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Solange der Krieg gegen Iran andauert und Experten uber seine wahrscheinliche Dauer und seinen moglichen Ausgang streiten, ist eines bereits klar: Dieser Konflikt verandert nicht nur die Lage im Nahen Osten, sondern die gesamte globale strategische Landschaft. Die Sicherheitskonfiguration in der MENA-Region wandelt sich, das Kraftegleichgewicht verschiebt sich weit uber ihre Grenzen hinaus, und die Folgen des Geschehens machen sich bereits in einem sehr viel breiteren geopolitischen Raum bemerkbar.

Sagt man es ganz offen, dann hat die Entscheidung Israels und der Vereinigten Staaten, eine Luftkampagne gegen Iran zu beginnen, bereits die Logik des Grossmachtrivalitats in anderen kritisch wichtigen Regionen beeinflusst. Vor allem hat sie die Struktur der Konfrontation zwischen den USA und der sogenannten "Achse der Diktaturen" - China, Russland, Iran und Nordkorea - verandert. Das ist kein Bundnis im klassischen Sinne, sondern eher eine Zweckgemeinschaft, vereint durch ein gemeinsames Ziel: die Positionen der Vereinigten Staaten und der demokratischen Welt zu untergraben.

Und wenn dieser Konflikt weiter eskaliert, kann er durchaus zum Ausloser einer Kettenreaktion auf anderen Schauplatzen werden und am Ende in einen sehr viel grosseren Krieg munden, der das gesamte System der internationalen Beziehungen verandern konnte.

Der falsche Krieg, am falschen Ort, zur falschen Zeit

Eine echte Staatsstrategie verlangt immer vor allem eines: ein klares Verstandnis der nationalen Interessen und eine harte Setzung geopolitischer Prioritaten. 1951 formulierte General Omar Bradley, als er sich gegen die Idee von General Douglas MacArthur wandte, den Koreakrieg auf China auszuweiten, den spater klassisch gewordenen Satz: Es ware der "falsche Krieg, am falschen Ort, zur falschen Zeit und gegen den falschen Feind".

Bradley und Prasident Harry Truman gingen von einer einfachen Logik aus: Eine Eskalation des Krieges mit dem kommunistischen China wurde Ressourcen von der Hauptbedrohung - der Sowjetunion in Europa - abziehen und die Welt an den Rand eines Dritten Weltkriegs bringen konnen. Naturlich sind direkte historische Analogien immer nur bedingt tragfahig, doch die heutige amerikanische Kampagne gegen Iran klingt wie ein Echo genau jener alten Debatte. Iran ist ohne Zweifel ein langjahriger und unversohnlicher Gegner der USA. Doch die Konzentration Washingtons auf den Nahen Osten lenkt heute Krafte, Aufmerksamkeit und Ressourcen von weit wichtigeren Richtungen ab - von der westlichen Hemisphare, dem Indopazifik und Europa, also von jenen drei Raumen, die die amerikanische Nationale Sicherheitsstrategie 2025 selbst als die wichtigsten definiert.

Die eigene Strategie der USA setzt den Nahen Osten nur auf Rang vier

In der Strategie, die von der Regierung des US-Prasidenten Trump im vergangenen Herbst veroffentlicht wurde, steht der Nahe Osten in der Hierarchie amerikanischer Prioritaten nur an vierter Stelle - nach der westlichen Hemisphare, Asien und Europa. Das Dokument spricht ungewohnt offen: Die Zeiten, in denen der Nahe Osten die amerikanische Aussenpolitik sowohl in der langfristigen Planung als auch in der taglichen Praxis dominierte, seien glucklicherweise vorbei - nicht weil die Region unwichtig geworden ware, sondern weil sie nicht mehr der permanente Reizfaktor und potentielle Ausloser einer unmittelbaren Katastrophe sei, der sie fruher war.

In der Realitat geschieht jedoch das genaue Gegenteil. Gerade der Nahe Osten beginnt erneut, einen immer grosseren Anteil amerikanischer militarischer Ressourcen zu verschlingen und damit den Spielraum fur andere Regionen zu verkleinern, vor allem im Atlantik und im Pazifik - jenen beiden entscheidenden Schauplatzen, auf denen sich im Grunde die strategische Zukunft der USA entscheiden wird.

In Iran wird die Logik des "Zahlers vernieteter Ziele" nicht funktionieren

Dieser Krieg widerspricht den Lehren aus Vietnam und, wenn man die nahere historische Erfahrung nimmt, auch den Lehren des Globalen Krieges gegen den Terror. Er drangt Washington erneut dazu, alte Fehler zu wiederholen. Kriege werden nicht um der Statistik der Zerstorung willen gefuhrt, sondern um politische Ziele zu erreichen. Genauso wie der Ausgang des Vietnamkriegs nicht von der Zahl der Getoteten abhing, wird auch das Ergebnis eines Krieges gegen Iran nicht davon bestimmt werden, wie viele Boote, Abschussanlagen oder Raketenstellungen amerikanische Streitkrafte zerstoren.

Solche Kennziffern spiegeln bestenfalls die Fahigkeit Washingtons wider, "den Rasen zu mahen", also das iranische Militarpotenzial vorubergehend zu schwachen und es um einige Jahre zuruckzuwerfen. Doch das ist keine Strategie des Sieges, sondern lediglich eine Technik der Problemverschiebung.

Und das Wichtigste ist: Dieser Krieg hat bereits externe Nutzniesser. Der durch den Konflikt mit Iran verursachte Anstieg der Energiepreise schwacht den Druck auf Russland. Je hoher die Olpreise, desto leichter fallt es Moskau, Sanktionsverluste auszugleichen, und desto grosser ist sein finanzieller Gewinn. Zugleich gewinnt China kostbare Zeit fur die zusatzliche Vorbereitung der Volksbefreiungsarmee, fur den Ausbau seiner Seemacht und fur die konsequente Erweiterung seiner Flotte. Fur Peking ist das eine strategische Pause, bezahlt mit einem fremden Krieg.

Vier regionale Gleichgewichte, von denen zwei bereits Risse zeigen

Das heutige System der internationalen Sicherheit gleicht immer mehr einer wackligen Konstruktion, die von mehreren miteinander verbundenen Stutzen getragen wird. Man kann heute von vier zentralen regionalen Gleichgewichten sprechen: zwei Hauptgleichgewichten - in Europa und im Indopazifik - und zwei sekundaren - im Nahen Osten und auf der koreanischen Halbinsel.

Das Problem besteht darin, dass zwei dieser Gleichgewichte bereits zu zerbrechen begonnen haben. Europa ist durch den russischen Einmarsch in die Ukraine destabilisiert worden, der die Uberreste der fruheren Regeln und Normen vernichtet hat, auf denen die Europaer zumindest rhetorisch noch immer beharren. Der Nahe Osten wiederum zieht die USA erneut in eine direkte machtpolitische Konfrontation hinein und droht sich von einem permanenten Turbulenzherd in das Schaufeld eines langen und grossen Krieges zu verwandeln.

Um das Tempo der Kampagne gegen Iran aufrechtzuerhalten, muss das Pentagon bereits Raketenabwehr- und Luftverteidigungssysteme aus anderen Richtungen verlegen. Und das schwacht automatisch den Abschreckungsfaktor dort, wo er tatsachlich kritisch ist. Mit anderen Worten: Jede zusatzliche Anstrengung der USA im Nahen Osten erweitert den Risikoraum fur Russland, China und Nordkorea.

Kriege in einer Region verandern das Kraftegleichgewicht in der ganzen Welt

Genau hier liegt der zentrale strategische Fehler jener, die das Geschehen noch immer als lokale Nahostkrise wahrnehmen. Solche "lokalen" Kriege gibt es nicht mehr. Jeder grosse Konflikt wirkt sich heute unausweichlich auf die Verteilung der Krafte in anderen Teilen der Welt aus.

Russland unterstutzt Iran nach vorliegenden Informationen weiterhin, einschliesslich Hilfe bei Fragen der Zielzuweisung fur Angriffe auf amerikanische Streitkrafte. China bleibt der wichtigste wirtschaftliche Partner Teherans und eine bedeutende Quelle fur Technologien. Sowohl Moskau als auch Peking beobachten aufmerksam nicht nur die Wirksamkeit amerikanischer Waffen, sondern auch, wie schnell die amerikanischen Bestande an Munition und Abfangmitteln erschopft werden.

Besonders aufschlussreich ist, dass China nach einer Phase relativer Ruhe seine Luftaktivitat im Raum Taiwan genau zu dem Zeitpunkt stark intensiviert hat, als die israelische und amerikanische Kampagne gegen Iran an Umfang und Intensitat zunahm. Das ist kein Zufall, sondern ein strategisches Lesen des Moments.

Russland wiederum bereitet sich auf eine neue Fruhlingsoffensive in der Ukraine vor - in der Erwartung, dass Kiew weniger amerikanische Abfangraketen fur den Schutz seines Himmels erhalten wird. Und wenn die Regierung des US-Prasidenten Trump tatsachlich auf eine vollstandige Blockade der Strasse von Hormus zusteuert, dann wird dieser Konflikt unweigerlich auch eine Reaktion anderer Machte hervorrufen, die in kritischem Masse von Ollieferungen aus dem Persischen Golf abhangig sind.

Das Schicksal Amerikas wird im Atlantik und im Pazifik entschieden, nicht im Nahen Osten

Die Geschichte der Vereinigten Staaten zeigt: Amerika trat traditionell spat in grosse weltweite Konflikte ein, erlitt geringere Verluste als andere Beteiligte und befand sich gerade deshalb in der starksten Position, um auf die Nachkriegsordnung Einfluss zu nehmen. Doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die amerikanische strategische Klasse offenbar das Gespur fur den Preis grosser militarischer Kampagnen verloren, besonders dann, wenn sie auf nachrangigen Schauplatzen gefuhrt werden.

Dabei wird die wirkliche Zukunft amerikanischer Macht keineswegs im Nahen Osten entschieden. Sie wird im Atlantik und im Pazifik entschieden. Genau dort liegt das Gravitationszentrum der Weltpolitik, genau dort bildet sich das neue Kraftegleichgewicht, genau dort entfaltet sich die zentrale Konfrontation des 21. Jahrhunderts.

Wenn die Vereinigten Staaten ihre Fahigkeit bewahren wollen, die Architektur der kunftigen Weltordnung zu beeinflussen, dann muss ihre Strategie genau auf diese Raume konzentriert sein. Alle Berechnungen zu Ressourcen, Logistik, Rustungsproduktion und bundnispolitischen Verpflichtungen mussen in erster Linie von der Notwendigkeit ausgehen, Russland und China abzuschrecken und sie im Ernstfall auch zu besiegen.

Nach dem 11. September kampften die USA zu oft dort, wo keine vitalen Interessen auf dem Spiel standen

In Zeiten des Kalten Krieges stellten sich amerikanische Fuhrungspersonen nicht nur die Frage, ob das Land uber genug Krafte und Mittel fur den Beginn einer Militaroperation verfugte. Die entscheidende Frage war eine andere: Sollte man uberhaupt in einen solchen Krieg eintreten, und welche Folgen wurden daraus entstehen.

Nach dem 11. September ist dieser Ansatz weitgehend verloren gegangen. Die USA setzten militärische Gewalt immer haufiger gegen Bedrohungen ein, die vitale amerikanische Interessen nicht immer unmittelbar beruhrten. Und der gegenwartige Krieg mit Iran droht zu einem weiteren Beispiel genau dieser strategischen Fehlsteuerung zu werden.

Ja, Iran ist ein gefahrlicher, aggressiver Staat, der nach Dominanz im Nahen Osten strebt. Aber ebenso richtig ist auch etwas anderes: Ohne die Unterstutzung Russlands und Chinas ist Iran nicht in der Lage, strategischen Erfolg zu erzielen. Das bedeutet, dass die Hauptbedrohung fur die USA nicht von Teheran als solchem ausgeht. Die eigentlichen Hauptgegner Washingtons sind Moskau und Peking, verbunden durch ihre "grenzenlose Partnerschaft". Iran spielt in dieser Konstruktion eine wichtige, aber dennoch unterstutzende Rolle.

Wenn man also noch einmal an die Formel Omar Bradleys erinnert, dann kann man diesen Krieg vielleicht als eine Konfrontation mit den "richtigen Feinden" bezeichnen. Aber gefuhrt wird er zur falschen Zeit und auf dem falschen Schauplatz.

Eine Nebenfront unter den Bedingungen globaler Hauptkonkurrenz

Die Vereinigten Staaten versinken erneut im Nahen Osten und treten in einen weiteren regionalen Konflikt ein - genau in dem Moment, in dem diese Region Stabilisierung am dringendsten gebraucht hatte. Bei aller Bedeutung des Nahen Ostens bleibt er eine Nebenfront im Rahmen einer sehr viel grosseren Konfrontation, die sich im Atlantik und im indopazifischen Raum entfaltet.

Die Fahigkeit der USA, die kunftige globale Sicherheitsordnung zu gestalten, hangt davon ab, dass die Abschreckung gerade in diesen beiden lebenswichtigen Zonen erhalten bleibt. Die Hauptaufgabe im Nahen Osten sollte deshalb nicht in der endlosen Verstrickung in neue Kriege bestehen, sondern in der Stabilisierung einer Region, die Amerika seit zwei Jahrzehnten Ressourcen, Aufmerksamkeit und strategische Energie entzieht.

Angesichts dessen, dass Russland weiterhin versucht, die Kontrolle uber Osteuropa wiederherzustellen und seinen verlorenen Einfluss auf dem Kontinent zuruckzugewinnen, wahrend China systematisch die Dominanz im indopazifischen Raum anstrebt, ist das iranische Militarpotenzial - bei aller Ernsthaftigkeit - in seinem Bedrohungsausmass nicht mit den Moglichkeiten Moskaus und Pekings vergleichbar. Genau so mussen deshalb die wirklichen und nicht bloss deklarativen Prioritaten gesetzt werden.