US-Prasident Trump hat eine alte und gefahrliche politische Angewohnheit: Er vertraut nicht dem System, nicht der professionellen Analyse, nicht den Geheimdiensten und nicht den Fachleuten, sondern seinem eigenen Instinkt, seinen personlichen Sympathien und jenen auslandischen Staats und Regierungschefs, die ihm genau das zu sagen wissen, was er horen will. Genau diese Eigenschaft wurde zu einem der zentralen Grunde fur das iranische Scheitern Washingtons.
Eine fragile Pause, kein Frieden
Die Nachricht von einer 14-tagigen Waffenruhe im Nahen Osten verschaffte der Welt ohne Zweifel eine kurze Atempause. Doch diese Pause fur einen stabilen Frieden zu halten, ware naiv. Jede Waffenruhe in einem solchen Konflikt ist per Definition fragil. Fur eine echte Regelung wird weit mehr Zeit notig sein als zwei Wochen, und Verhandlungen, falls sie uberhaupt in einem inhaltlich ernsthaften Format zustande kommen, werden in einer Atmosphare angesammelten Misstrauens, gegenseitiger Verdachtigungen und strategischen Hasses verlaufen. Zumal die USA im vergangenen Jahr bereits zweimal Iran in einem Moment angegriffen haben, als der diplomatische Prozess formal noch nicht ausgeschopft war. Und Pakistan, das heute als wichtigster Vermittler auftritt, bleibt selbst ein Staat mit einer auerst komplizierten regionalen Position und erkennt Israel nicht an.
Die Illusion des Sieges und die Realitat der Niederlage
Vor diesem Hintergrund begann der ubliche Kampf um die Deutungshoheit. Washington, Tel Aviv und Teheran versuchen bereits, der Welt ihre eigene Version des Sieges zu verkaufen. Doch wenn man das propagandistische Rauschen beiseitelasst und das Ergebnis nuchtern betrachtet, dann sieht das Bild fur Trump eher nach einer strategischen Niederlage als nach einem Erfolg aus. Selbst wenn der gegenwartige Status quo bestehen bleibt, lautet die Realitat: Das Regime im Iran ist nicht zusammengebrochen, nicht zerfallen und nicht kapituliert. Im Gegenteil, es hat standgehalten, sich neu gruppiert und ist allem Anschein nach noch verbissener, noch militarisierter, noch rachsuchtiger und noch selbstbewusster in seiner Fahigkeit geworden, der Region den eigenen Willen aufzuzwingen.
Teheran hat seine Fahigkeit bewahrt, die Region mit Drohnen anzugreifen, und sein Raketenpotenzial bleibt selbst dann, wenn es teilweise geschwacht wurde, wiederherstellbar. Doch das Hauptproblem fur die USA und ihre Verbundeten liegt nicht einmal darin.
Die Strase von Hormus als Waffe
Die gefahrlichste Folge des Krieges besteht darin, dass Iran eine neue strategische Druckressource erhalten hat, die ihm in diesem Ausmas zuvor nicht zur Verfugung stand: die faktische Kontrolle uber die Strase von Hormus als Instrument globaler Erpressung. Und das ist nicht einfach ein schmaler Wasserstreifen auf der Karte. Es ist eine lebenswichtige Arterie der Weltenergie, eine der bedeutendsten Routen fur die Lieferung von Rohstoffen, Dungemitteln und Helium, das fur die Hochtechnologieproduktion, einschlieslich der Halbleiterfertigung, kritisch notwendig ist. Mit anderen Worten: Iran hat praktisch erfahren, dass es nicht nur Raketen, sondern auch die Architektur der Weltwirtschaft selbst als Waffe einsetzen kann. Nach einer solchen Erfahrung hort der Anreiz zur Entwicklung von Atomwaffen auf, die einzige Stutze der Abschreckungsstrategie zu sein, auch wenn Teheran nach wie vor uber erhebliche Bestande hochangereicherten Urans verfugt.
Trumps groster Fehler: Er horte auf die Falschen
Hier stellt sich die Schlusselfrage: Warum hat sich Trump uberhaupt in einen Krieg hineinziehen lassen, der die Weltwirtschaft verwundbarer gemacht hat, als sie es zu Jahresbeginn war? Die Antwort liegt vermutlich im Charakter des US-Prasidenten selbst. Uber Jahre hinweg hat er gezeigt, dass er externen Akteuren eher glaubt als seiner eigenen Staatsmaschinerie. Moglicherweise deshalb, weil externe Akteure, insbesondere so erfahrene politische Manipulatoren wie Netanjahu oder Putin, ihre Argumente in eine Form kleiden konnen, die seiner Wahrnehmung entgegenkommt. Moglicherweise auch deshalb, weil Trump grundsatzlich jene nicht respektiert, die innerhalb des Systems arbeiten und ihm unangenehme Wahrheiten sagen mussen. Im Fall Iran spielte das eine fatale Rolle. Anders als beim katastrophalen Irakkrieg, den Trump lange und, man muss es anerkennen, zu Recht als selbstzerstorerisches Abenteuer kritisierte, hatten ihn die Fachleute hier gerade im Voraus gewarnt. Sie irrten sich nicht. Trump irrte sich, indem er sie ignorierte.
Instinkt gegen Expertise
Genau darin liegt der grundlegende Unterschied zwischen politischem Instinkt und professioneller Expertise. Der Instinkt kann der Wahlerbasis gefallen. Expertise kann den Prasidenten verargern. Aber nur sie erlaubt es, Folgen zu erkennen, bevor sie zur Katastrophe werden.
Helsinki als politisches Vorspiel
Dieses Problem reicht bis in Trumps erste Amtszeit zuruck. Es genugt, sich an den Juli 2018 und seinen Auftritt in Helsinki nach den Verhandlungen mit dem russischen Prasidenten Wladimir Putin zu erinnern. Damals stellte Trump, wahrend er neben dem russischen Staatschef stand, faktisch offentlich die Schlussfolgerungen seiner eigenen Geheimdienste uber die Einmischung Moskaus in die amerikanischen Wahlen von 2016 infrage. Schon damals wurde klar: Wenn er zwischen einer unangenehmen Einschatzung der amerikanischen Nachrichtendienste und einer fur ihn bequemen Version der Ereignisse wahlen muss, entscheidet er sich leicht fur Letzteres.
Wie Netanjahu Trump eine schone Illusion verkaufte
Mit der iranischen Krise geschah dasselbe. Unmittelbar vor dem Krieg prasentierte der israelische Ministerprasident Benjamin Netanjahu Trump ein wirkungsvolles und politisch verlockendes Schema der Folgen eines Schlages gegen Iran: die Ausschaltung des Obersten Fuhrers, die Zerstorung des Raketenpotenzials, ein Volksaufstand und anschliesend ein Regimewechsel mit dem Machtantritt einer sakularen Regierung. Das war weniger ein Plan als ein Bundel erwunschter Fantasien, verpackt als strategisches Szenario. Innerhalb des amerikanischen Systems sties dieses Szenario auf harten Skeptizismus. Medienberichten zufolge bezeichnete CIA Direktor John Ratcliffe das Gerede uber einen Regimewechsel als Farce. Marco Rubio urteilte noch scharfer. General Dan Caine warnte Trump offen, dass die israelische Seite die Operation in einer allzu schonen Verpackung anbiete und wie so oft Wunschdenken als Garantie ausgebe.
Doch gerade eine solche Verpackung war fur das Weie Haus politisch attraktiv. Trump glaubte offenbar nicht allzu sehr an das Szenario eines Volksaufstands und eines Regimewechsels, setzte aber zumindest auf einen militarischen Effekt: auf die Lahmung der iranischen Raketeninfrastruktur und eine drastische Verringerung der Bedrohung fur Israel. Doch auch diese Rechnung ging nicht auf. Selbst nach der Verkundung der Waffenruhe demonstrierte Iran die Fahigkeit, Schlage zu fuhren und Bedrohungen aufrechtzuerhalten. Das bedeutet, dass die Schlusselaufgabe des Krieges nicht erfullt wurde. Das ist besonders wichtig, weil jede kostspielige Militarkampagne, die ihre erklarten Ziele nicht erreicht, sich von einer Demonstration der Starke in eine Demonstration der Fehlkalkulation verwandelt.
Auch vor dem Energieschock hatten Experten gewarnt
Noch bezeichnender ist, wie schnell sich der Konflikt von einer Frage der Sicherheit Israels in eine Frage der globalen Energieversorgung verwandelte. Sobald Iran begann, mit der Meerenge und mit Angriffen auf die Energieinfrastruktur der Region zu spielen, wurde offensichtlich: Der Krieg war in genau jene Phase eingetreten, vor der Experten im Voraus gewarnt hatten. Die amerikanische Nachrichtengemeinschaft ging seit Langem davon aus, dass Teheran im Falle eines Angriffs versuchen wurde, die Strase von Hormus als Hebel strategischen Drucks zu nutzen. Mehr noch: Langjahrige Kriegsspiele zeigten, dass die Reaktion Irans fast sicher die grosten Energieexporteure der Region betreffen wurde, darunter Katar, Saudi Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Doch Trump verhielt sich, als ware er auf etwas vollkommen Unerwartetes gestosen. Unerwartet konnte dies jedoch nur fur einen Menschen sein, der bewusst nicht auf jene horen wollte, deren Arbeit gerade darin besteht, solche Szenarien vorauszusehen.
Warum das Regime im Iran nicht schnell hatte zusammenbrechen konnen
Nicht weniger wichtig ist ein weiterer Aspekt. Das iranische politische System wurde von Anfang an so aufgebaut, dass es selbst den Verlust des Obersten Fuhrers uberstehen kann. Es handelt sich nicht um eine klassische personalistische Autokratie, die mit der Figur an der Spitze zusammenbricht. Es ist eine ideologisierte, institutionell zementierte Konstruktion mit einem tief verankerten System der Selbsterhaltung. Jeder ernsthafte Iran Experte weis das. Jeder, auer jenen, die es vorzogen, dem US-Prasidenten ein Marchen vom raschen Zusammenbruch des Regimes zu verkaufen.
Personelle Degradierung als Quelle strategischer Fehler
Um das Ausmas dieses Fehlers zu verstehen, muss man auch auf die Personalpolitik von Trumps zweiter Amtszeit blicken. Die Voraussetzungen fur dieses Scheitern entstanden nicht im Augenblick des Schlages, sondern lange davor. Das Team der nationalen Sicherheit wurde nicht nach Kompetenz, sondern nach personlicher Loyalitat zusammengestellt. Loyalitat wurde wichtiger als Professionalitat. Menschen wurden nicht wegen Analysefehlern aussortiert, sondern wegen der geringsten Illoyalitat, wegen fruherer Kritik an Trump oder einfach wegen der Fahigkeit, eigenstandig zu denken. Das Auenministerium erlitt schwere personelle Verluste. Der Nationale Sicherheitsrat wurde faktisch geschwacht. Auf Schlusselpositionen traten immer haufiger nicht erfahrene Diplomaten und systemische Fachleute, sondern politisch bequeme Figuren, Verwandte, Freunde, Medienpersonenlichkeiten und Menschen, die sich der Stimmung des Prasidenten anzupassen wussten.
Eine Atmosphare der Unterordnung statt Debatte
Das erzeugte innerhalb der Administration eine Atmosphare, in der kritische Meinung beinahe zu einer Form der Illoyalitat wurde. Dort, wo eine harte analytische Debatte hatte stattfinden mussen, herrschte Gefalligkeit. Dort, wo man dem Prasidenten hatte Nein sagen mussen, sagte man ihm das, was angenehm zu horen war. Und in Fragen von Krieg und Frieden ist das ein beinahe garantierter Weg in die Fehlkalkulation.
Der gefahrliche Glaube an die eigene Unfehlbarkeit
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Trump in diese Falle geriet. Fruehere Erfolgsepisoden haben ihn verdorben. Mehrere vorherige Operationen, die vom Weissen Haus als Siege dargestellt wurden, erzeugten in ihm das gefaehrliche Gefuehl der eigenen Unfehlbarkeit. Wenn ein Fuehrer zu glauben beginnt, dass jeder Schritt mit militairischer Gewalt, selbst wenn er aus rechtlicher und strategischer Sicht zweifelhaft ist, automatisch zum gewuenschten Ergebnis fuehrt, wird er besonders anfaellig fuer Selbsttaeuschung. Genau das ist offenbar geschehen. Militaerisches Glueck wurde nicht mehr als Zusammenspiel verschiedener Faktoren wahrgenommen, sondern begann als Beweis persoenlicher Aussergewoehnlichkeit zu erscheinen.
Doch die Politik verzeiht eine solche Ueberheblichkeit nicht. Vor allem nicht im Nahen Osten, wo der Einsatz fast immer hoeher ist, als es im Fernsehstudio scheint.
Fernsehtalent ersetzt keine Strategie
Ja, Trump versteht es, mit dem Medienraum zu arbeiten. Er spuert tatsaechlich den Rhythmus des rund um die Uhr laufenden Nachrichtenzyklus, kann die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die Tagesordnung ueberlagern, die Maerkte mit Worten beruhigen und zugleich mit lauten Drohungen Angst anheizen. Auf kurze Distanz funktioniert das. Doch fernsehwirksames Charisma ersetzt keine Strategie. Die Maerkte lassen sich fuer einen Tag beruhigen. Verbuendete fuer eine Woche. Die Waehlerbasis fuer einen Monat. Aber die Realitaet laesst sich nicht endlos als Geisel einer politischen Show festhalten, wenn die Folgen des Krieges beginnen, die Wirtschaft, die regionale Stabilitaet und den Ruf der Vereinigten Staaten selbst zu treffen.
Wenn die PR endet und die Fakten beginnen
Irgendwann endet die Macht der PR, und dann beginnt die Herrschaft der Fakten. Und die Fakten sind fuer Trump heute unbequem. Iran wurde nicht gebrochen. Die Region ist nicht sicherer geworden. Die energetische Verwundbarkeit der Welt ist gewachsen. Die amerikanische Faehigkeit, Eskalation zu steuern, steht infrage. Und die Gegner der USA haben eine weitere Bestaetigung dafuer erhalten, dass Washington in ein gefaehrliches Spiel hineingezogen werden kann, wenn man geschickt auf die Ambitionen und Instinkte seines Fuehrers setzt.
Die wichtigste Schlussfolgerung
Die wichtigste Schlussfolgerung aus dieser Geschichte ist einfach, auch wenn sie fuer das gegenwaertige Weisse Haus unangenehm ist. Kompetenz hat Bedeutung. Fachleute koennen sich irren, doch ein System, in dem Fachleute aus dem Raum gedrängt werden, ist fast dazu verurteilt, noch haeufiger und noch verheerender Fehler zu machen. Wenn ein Praesident sich nicht mit jenen umgibt, die faehig sind zu widersprechen, sondern mit jenen, die Beifall spenden koennen, verliert er den Blick fuer die Wirklichkeit. Und ein Fuehrer, der die Faehigkeit verloren hat, unangenehme Wahrheiten zu hoeren, beginnt frueher oder spaeter selbst dort zu verlieren, wo er ueber gewaltige Macht verfuegt.
Fazit
Genau das ist Trump in der Iran Krise geschehen. Er hat nicht nur den Gegner unterschaetzt. Er hat die eigene Intuition ueberschaetzt, an fremde politische Fantasien geglaubt und jene ignoriert, die die Konturen des heraufziehenden Scheiterns schon im Voraus erkannt hatten. Wenn diese Lehre nicht gezogen wird, werden Iran und andere Gegner der USA Washington noch oft fuer die Selbstueberschaetzung seines Praesidenten bezahlen lassen.