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Wie auch immer dieser Krieg gegen den Iran ausgeht: Im geopolitischen Ringen mit China wird er sich für die USA als strategisches Eigentor erweisen.

Während die Operation Epic Fury in ihre vierte Woche geht, können amerikanische und israelische Streitkräfte auf eine ganze Reihe taktischer Erfolge verweisen. Sie haben 75 Prozent der iranischen Raketen- und Drohnenabschusskapazitäten zerstört, mehr als dreißig Kriegsschiffe versenkt, zentrale Einrichtungen der Revolutionsgarden und des iranischen Militärs getroffen und die obersten Ränge der Führung ausgeschaltet – darunter den Obersten Führer Ayatollah Ali Khamenei und Ali Larijani, den Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats.

Diese gemeinsame Luft- und Schlagkampagne soll gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die brutale schiitische Theokratie beseitigen und zugleich ihr terroristisches Stellvertreternetzwerk zerschlagen.

Doch aus massiven kinetischen Erfolgen ist noch lange kein funktionierender Sieg geworden. Iranische Raketen schlagen weiterhin regelmäßig auf US-Stützpunkten, Energieanlagen und in zivilen Gebieten der amerikanischen Partnerstaaten am Golf ein. Die Störungen der Schifffahrt in der Straße von Hormus reißen nicht ab. Das Regime hat den Sohn des getöteten Revolutionsführers, Mojtaba Khamenei, zu dessen Nachfolger bestimmt. Der Ayatollah ist tot – es lebe der Ayatollah.

Seit seiner Machtübernahme betreibt das klerikale Regime in Iran asymmetrische Kriegsführung als Instrument des Staatsaufbaus. Es macht sich die Ideologie des ewigen Widerstands zunutze, um seine Legitimität im Inneren zu zementieren und seinen Einfluss in der schiitischen Welt zu exportieren.

Dieses System ist darauf ausgelegt, seinen Gegnern überproportionale Verluste zuzufügen und sie in endlose Konflikte hineinzuziehen. Wie die Hydra von Lerna wachsen ihm für jeden abgeschlagenen Kopf gleich zwei neue nach. Wir kennen dieses Muster. Und trotzdem stehen wir wieder genau hier – ein Vierteljahrhundert später, während Peking längst zu einem ebenbürtigen Rivalen aufgestiegen ist.

China wirksam zu begegnen, würde ein völlig neues strategisches Drehbuch verlangen – und vor allem die mühselige, wenig glanzvolle Arbeit, Lieferketten zu entflechten. Doch große Teile des politischen Establishments in Washington beherrschen diese Art von Strategie weder intellektuell noch interessiert sie sie besonders. Also flüchten sie sich zurück auf bekanntes Terrain: Regimewechsel im Nahen Osten. Geopolitisch ist das ungefähr so sinnvoll, wie kurz vor einer Deadline plötzlich den Kleiderschrank umzuräumen.

Einige China-Analysten argumentieren, diese Art „Prokrastinationsputzen“ sei in Wahrheit sogar ein Schlag gegen Xi Jinping, weil damit einer seiner wichtigsten Partner im Nahen Osten ausgeschaltet werde. Doch dieser Triumphismus klingt hohl, sobald man die Folgen des Iran-Kriegs für den indo-pazifischen Raum ernsthaft bilanziert.

Wie immer dieser Krieg endet: Im Wettbewerb der Großmächte mit China wird er sich als strategisches Eigentor erweisen. Dafür sprechen zwei strukturelle Faktoren.

Abnutzungskrieg zulasten des Indopazifiks

Erstens hat Iran die Vereinigten Staaten in einen Abnutzungskrieg verstrickt, der die ohnehin begrenzten Bestände an Luftabwehr-Abfangraketen und anderer kritischer Munition massiv belastet. Taiwan und andere asiatische Partner fürchten längst, dass hochwertige Systeme, die eigentlich für das Indo-Pacific Command vorgesehen waren, in den Nahen Osten umgeleitet werden.

Diese Sorgen nehmen bereits konkrete Gestalt an – etwa auf der koreanischen Halbinsel. Das US-Kommando in Korea hat 20 bis 30 Prozent seiner Patriot-Batterien auf die Osan Air Base verlegt, begleitet von Spekulationen, sie könnten in den Nahen Osten weitertransportiert werden. Präsident Lee Jae Myung hat bestätigt, dass Seoul und Washington über die Verlegung eines Teils der amerikanischen Patriot-Luftabwehrsysteme aus der Region sprechen. Zugleich versucht Südkorea fieberhaft, rund dreißig Abfangraketen an die Vereinigten Arabischen Emirate zu liefern – und greift dafür auf eigene operative Reserven zurück.

Zur See ist die Umsteuerung noch deutlicher. Nach Angaben des Center for Strategic and International Studies befinden sich derzeit 41 Prozent der einsatzbereiten Kriegsschiffe der US Navy im Nahen Osten. Und diese Zahl dürfte weiter steigen, sobald sich die Trägerkampfgruppe der USS George H.W. Bush auf den Weg ins östliche Mittelmeer macht. Die USS Gerald R. Ford und die USS Abraham Lincoln – letztere erst im vergangenen Monat aus ihrer Pazifikmission abgezogen – liegen bereits im Roten Meer beziehungsweise in der Arabischen See. Der einzige US-Flugzeugträger in Asien, die George Washington, befindet sich derzeit zur Wartung in Japan.

Das Pentagon verlegt nun zusätzlich die in Japan stationierte Marine Expeditionary Unit mit rund 2.500 Marines und Seeleuten sowie das amphibische Angriffsschiff USS Tripoli in den Nahen Osten. Wie der ehemalige Hauptmann der südkoreanischen Armee James JB Park gegenüber Responsible Statecraft erklärte, zeichnen diese Schritte eine Zukunft vor, in der amerikanische Ressourcen auf mehrere Schauplätze verteilt und damit zulasten der Abschreckung im Indopazifik überdehnt werden. Wenn der Iran-Krieg wirklich der Auftakt zu einer großen Strategie gegen China sein soll, dann beginnen die USA mit denkbar schlechter Ausgangslage.

Peking verliert weniger, als die Falken behaupten

Hinzu kommt, dass dieser Krieg Peking weit weniger schadet, als seine Befürworter behaupten. Iran ist zwar ein wichtiger Pfeiler chinesischer Nahostpolitik, aber keineswegs ihr Fundament. China kauft mehr als 80 Prozent des iranischen Rohöls zu Discountpreisen, doch diese Lieferungen machen nur 13 Prozent seiner gesamten Ölimporte aus. Die eigentliche Energiesicherheit Chinas wird von den Golfstaaten garantiert: Sie liefern 42 Prozent des chinesischen Rohöls und 31 Prozent des Flüssiggases.

Auch die vielbeschworene „umfassende strategische Partnerschaft“ zwischen China und Iran, die gern als mögliches 400-Milliarden-Dollar-Projekt über 25 Jahre gehandelt wird, ist bislang kaum mit Leben gefüllt worden. Die gesamten chinesischen Investitionen seit 2007 belaufen sich auf nicht einmal fünf Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Bis 2020 hatte Peking bereits 70 Milliarden Dollar in die Staaten des Golfkooperationsrats investiert – in Energie, Immobilien und Infrastruktur.

China verkauft zwar mehr Raketen an Iran als an dessen Nachbarn, verschafft Saudi-Arabien aber Zugang zu technologisch fortschrittlicheren Waffensystemen wie den Mittelstreckenraketen vom Typ DF-21. Pekings reale Position im Nahen Osten ist deshalb eine ganz andere als die oft beschworene Achse mit Teheran: enge Beziehungen zu den arabischen Monarchien einerseits, opportunistische Geschäfte mit Iran andererseits – als billige Tankstelle und als gebundener Absatzmarkt für chinesische Telekommunikations- und Überwachungstechnik.

Sollte die amerikanische Offensive gegen Iran tatsächlich einen regionalen Interessenbereich Chinas erschüttern, dann um den Preis, dass die USA ihre eigene militärische Einsatzbereitschaft im Indopazifik auffressen. Und während Washington im Nahen Osten festhängt, baut Peking weiter an Anti-Träger-Hyperschallraketen, einer Flotte nuklearbetriebener U-Boote, militarisierten künstlichen Inseln und einem dichten Netz von Tiefseehäfen und Marinestützpunkten von Pakistan bis Dschibuti – der berüchtigten „Perlenkette“.

Ein Regime lässt sich nicht aus der Luft wegbomben

Damit sind wir beim zweiten strukturellen Problem dieses Krieges. Solange es nicht zu einer katastrophalen Eskalation kommt, wird keine Militärkampagne die Islamische Republik stürzen. Luftmacht allein kann das Regime nicht zur bedingungslosen Kapitulation zwingen. Und die Bevölkerung wird die Islamische Republik nicht von selbst hinwegfegen, um dann eine neue proamerikanische Ordnung zu errichten.

Die Fantasie-Kettenreaktion, auf die die Trump-Regierung setzt, beruht auf einem fundamentalen Irrtum über die Mechanik von Aufständen. Das Volk – gespalten, abgelenkt und organisatorisch zersplittert – verfügt über kaum eigenständige politische Handlungsmacht. Revolutionen entstehen erst dann, wenn eine Gegenelite erfolgreich gegen die herrschende Elite mobilisiert und sie ersetzt.

Würde also eine Bodeninvasion der USA jene Regimeüberläufer und den inneren Zusammenbruch auslösen, den die Luftkampagne nicht herbeiführen kann? Die Geschichte spricht eher dagegen. Als Saddam Hussein 1980 in die iranische Grenzprovinz Chuzestan einmarschierte, hoffte er, sich Öl- und Wasserressourcen zu sichern und die revolutionäre Ordnung unter Großajatollah Ruhollah Chomeini ins Wanken zu bringen. Stattdessen festigte der folgende achtjährige Krieg das islamische Regime – selbst die lokale arabische Bevölkerung stellte sich am Ende hinter Teheran –, während Iraks Militär und Wirtschaft ausgezehrt wurden.

Schon jetzt ist der Preis dieses Krieges verheerend. Dreizehn amerikanische Soldaten sind gefallen, 200 wurden verletzt. Auch die zivilen Opferzahlen in der Region steigen: Berichten zufolge wurden im Iran 1.351 Menschen getötet, im Libanon mindestens 912, hinzu kommen weitere Tote in Israel und den Golfstaaten. Und auch materiell wird die Rechnung immer höher. Der Ersatz verschossener Munition und beschädigter Ausrüstung erfordert kritische Rohstoffe und Lieferketten, die wiederum maßgeblich von China dominiert werden.

Xi schaut zu und gewinnt

Der Krieg spielt Xi Jinping damit in die Hände. Tatsächlich nähert sich China in dieser Lage jener Strategie des „Offshore Balancing“ an, die außenpolitische Realisten in den USA seit Langem propagieren: sich militärisch heraushalten und regionale Akteure gegeneinander austarieren lassen. Peking zahlt dafür weder mit Blut noch mit Milliarden noch mit politischem Kapital. All das wird nun Washington schultern müssen.

Der Weg nach Peking führt eben nicht über Teheran. Wer China ernsthaft begegnen will, darf sich nicht in einem weiteren Nahostkrieg verausgaben. Genau das aber geschieht gerade.