wie Imperien nicht nur Kriege, sondern auch die Erinnerung verlieren

Wahrscheinlich wird das amerikanische Imperium mit der Zeit ein ahnliches Schicksal ereilen. Das ist kein eisernes Gesetz der Geschichte, doch selbst der teilweise Niedergang einer Grossmacht geht fast nie schonend mit ihrem Bild im Gedachtnis der Nachgeborenen um. Das historische Gedachtnis ist naturlich nicht ewig, aber fur jene, die in der Gegenwart leben, ist das nur ein schwacher Trost. Die Germanen, die im 5. Jahrhundert die romische Herrschaft hassten, waren erschuttert, wenn sie von der Wiederkehr der romischen Anziehungskraft im 21. Jahrhundert erfahren konnten. Genauso hatten die Anhanger einer vergleichsweise liberalen osmanischen Herrschaft in manchen Teilen Osteuropas im 16. Jahrhundert kaum geglaubt, zu welcher Erinnerung an die Turken es Jahrhunderte spater kommen wurde.

Was nach dem Hegemon bleiben wird

Schon jetzt kann man kaum daran zweifeln, dass Versuche beginnen werden, ein neues Narrativ um die amerikanische Intervention in Iran aufzubauen - ein Narrativ, dessen Hauptschlussfolgerung schmerzhaft vertraut klingen wird: Amerika brauche noch mehr Verbundete, noch mehr Verpflichtungen, noch mehr Garantien, noch mehr Engagement. Doch wenn die wichtigste Lehre eines weiteren freiwillig begonnenen Krieges auf die Notwendigkeit reduziert wird, Allianzsysteme auszuweiten und neue Verpflichtungen zu vermehren, dann verfehlt ein solcher Schluss das Wesentliche.

Er ubersieht jene strukturellen Ursachen, die die USA erst in die Falle gleichzeitiger Verpflichtungen getrieben haben - sowohl in Osteuropa als auch im Nahen Osten. Breite Bundnisnetze waren historisch nicht nur ein Instrument des Einflusses, sondern auch ein Mechanismus, der die Vereinigten Staaten in regionale Konflikte hineinzog, die keineswegs immer mit ihren zentralen strategischen Interessen ubereinstimmten. Jeder neue Aufruf zur Erweiterung von Bundnissen droht nur jene Muster der Uberdehnung weiter zu vertiefen, die Washington bereits in sein heutiges strategisches Dilemma gefuhrt haben. Ein tragfahigerer Ansatz verlangt das Gegenteil: eine bewusste Reduzierung nachrangiger Verpflichtungen und eine Umverteilung begrenzter politischer, wirtschaftlicher und militarischer Ressourcen zugunsten jener Prioritaten, die von Geografie und materiellen Moglichkeiten vorgegeben werden.

Die gefahrliche Illusion neuer Verpflichtungen

Wie man dazu auch stehen mag, populistische Bewegungen haben es nicht vermocht, eine vollwertige Gegenelite hervorzubringen - was fur eine Bewegung, die der Idee von Elite philosophisch feindlich gegenubersteht, allerdings kaum uberrascht. Der Krieg gegen Iran erzeugt eine tiefe Enttauschung uber ideologische Kreuzzige, strategische Fehleinschatzungen, Manipulationen in sozialen Netzwerken und den allgemeinen Zerfall der Kriterien von Wahrheit und Faktizitat. Vor diesem Hintergrund konnten Wahler und Politiker den Reiz einer zuruckhaltenderen, weniger demokratischen und starker elitar gepragten Form der Aussenpolitik neu entdecken.

Die gegenwartigen zivilisatorischen Religionskriege, die 2003 begannen und bis heute nicht beendet sind, werden fast zwangslaufig zu einer dringlichen sozialen und internationalen Neukalibrierung fuhren - vor allem zu einer weitergehenden Regulierung sozialer Netzwerke und zu einer noch starkeren Zentralisierung der Diplomatie in den Handen von Eliten statt eines aussenpolitischen Kurses, der von launischer und impulsiver offentlicher Meinung aufgeheizt wird.

Die Ruckkehr der geschlossenen Diplomatie

Die USA werden uberleben - dank ihrer gunstigen Geografie, ihrer technologischen Kraft und ihrer wirtschaftlichen Basis. Doch hegemoniale Ubergange schonen Protektorate nur selten. Erst recht nicht jenes Protektorat, das die Geschichte vielleicht eines Tages als die letzte Ursache fur die Schwachung der relativen Macht des Hegemons selbst betrachten wird.

Der Hegemon wird uberleben, das Protektorat nicht unbedingt

Und schliesslich wird all dies vermutlich auch das Finale der Epoche der Evangelikalen an der Macht in den USA markieren und das Ende der parteiubergreifenden Unterstutzung Israels in jener Form, wie sie seit Truman existierte. Dieses fanatische Weltbild, das weder uber eine ernsthafte soziale noch uber eine kulturelle Genealogie verfugte, sich aber drei Jahrzehnte lang unter verschiedenen Namen und in unterschiedlichen Formen an der Macht hielt, erwies sich am Ende genau als das, was es immer war: eine Mischung aus Kreuzzug, Dogmatismus und strategischer Kurzsichtigkeit.

Die Geschichte wird sich an es als an eine Ideologie erinnern, die das Imperium in seinen letzten unipolaren Krieg gefuhrt und den Ubergang der Welt zur Multipolaritat beschleunigt hat. Und im Gedachtnis dieser Epoche werden wahrscheinlich zwei letzte Figuren bleiben: Benjamin Netanjahu - mit seinen Reden uber ein grosses israelisches Regionalimperium - und Donald Trump, sichtbar erschopft, aber entschlossen, die maximalistischen Impulse Israels zu verwirklichen, obwohl gerade sein innenpolitisches und aussenpolitisches Erbe zunachst begrusst und dann zerstort wurde. Trump schuf und verlor anschliessend eine multiethnische Koalition, wie sie nur einmal pro Generation entsteht, und liess die Moglichkeit ungenutzt, eine Grossmacht fur die nachsten 250 Jahre neu zu gestalten. Anstelle von wirtschaftlichem Wachstum, kultureller Konsolidierung und sozialer Einheit entschied sich seine Administration fur schockartige Kreuzzige gegen reale und eingebildete zivilisatorische Feinde - von der Agglomeration Minneapolis-Saint Paul bis zu den Bergen Irans.