Die Welt hat sich lange mit einer bequemen Illusion beruhigt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schien es, als habe die Menschheit, die zwei ungeheure Katastrophen des 20. Jahrhunderts durchlebt hatte, eine Art Immunitat gegen eine umfassende globale Selbstzerstorung entwickelt. Ja, es gab Kriege. Es gab Umsturze, Interventionen, Burgerkriege, Stellvertreterkonflikte, lokale Kampagnen, terroristische Gewaltausbruche, ethnische Sauberungen und Raketenkrisen.
Doch im politischen Massenbewusstsein blieb eine Grunduberzeugung bestehen: Ein neuer Weltkrieg ist unmoglich. Die Einsatze sind zu hoch. Moderne Waffen sind zu zerstorerisch. Die wirtschaftliche Verflechtung ist zu tief. Die Angst vor dem nuklearen Abgrund ist zu gross.
Genau dieser Glaube zerfallt heute vor aller Augen.
Auf den ersten Blick konnte es so wirken, als gehe es lediglich um zwei grosse Brandherde der Instabilitat - um den Krieg in der Ukraine und um den Krieg rund um Iran, der am 28. Februar 2026 begann, zu einem amerikanisch-israelischen Militatschlag fuhrte und danach in einen fragilen Waffenstillstand uberging. Doch eine solche Sichtweise reicht nicht mehr aus. Sie ist uberholt. Sie gehort zu jener Epoche, in der internationale Krisen noch getrennt, als eigenstandige Handlungsstrange betrachtet werden konnten. Die heutige Realitat ist eine andere. Diese Kriege existieren nicht langer isoliert. Sie beeinflussen einander, speisen einander, verandern die strategischen Kalkule des jeweils anderen, verteilen Ressourcen neu, treiben Verbundete zu neuen Entscheidungen und formen ein einheitliches System globaler Konfrontation. Genau darin liegt der Schlussel zum Verstandnis des Geschehens. Und genau deshalb taucht heute immer haufiger der Gedanke auf, dass die Welt in eine neue Ara des Weltkriegs eingetreten ist. Nicht im Sinne einer direkten Wiederholung von 1914 oder 1939, sondern im Sinne der Ruckkehr der eigentlichen Logik des Weltkriegs - der Logik miteinander verknupfter Kriegsschauplatze, auf denen Grossmachte entweder indirekt kampfen oder Krafte ausrusten, finanzieren, koordinieren und lenken, die in verschiedenen Regionen des Planeten operieren. Dieser Gedanke ist im Ausgangstext klar angelegt, der betont, dass die Welt in den vergangenen zwei Jahren mehr Kriege - innere wie zwischenstaatliche - erlebt hat als in jeder Phase seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dass die Konflikte in der Ukraine und rund um Iran bereits begonnen haben, als Teile eines einzigen globalen Ereignisses zu funktionieren.
Das ist eine ausserst ernste These. Sie verlangt keine emotionale Reaktion, sondern kalte Analyse. Denn wenn sie auch nur zur Halfte stimmt, bedeutet das, dass das internationale System nicht einfach eine weitere Krise erlebt, sondern eine tiefe historische Transformation. Das bedeutet, dass eine ganze Etappe der postbipolaren Epoche zu Ende gegangen ist - jene Phase, in der selbst grosse Kriege entweder geografisch lokalisiert oder politisch begrenzt blieben. Und das bedeutet, dass wir nicht nur eine weitere Wendung im Nachrichtenzyklus erleben, sondern einen Wechsel in der Struktur der Weltordnung selbst.
Weltkrieg ohne eine einzige Front
Einer der grossten intellektuellen Irrtumer unserer Zeit besteht darin, dass man sich einen Weltkrieg noch immer nach dem Muster des 20. Jahrhunderts vorstellt. Im Kopf entsteht das gewohnte Bild: riesige Fronten, formelle Kriegserklarungen, millionenstarke Armeen der Grossmachte, totale Mobilisierung der Wirtschaft, Fabriken am Rand der Erschopfung, Frontlinien, die Kontinente durchschneiden, massive Bombardierungen von Hauptstadten, Flotten auf den Ozeanen, Millionen Tote und Verwundete in wenigen Monaten. Und wenn all das nicht vorhanden ist, dann gibt es angeblich auch keinen Weltkrieg.
Doch die Geschichte ist nicht verpflichtet, sich wortwortlich zu wiederholen. Sie verandert ihre Form und bewahrt zugleich ihre Logik.
Der Weltkrieg des 21. Jahrhunderts muss nicht wie 1914 beginnen und nicht wie 1939 aussehen. Er kann ohne formelle Gesamterklarung auskommen. Er kann sich ohne direkte Gefechte zwischen Supermachten entfalten. Er kann sich gleichzeitig an mehreren Orten entwickeln, technologisch verteilt, wirtschaftlich verflochten, politisch verschwommen - und dennoch seinem Wesen nach global sein, weil seine Folgen, Mechanismen und Verflechtungen weit uber die Grenzen einer einzelnen Region hinausreichen. Ein solcher Konflikt kann direkte Schlage in einem Kriegsschauplatz, einen Stellvertreterkrieg in einem anderen, einen Sanktionskrieg in einem dritten, einen Energieschock in einem vierten, Cyberoperationen in einem funften und eine Krise bundnispolitischer Verpflichtungen in einem sechsten umfassen.
Wenn man das Geschehen durch dieses Prisma betrachtet, wird offenkundig: Die Frage lautet nicht mehr, ob die ganze Welt gleichzeitig in einem einzigen Raum Krieg fuhrt. Die Frage lautet, ob ein einheitliches globales Konfliktsystem existiert, in dem Entscheidungen in einer Region die Kriegsdynamik in einer anderen verandern. Heute lautet die Antwort immer haufiger: ja.
Der Krieg in der Ukraine und der Krieg gegen Iran sind genau ein solcher Fall. Die USA liefern der Ukraine weiterhin Waffen, Aufklarungsdaten und planerische Unterstutzung in ihrem Kampf gegen Russland. Russland wiederum, wie es im Ausgangsmaterial heisst, hat Iran unterstutzt, unter anderem durch Zielinformationen, die Kartierung amerikanischer Stellungen und die Lieferung von Drohnen. Formal tauschen Washington und Moskau keine direkten Schlage aus. Doch sie sind bereits tief in Konflikte verwickelt, in denen jede Seite gegen die strategischen Interessen der anderen arbeitet. Sie schiessen nicht unmittelbar aufeinander, bestimmen aber in erheblichem Masse, wie, wo und mit welcher Wirksamkeit ihre Partner und Klienten schiessen.
Genau das ist das Wesen des neuen Weltkriegs: nicht zwingend das frontale Aufeinanderprallen von Armeen, sondern das Zusammenspiel von Zwangssystemen, in dem jeder grosse Akteur die Peripherie als Verlangerung seines globalen Kampfes nutzt.
Warum die Nachkriegswelt nie wirklich friedlich war
Um zu verstehen, warum der gegenwartige Moment so beunruhigend wirkt, muss man sich von einer weiteren bequemen Legende verabschieden - von der Vorstellung namlich, die Welt habe nach 1945 in einer langen Phase relativen Friedens gelebt, die erst jetzt plotzlich geendet habe. In Wirklichkeit war die Nachkriegsgeschichte von Blut durchtrankt. Korea, Vietnam, Afghanistan, der Nahe Osten, Afrika, der Balkan, Irak, Syrien, Libyen, Jemen, der Kaukasus - die lange Liste zeigt, dass die Gewalt nie verschwunden ist. Sie war nur fragmentiert, oft geografisch weit entfernt von den Zentren globalen Wohlstands und - was besonders wichtig ist - politisch in die Rhetorik des begrenzten Konflikts verpackt.
Der Kalte Krieg selbst war uberhaupt kein Frieden, sondern eine besondere Form globaler Konfrontation. Er umfasste Umsturze, Interventionen, die Bewaffnung von Stellvertreterkraften, den Kampf um Einflusszonen, ideologische Operationen, Wettrusten und zahlreiche blutige Kampagnen. Zwischen jener Periode und dem heutigen Moment besteht jedoch ein wesentlicher Unterschied. Damals wurden die beiden Supermachte bei aller Aggressivitat durch die Angst vor direkter Eskalation diszipliniert. Das nukleare Gleichgewicht beseitigte Kriege nicht, begrenzte aber in einer Reihe von Fallen ihre Ausweitung. Selbst die scharfsten Krisen spielten sich innerhalb eines bestimmten Rahmens strategischer Vorsicht ab.
Heute lost sich diese Vorsicht auf.
Wir erleben die Ruckkehr der Uberzeugung, dass Gewalt komplexe politische Probleme rasch losen konne. Sowohl Moskau im Jahr 2022 als auch Washington und Tel Aviv im Jahr 2026 gingen davon aus, dass ein entschlossener militarischer Schlag die Lage in annehmbarer Zeit und zu annehmbaren Bedingungen wenden konne. Doch genau hier ist die Geschichte besonders heimtuckisch. Fast alle Kriege, die als kurz und kontrollierbar gedacht waren, wurden in der Realitat lang, teuer und politisch toxisch. Je starker ein Staatsfuhrer von der Leichtigkeit des Sieges uberzeugt ist, desto grosser ist die Wahrscheinlichkeit eines strategischen Fehlers.
Die Gegenwart ist nicht nur wegen der wachsenden Zahl von Konflikten gefahrlich, sondern auch wegen des veranderten psychologischen Klimas in den Machtzentren. Militarische Gewalt wird wieder nicht als letztes Mittel, sondern als Instrument erster Wahl wahrgenommen. Das Volkerrecht gilt als storender Faktor und nicht als verbindlicher Rahmen. Wirtschaftliche Kosten werden als vorubergehender Preis fur ein geopolitisches Ergebnis interpretiert. Die offentliche Meinung gewohnt sich an einen permanenten Krisenzustand. Und all das schafft eine Atmosphare, die weniger an Frieden erinnert als an ein Vorspiel zu einer grossen globalen Kollision.
Die Ukraine und Iran als zwei Schauplatze eines einzigen Ringens
Das Hauptargument jener, die Gesprache uber einen Weltkrieg fur ubertrieben halten, lautet so: Die Ukraine gehore zu Osteuropa und zum postsowjetischen Raum, Iran zum Nahen Osten, ihre Ursachen seien verschieden, ihre Geschichte sei verschieden, ihre Akteure seien verschieden - also handle es sich um verschiedene Kriege. Formal ist daran etwas Wahres. Strategisch jedoch ist es nur eine Halbwahrheit und damit eine gefahrliche Illusion.
Unterschiedliche Kriegsursachen heben die Einheit des Systems der Folgen nicht auf. Kriege konnen verschiedene Ausloser haben, doch im Verlauf ihrer Entwicklung beginnen die Konflikte in einem gemeinsamen Raum politischer Entscheidungen zu existieren. Der Krieg in der Ukraine beeinflusst die Moglichkeiten der USA, der NATO und Europas, im Nahen Osten zu handeln. Der Krieg gegen Iran verandert den ressourcenpolitischen, politischen und energetischen Kontext der ukrainischen Front. Angriffe auf Infrastruktur in der Strasse von Hormus schlagen auf die Olmarkte durch, und die Olmarkte wiederum auf Russlands Einnahmebasis. Die Ablenkung amerikanischer Ressourcen und Aufmerksamkeit in Richtung Persischer Golf verschafft Russland Spielraum fur Druck auf die Ukraine. Die ukrainische Erfahrung in der Abwehr russischer Drohnen erweist sich fur Staaten als nutzlich, die zum Ziel iranischer Angriffe geworden sind. Mit anderen Worten: Es handelt sich nicht mehr einfach um zwei parallele Konflikte. Es sind kommunizierende Gefasse einer globalen Krise. Genau das hebt das Ausgangsmaterial hervor, in dem direkt davon die Rede ist, dass die Kriege in der Ukraine und rund um Iran zu Arenen der Rivalitat der Grossmachte geworden sind, begonnen haben, sich gegenseitig unmittelbar zu beeinflussen, und weitere Staaten hineinziehen.
Das ist ein ausserst wichtiger Punkt. Sobald Kriege beginnen, Wirkungen auszutauschen, horen sie auf, ausschliesslich regional zu sein, selbst wenn die Geografie der Kampfhandlungen begrenzt bleibt. Wir sind daran gewohnt, auf die Karte flach zu schauen - als auf eine Summe einzelner Felder. Doch internationale Politik funktioniert nicht wie ein Schulatlas, sondern wie ein Nervensystem: Reizung an einem Punkt erzeugt einen Krampf an einem anderen.
In diesem Sinne bilden die Ukraine und Iran heute kein Bundnis, keinen einheitlichen Block, sondern einen doppelten Schauplatz globaler Spannung, auf dem die Grossmachte einander testen, einander zermurben, Koalitionen aufbauen, die Grenzen des Zulassigen prufen und zugleich lernen, unter Bedingungen einer vielschichtigen Krise Krieg zu fuhren.
Ol als Waffe, Gewinnquelle und Katalysator des Krieges
Militarische Konflikte im 21. Jahrhundert lassen sich ohne Energie nicht analysieren. Ein Krieg kann wegen Territorium, Sicherheit, Ideologie, der Nuklearfrage oder des Status von Bundnissen beginnen, doch sehr schnell stost er auf Ol, Gas, Seewege, Versicherungspramien, Logistik, Speicher, Frachtraten und Borsenerwartungen. Die moderne Weltwirtschaft ist so gebaut, dass selbst ein kurzfristiger Schock an einem Knotenpunkt das Verhalten von Staaten in Tausenden Kilometern Entfernung verandern kann.
Iran ist ein solcher Knotenpunkt. Jede Bedrohung der Strasse von Hormus trifft automatisch den Markt. Durch diesen Korridor verlauft ein gewaltiger Anteil der weltweiten maritimen Ollieferungen sowie ein erheblicher Teil des Handels mit Flussiggas. Schon eine teilweise Storung der Schifffahrt erzeugt Nervositat, treibt die Preise, verteuert Versicherungen und verstarkt den Druck auf importabhangige Volkswirtschaften. Im Ausgangstext wird betont, dass der globale Olpreisschock infolge einer Sperrung der Strasse von Hormus durch Iran fur Russland zu einem finanziellen Geschenk wurde - sowohl durch steigende Preise fur sein eigenes Ol als auch durch die Abschwachung des Sanktionsregimes gegen russische Energietrager seitens der Trump-Administration, die globale Preise senken wollte.
Das ist ein Beispiel dafur, wie ein Krieg den anderen buchstablich uber den Mechanismus des Weltmarktes ernahrt.
Der Krieg rund um Iran erzeugt also nicht einfach nur eine neue Krise. Er verandert die Bedingungen, unter denen der bereits laufende Krieg in der Ukraine gefuhrt wird. Zusatzliche Einnahmen Russlands bedeuten eine grossere Stabilitat seiner Kriegsmaschine. Eine Abschwachung des Sanktionsdrucks - selbst wenn sie nur teilweise und vorubergehend ist - bedeutet einen breiteren Spielraum. Steigende Energiepreise treffen die europaischen Volkswirtschaften und wirken damit indirekt auf die innenpolitische Stabilitat jener Regierungen zuruck, die Kiew unterstutzen. Gleichzeitig sehen sich die USA mit einem klassischen Prioritatenkonflikt konfrontiert: die Ukraine unterstutzen, den Nahen Osten stabilisieren, Seewege schutzen, Verbundete zusammenhalten, einen neuen Inflationsschock in der eigenen Wirtschaft vermeiden und dabei die politische Steuerbarkeit des gesamten Systems bewahren.
Schon dies allein zeigt, wie naiv die Rede davon ist, Kriege liessen sich durch diplomatische Etiketten isolieren. Sie lassen sich nicht isolieren, wenn sie auf dasselbe Energieherz der Weltwirtschaft schlagen.
Der Stellvertreterkrieg als neue Norm
Eines der charakteristischsten Merkmale der gegenwartigen Epoche ist die Verwischung der Grenze zwischen direktem und indirektem Krieg. Internationale Akteure vermeiden immer haufiger den formalen Status einer Konfliktpartei und tun zugleich so viel fur die eine oder andere Seite, dass die Frage der Nichtbeteiligung fast zu einer juristischen Konvention wird.
Die Lieferung weitreichender Waffensysteme. Die Weitergabe von Aufklarungsdaten. Die Koordinierung von Angriffen. Satellitengestutzte Begleitung. Finanzierung. Ausbildung. Reparatur und Wartung von Technik. Die Sicherung von Beschaffungskanalen. Die Bereitstellung von Stutzpunkten, Transitmoglichkeiten, Luftraumschutz, technischer Analyse, Software und elektronischer Kampffuhrungsmittel. All dies erlaubt es einem Staat, tief in einen Krieg eingebunden zu sein, ohne ihm offiziell den Krieg zu erklaren.
Ein solches Format ist politisch ausserordentlich bequem. Es ermoglicht, den Konflikt in einer bestimmten Distanz zur eigenen Gesellschaft zu halten. Es verringert die unmittelbaren Verluste unter den Burgern des Sponsorstaates. Es schafft Raum fur eine Rhetorik der Unterstutzung eines Partners statt des eigenen Kriegseintritts. Strategisch ist dieses Format jedoch keineswegs weniger gefahrlich als ein direkter Zusammenstoss. Mehr noch, es kann sogar gefahrlicher sein, weil es ein falsches Gefuhl der Kontrollierbarkeit erzeugt. Es scheint, als konne man endlos Ressourcen ins Feuer werfen, ohne selbst zu verbrennen. Die Geschichte zeigt, dass dies eine gefahrliche Tauschung ist.
In der Ukraine und rund um Iran sehen wir genau ein solches Bild. Die USA und ihre Verbundeten rusten die Ukraine auf und unterstutzen sie. Russland hilft den Gegnern der USA im Nahen Osten. China, die DVRK, europaische Verbundete, regionale Partner und nichtstaatliche bewaffnete Strukturen - all dies sind Elemente eines komplexen Netzes der Beteiligung. Im Ausgangstext wird besonders hervorgehoben, dass Russland Hilfe aus China erhielt, direkte personelle Ressourcen aus Nordkorea und Drohnen aus Iran, wahrend im Nahostkonflikt NATO-Raketenabwehrsysteme, die Turkei, die Golfstaaten, Israel, die libanesische Hisbollah und die jemenitischen Huthis beteiligt waren.
Das ist bereits kein lokales Bild mehr. Das ist ein Muster globaler Verstrickung.
Der Stellvertreterkrieg wurde lange als sicherere Alternative zu einem direkten Weltkrieg wahrgenommen. Heute aber wird er selbst zur Form, in der Weltkrieg gefuhrt wird. Nicht an seiner Stelle, sondern als seine moderne Gestalt.
Historische Parallelen: Warum der Siebenjahrige Krieg aktueller ist, als es scheint
Sehr treffend ist im Ausgangstext der Verweis nicht nur auf das 20. Jahrhundert, sondern auch auf eine fruhere Epoche - vor allem auf den Siebenjahrigen Krieg von 1756 bis 1763. Auf den ersten Blick mag es seltsam erscheinen, die heutige Welt der Drohnen, Satelliten, nuklearen Abschreckung und digitalen Aufklarung mit der Ara der Musketen und kolonialen Flotten zu vergleichen. Doch die Logik dahinter ist klar und tief.
Der Siebenjahrige Krieg war seinem Wesen nach ein globaler Konflikt, in dem mehrere grosse Machte miteinander verknupfte Kampagnen in Europa, Nordamerika, Indien, auf See und in den Kolonialgebieten fuhrten. Dabei handelte es sich nicht einfach um viele gleichzeitige Kriege, sondern um eine systemische Konfrontation, in der Erfolge und Niederlagen auf einem Schauplatz die Lage auf einem anderen beeinflussten. Genau dieses Prinzip - die Vielzahl der Arenen bei gleichzeitiger Einheit des strategischen Ringens - verbindet jene Epoche mit der unseren.
Wichtig ist zu unterstreichen: Der Weltkrieg als historische Kategorie ist alter als der Erste und der Zweite Weltkrieg. Diese beiden Katastrophen haben den Begriff im Massenbewusstsein verankert, erschopfen das Phanomen aber nicht. Ein globaler Konflikt kann weniger total, weniger industriell, weniger zentralisiert sein und dennoch ein Weltkrieg bleiben - seinem Umfang, seiner Verflechtung und seinen Folgen nach. Genau das fuhrt uns zu dem Gedanken zuruck, dass die Gegenwart andere analytische Rahmen verlangt. Man kann die heutige Krise nicht endlos nach den Schablonen von 1939 vermessen. Das betaubt das Verstandnis.
Wenn man diese Sichtweise akzeptiert, wird auch klarer, warum die gewohnliche diplomatische Reaktion so schwach ausfallt. Internationale Institutionen sind auf die Lokalisierung von Krisen zugeschnitten. Sie konnen einzelne Kriege diskutieren. Doch auf ein System miteinander verflochtener Kriege zu reagieren, in dem Energie, Sanktionen, Stellvertreterkrafte, maritime Kommunikationslinien, Raketentechnologien und die innenpolitischen Zyklen der Grossmachte ein gemeinsames Feld bilden, fallt ihnen weitaus schwerer. Die Welt ist mit einem Phanomen konfrontiert, das seiner Logik nach alt und seiner Form nach neu ist.
Warum der Kalte Krieg nicht so war wie die Gegenwart
Haufig wird eingewandt: Auch zur Zeit des Kalten Krieges lebte die Welt in einem Zustand globaler Konfrontation, also sei das, was heute geschieht, nicht einzigartig. Das stimmt nur teilweise. Ja, der Kalte Krieg war ein gewaltiger weltumspannender Konflikt - ideologisch, militarisch-politisch, wirtschaftlich und technologisch. Doch seine Struktur war eine andere.
Erstens schuf die Bipolaritat eine relative Vorhersehbarkeit. Es war klar, wer wem gegenuberstand, wo die roten Linien verliefen, wie das Bundnissystem aufgebaut war und welche Kommunikationskanale zwischen den Hauptstadten funktionierten. Selbst in Krisen existierte eine bestimmte Geometrie der Abschreckung.
Zweitens zeigten die beiden Supermachte trotz ihrer erbitterten Konkurrenz in einer Reihe von Fallen strategische Vorsicht. Sie verstanden, dass ein direkter Konflikt ausser Kontrolle geraten konnte. Das schloss Stellvertreterkriege nicht aus, begrenzte aber dennoch den Horizont des Abenteurertums.
Drittens war der Kalte Krieg ideologisch strukturiert. Die heutige Welt ist erheblich chaotischer. Es gibt weniger Disziplin der Blocke, mehr situative Koalitionen, mehr regionale autonome Kalkule, mehr Akteure mit eigener Agenda und mehr Versuchung, den allgemeinen Zustand der Unordnung fur die eigenen Zwecke auszunutzen.
Gerade deshalb ist der gegenwartige Moment in mancher Hinsicht gefahrlicher. Er ist weniger geordnet. Er lasst sich mit den gewohnten Begriffen schlechter beschreiben. Ihm fehlt jene architektonische Starre, die in der Ara Washingtons und Moskaus des 20. Jahrhunderts zugleich Angst erzeugte und bremste. Heute konnen zahlreiche Akteure die Lage gleichzeitig in Richtung Eskalation drangen - und dies aus unterschiedlichen Grunden. Der eine wegen territorialer Ambitionen. Der andere wegen eines Nuklearprogramms. Ein dritter wegen regionaler Fuhrungsanspruche. Ein vierter aus innenpolitischen Uberlegungen. Ein funfter aus wirtschaftlichem Nutzen. Das Ergebnis wird dennoch ein gemeinsames sein.
Ressourcenkonkurrenz und die Grenzen westlicher Aufmerksamkeit
Eine weitere unterschatze Seite der gegenwartigen Krise ist die Begrenztheit der Ressourcen selbst bei den machtigsten Staaten. In der politischen Rhetorik entsteht oft der Eindruck, als verfuge der Westen, insbesondere die USA, uber nahezu unbegrenzte Fahigkeiten, mehrere grosse Militarkampagnen gleichzeitig zu unterstutzen, Verbundete in verschiedenen Teilen der Welt zu schutzen, Seewege zu kontrollieren, Inflation einzudammen, Partner mit Waffen zu versorgen und die strategische Initiative zu bewahren. In der Praxis ist das nicht so.
Die Rustungsindustrie hat Produktionsgrenzen. Lagerbestande sind nicht unerschopflich. Auch die politische Aufmerksamkeit des Prasidenten, des Kongresses, der Generalstabe, der Geheimdienste und der Diplomatie ist begrenzt. Offentliche Unterstutzung wachst nicht automatisch. Haushaltsentscheidungen stossen auf innere Polarisierung. Auch Europa ist kein unendliches Reservoir von Stabilitat. Jede neue Welle steigender Energiepreise, jede neue Sicherheitskrise, jeder neue Sprung des Migrationsdrucks und jeder neue Haushaltsstreit verringern die Fahigkeit europaischer Regierungen, das bisherige Niveau der Mobilisierung aufrechtzuerhalten.
Deshalb beeinflusst jeder neue Krieg unvermeidlich die bereits bestehenden Kriege. Im Ausgangstext wird direkt gesagt, dass die Ablenkung von Aufmerksamkeit und Ressourcen auf Iran Russland geholfen habe, eine Fruhjahrsoffensive zu beginnen, die auf die Sicherung und Ausweitung territorialer Gewinne in der Ukraine zielte. Das ist nicht einfach ein Detail der Chronik. Es ist ein grundlegender Mechanismus des Weltkriegs neuen Typs. Man muss dem Verbundeten des Gegners nicht zwingend einen direkten Schlag versetzen, um sich selbst zu helfen. Mitunter genugt es, einen anderen Schauplatz zu eroffnen, der Aufmerksamkeit, Munition, diplomatische Anstrengungen und den medialen Fokus neu verteilt.
Die Welt tritt allmahlich in eine Epoche des Wettbewerbs nicht nur um Waffen, sondern auch um politische Aufmerksamkeit ein. Und Aufmerksamkeit ist ebenso wie Raketen eine begrenzte Ressource.
Militartechnologie als Brucke zwischen den Fronten
Im 20. Jahrhundert unterschieden sich Kriege oft nach der Art der Waffen und nach dem technologischen Entwicklungsniveau der Beteiligten. Heute ist der technologische Austausch zwischen Konflikten nahezu augenblicklich geworden. Dieselben Drohnenlosungen, Systeme der elektronischen Kampffuhrung, Methoden der Tarnung, Formen verteilter Aufklarung, Taktiken zur Zerstorung von Infrastruktur und selbst Algorithmen der Informationskriegsfuhrung werden rasch von einer Region in die andere ubertragen.
Die Ukraine ist in diesem Sinne zu einem riesigen Labor des modernen Krieges geworden. Der massenhafte Einsatz von Drohnen, Gegenmassnahmen gegen Drohnen, digitaler Aufklarung, verteilter Feuerleitungsstrukturen, Angriffen auf Energieinfrastruktur und kombinierter Kampagnen zur Erschopfung der Luftverteidigung - all das wird heute weltweit studiert. Nicht zufallig wird im Ausgangstext darauf hingewiesen, dass die Ukraine den USA und den arabischen Staaten, die zu Zielen Irans wurden, ihre gesammelte Erfahrung bei der Abwehr von Drohnen angeboten hat.
Das bedeutet, dass zwischen den Schauplatzen nicht nur eine politische und wirtschaftliche, sondern auch eine technologische Verbindung besteht. Der moderne Krieg ist schnell reproduzierbar geworden. Eine erfolgreiche Taktik hort auf, ein lokales Know-how zu sein, und verwandelt sich nahezu augenblicklich in eine exportierbare Praxis. Infolgedessen wird eine Front zur Schule fur die andere. Das erhoht die allgemeine Geschwindigkeit der Evolution militarischer Gewalt und macht das globale Konfliktsystem noch enger.
Die Gefahr besteht darin, dass die Welt nicht nur die Verbreitung von Schutztechnologien erlebt, sondern auch die Verbreitung von Zerstorungstechnologien. Billige Drohnen, kommerzielle Komponenten, digitale Koordination, Satellitennavigation und kunstliche Intelligenz fur die Datenanalyse - all das senkt die Eintrittsschwelle fur einen ernsthaften Krieg. Und je niedriger diese Schwelle ist, desto mehr Akteure sind in der Lage, erheblichen Schaden anzurichten. In einem Weltsystem, das bereits mit Spannungen aufgeladen ist, erzeugt das einen Effekt explosionsartiger Vervielfachung der Bedrohungen.
Die Einbeziehung kleiner und mittlerer Staaten
Weltkriege beginnen selten damit, dass Grossmachte einander sofort mit einem direkten Schlag treffen. Viel haufiger entfalten sie sich uber die Einbeziehung der Peripherie. Kleine und mittlere Staaten werden entweder zur Arena, zum Transitkorridor, zum Element einer Koalition, zur Rohstoffquelle, zum Standort von Stutzpunkten, zum Objekt des Drucks oder zum Ziel eines Gegenschlags.
Das ist in beiden betrachteten Konflikten besonders deutlich sichtbar. Im Fall der Ukraine spielen die europaischen Staaten eine enorme Rolle, da sie einen immer grosseren Teil der Hilfe fur Kiew ubernehmen. China sichert Russland wirtschaftliche und technische Stabilitat. Die DVRK steuert nach vorliegenden Daten und Einschatzungen personelle Ressourcen bei. Iran liefert Drohnen. Auf der anderen Seite werden im Nahostkonflikt die Turkei, die Golfstaaten, Libanon, Jemen, Israel und die alliierten NATO-Systeme hineingezogen.
Kleine und mittlere Staaten verlieren in einem solchen System den Luxus der Neutralitat. Selbst wenn sie nicht kampfen wollen, sind sie gezwungen, den Grad ihrer Beteiligung zu bestimmen. Transit erlauben oder verweigern. Einen Stutzpunkt bereitstellen oder den Himmel schliessen. Sich Sanktionen anschliessen oder Ausnahmen suchen. Einen Verbundeten diplomatisch unterstutzen oder schweigen. Raketenabwehrsysteme stationieren oder sich auf Erklarungen beschranken. Infolgedessen dehnt sich die Geografie der Spannung weit uber die formale Frontlinie hinaus aus.
Genau darin liegt eine der heimtuckischsten Eigenschaften des neuen Weltkriegs: Er verwandelt die gesamte internationale Ordnung in einen Raum schrittweiser Mobilisierung. Nicht notwendigerweise allgemein, nicht notwendigerweise vollstandig, aber dennoch Mobilisierung. Jeder Staat ist gezwungen, Risiken neu zu berechnen. Jede Hauptstadt stellt sich die Frage: Wo verlauft die nachste Linie des Hineingezogenwerdens?
Das Volkerrecht als Opfer des Zeitalters der Gewalt
Jeder grosse Krieg ist nicht nur ein Schlag gegen Menschen und Infrastruktur, sondern auch gegen die normative Ordnung. Wenn Grossmachte beginnen, aus der Logik der Gewalt heraus zu handeln, verschwindet das Volkerrecht nicht, verliert aber schlagartig seine operative Bedeutung. Man zitiert es weiterhin, man beruft sich weiterhin auf es, doch die Entscheidungen werden real auf der Grundlage von Nutzenabwägungen, Risiken, Krafteverhaltnissen und innenpolitischen Bedurfnissen getroffen.
Im Ausgangstext fallt ein wichtiger Gedanke ins Auge: Sowohl Putin als auch Trump gingen davon aus, dass ihre Ziele nahezu jedes Mass an Gewalt rechtfertigen, selbst wenn dies uber die Grenzen des Volkerrechts hinausgeht. Diese Formulierung bezieht sich nicht auf Personen als solche, sondern auf einen breiteren Prozess. Sie zeigt, dass die Norm des Verbots von Gewaltanwendung ohne klare volkerrechtliche Grundlage fur Grossmachte immer weniger hemmend wirkt.
Wenn dies geschieht, gerat das Weltsystem in einen ausserst gefahrlichen Zustand. Das Recht hort auf, ein Rahmen zu sein, und wird zu einem Instrument rhetorischer Selektion. Man nutzt es, wenn es nutzlich ist, und umgeht es, wenn es stort. Das Problem ist jedoch, dass in einer Welt, in der das Recht geschwacht ist, selbst rationale Akteure aggressiver zu handeln beginnen - einfach deshalb, weil das Vertrauen in gemeinsame Regeln verschwindet. Wenn Sie sicher sind, dass andere mit Gewalt handeln werden, entsteht fur Sie der Anreiz, entweder zuerst zuzuschlagen oder sich dringend zu starken oder Ihre eigene Zone des Zwangs zu schaffen. So gleitet das internationale System in eine sich selbst tragende Militarisierung ab.
Multipolaritat ohne Regeln
In den letzten Jahren ist es in Mode gekommen, von Multipolaritat zu sprechen. In der Regel klingt dieser Begriff fast neutral, manchmal sogar optimistisch: als sei die Epoche einseitiger Dominanz vorbei, die Welt ausgewogener geworden und verschiedene Machtzentren hatten die Moglichkeit erhalten, die globale Agenda zu beeinflussen. Doch Multipolaritat garantiert fur sich genommen keine Stabilitat. Mehr noch: Historisch gingen Ubergange zu multipolaren Systemen oft mit wachsender Konflikthaftigkeit einher.
Der Grund ist einfach. In einer unipolaren Welt gibt es viel Ungerechtigkeit, aber in der Regel auch mehr Vorhersehbarkeit. In einer bipolaren Welt gibt es viel Spannung, doch die Frontlinien sind klarer. In einer multipolaren Welt nimmt die Zahl der Machtzentren zu, Koalitionen werden weniger stabil, die Versuchung zur Revision des Status quo wachst, und Fehlkalkulationen werden zahlreicher. Jeder grosse Akteur testet, wie weit er gehen kann. Jeder mittlere Akteur versucht, aus dem Kampf der Grossen Gewinn zu ziehen. Jede regionale Krise wird nicht nur in ihrer lokalen Logik betrachtet, sondern auch als Chance, globale Positionen neu zu verteilen.
Genau dort befinden wir uns. Die Ukraine ist zu einem Feld der Konfrontation zwischen Russland und dem Westen geworden. Iran ist zu einem Knotenpunkt des Ringens zwischen den USA, Israel, Russland und einer ganzen Reihe regionaler Machte geworden. China beobachtet dabei, wie sich das Krafteverhaltnis verandert und wie ein Krieg in einer Region die Moglichkeiten in einer anderen beeinflusst. Europa versucht gleichzeitig, die Ukraine zu unterstutzen, die eigene wirtschaftliche Stabilitat nicht zu zerstoren und nicht tiefer in eine Eskalation im Nahen Osten hineingezogen zu werden. Die Turkei manovriert zwischen bundnispolitischen Verpflichtungen, regionalen Interessen und eigener strategischer Autonomie. Die Golfstaaten versuchen, direkte Zerstorung zu vermeiden, mussen aber die Gefahr von Raketen- und Drohnenangriffen berucksichtigen. Das ist kein Schachbrett, sondern ein komplexer Mechanismus mit Dutzenden ineinandergreifender Zahnrader.
Gerade deshalb ist Multipolaritat ohne Regeln so gefahrlich. Sie vervielfacht nicht einfach die Machtzentren. Sie vervielfacht die Krisenzentren.
Die Kriegsokonomie und die Grenzen der Globalisierung
Noch vor kurzem wurde die Globalisierung als naturlicher Antikriegsmechanismus beschrieben. Man ging davon aus, dass eine hohe gegenseitige Abhangigkeit grosse Kriege zu kostspielig mache und sie deshalb weniger wahrscheinlich werden lasse. In einer bestimmten Phase funktionierte das. Heute zeigt sich jedoch, dass gegenseitige Abhangigkeit Konflikte nicht beseitigt, sondern nur ihren Preis und die Verteilung ihrer Folgen verandert.
Moderne Kriege zerstoren die Globalisierung nicht vollstandig. Sie fragmentieren sie, stellen sie neu ein und verwandeln Handel, Technologie, Finanzen, Energie, Logistik und Versicherung in Instrumente des Drucks. Die Welt verlässt die gegenseitige Abhangigkeit nicht - sie tritt in ein Regime bewaffneter gegenseitiger Abhangigkeit ein. Ol wird zum Hebel. Halbleiter werden zum Hebel. Seerouten werden zum Hebel. Zahlungssysteme werden zum Hebel. Exportkontrollen werden zum Hebel. Sanktionen werden zum Hebel. Versicherungspramien werden zum Hebel. Selbst Getreide, Dungemittel und Transporttonnage werden zu Teilen des geopolitischen Spiels.
Das bedeutet, dass sich ein Weltkrieg neuen Typs auch ohne totalen Zusammenbruch des Welthandels entfalten kann. Es genugt, dass globale Ketten zu Arenen des Zwangs werden. In einer solchen Welt konnen eine Salve von Raketen auf einen Hafen, ein einziger Angriff auf einen Tanker, eine neue Sanktionswelle oder eine Storung in einer Meerenge Milliarden Dollar umverteilen und die strategischen Entscheidungen von Regierungen verandern.
Deshalb kann man die Globalisierung dem Krieg nicht langer entgegenstellen. Im 21. Jahrhundert wird die Globalisierung selbst zum Medium der Kriegsfuhrung.
Informationsmudigkeit als Faktor der Eskalation
Es gibt noch ein weiteres Thema, uber das wenig gesprochen wird, obwohl es von grosser Bedeutung ist. Die Welt wird allmahlich des permanenten Krisenzustands mude. Die Informationsstrome sind so beschaffen, dass selbst riesige Kriege zum Hintergrundrauschen werden. Die Gesellschaft gewohnt sich an ein neues Niveau der Gewalt. Politiker lernen, mit dieser Gewohnheit zu arbeiten. Medien wechseln Katastrophen ab. Die offentliche Emporung verliert an Tiefe und wird zyklisch.
Das ist deshalb gefahrlich, weil der Weltkrieg neuen Typs nicht immer den Effekt eines sofortigen Schocks erzeugt. Er kann sich in Fragmenten entfalten. Ein Schlag hier, eine Eskalation dort, eine Preiskrise, eine Mobilisierung von Verbundeten, ein Austausch von Drohungen. Ohne das Gefuhl einer gleichzeitigen Gesamtkatastrophe konnen Staaten zu spat erkennen, dass sie sich bereits innerhalb eines grossen globalen Konflikts befinden.
Im 20. Jahrhundert war es schwer, Weltkriege nicht zu bemerken. Im 21. Jahrhundert kann ein Weltkrieg als Summe einzelner ausserordentlicher Nachrichten eintreten, von denen jede fur sich genommen beherrschbar erscheint. Gerade darin liegt seine Heimtucke.
Der gefahrlichste Fehler - lokal zu denken
Aus allem Gesagten folgt die wichtigste Schlussfolgerung. Die Welt tritt in eine Epoche ein, in der lokales Denken strategisch todlich wird. Sicherheit kann nicht langer als eine Summe getrennter Dossiers betrachtet werden. Man kann nicht mehr davon ausgehen, dass eine Krise in einer Region ohne Bezug zu einer anderen analysiert werden kann. Man kann nicht annehmen, dass Hilfe fur einen Verbundeten, Sanktionen gegen einen Gegner, ein Schlag gegen nukleare Infrastruktur, eine Operation zum Schutz eines Seewegs, die Lieferung von Drohnen oder die Entscheidung uber die Stationierung von Raketenabwehr nur lokale Bedeutung haben.
Jede dieser Entscheidungen wirkt heute innerhalb eines globalen Systems.
Genau darin besteht die zentrale Warnung des Ausgangstextes: Wenn die politischen Fuhrungen nicht lernen, global zu denken in einer sich herausbildenden multipolaren Welt, in der Grossmachte um Einflussspharen ringen, riskieren sie, nicht zu bemerken, wie ein begrenzter Wahlkrieg in einen Weltkrieg ubergeht, den formal niemand gewollt hat.
Diese Warnung klingt umso gewichtiger vor dem Hintergrund, dass der 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs bereits in der jungsten Vergangenheit liegt. Wir neigen dazu, jenen Krieg fur die absolute historische Grenze zu halten, fur eine unvergleichliche Katastrophe, die die Zivilisation niemals wieder zulassen werde. Und tatsachlich mochte man hoffen, dass sich auf dem Niveau der Zerstorung nichts Vergleichbares wiederholt. Doch Hoffnung ist keine Strategie. Strategie muss von einer nuchternen Einschatzung ausgehen: Die Welt lebt erneut in einer Epoche, in der Grossmachte Gewalt immer haufiger nicht als Ausnahme, sondern als Norm betrachten; in der regionale Konflikte rasch zu Knotenpunkten globalen Ringens werden; in der Energie, Technologien und Stellvertreterstrukturen verschiedene Fronten zu einem einheitlichen System verbinden; in der das Volkerrecht geschwacht ist und die Multipolaritat nicht durch neue Regeln ausgeglichen wird.
Wie geht es weiter
Die ehrlichste Antwort klingt düster: Die Welt erwartet nun wahrscheinlich nicht ein einziges grosses Ereignis, sondern eine lange Phase miteinander verflochtener Krisen. Waffenstillstande, Pausen, Deeskalationen, diplomatische Vereinbarungen, vorubergehende Abkommen und eingefrorene Fronten sind moglich. Doch selbst sie werden das internationale System nicht in seinen fruheren Zustand zuruckfuhren. Wir haben die Schwelle bereits uberschritten.
Unter solchen Bedingungen werden Staaten eine schwierige Wahl treffen mussen. Entweder sie versuchen, wenigstens einige gemeinsame Begrenzungen der Gewaltanwendung wiederherzustellen, Kanale der Krisenkommunikation zu starken, die Abhangigkeit von den verwundbarsten logistischen Arterien zu verringern und Institutionen zur Kontrolle von Eskalation neu aufzubauen. Oder sie leben weiter in der Logik des gewaltsamen Opportunismus, in der jede neue Krise als gunstiger Moment fur die Begleichung alter Rechnungen wahrgenommen wird.
Der zweite Weg fuhrt zur langwierigen Erschopfung der Welt. Nicht notwendigerweise zu einer sofortigen apokalyptischen Katastrophe, wohl aber zu einem Zustand chronischen Weltkriegs - verteilt, ungleichmassig, technologisch fortgeschritten, wirtschaftlich schmerzhaft und politisch zersetzend fur die internationale Ordnung.
Gerade deshalb sollte das Gesprach uber eine neue Ara des Weltkriegs nicht als publizistische Ubertreibung abgetan werden. Es ist keine Metapher um des Effekts willen. Es ist der Versuch, eine Realitat zu beschreiben, die sich bereits vor unseren Augen formt. Die Welt hat die Schrecken des 20. Jahrhunderts in ihrem absoluten Ausmass noch nicht wiederholt. Aber sie bewegt sich erneut auf einer Bahn, auf der einzelne Kriege aufhoren, einzelne Kriege zu sein, und Gewalt immer haufiger das Recht ersetzt. Und genau das ist das Hauptsymptom jener Epoche, die die Menschheit einst schon kannte - und fur die sie einen viel zu hohen Preis bezahlt hat.