Wenn man die Daten aufdröselt, zeigt sich: Was wie nationale Geschlossenheit aussieht, sind in Wahrheit zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen dieses Krieges – getragen von zwei verschiedenen Öffentlichkeiten.
Eine Zahl ist zum Herzstück der israelischen öffentlichen Kommunikation geworden: 81 Prozent der Israelis unterstützen den Angriff auf den Iran. Unter jüdischen Israelis sind es sogar 91 Prozent. Unter Wählern der Opposition 77 Prozent. Selbst unter Menschen, die sich selbst links verorten, liegt die Zustimmung noch bei 79 Prozent.
Politiker haben diese Werte international als Beleg für ein überwältigendes öffentliches Mandat ins Feld geführt. Doch diese Zahl verdeckt mehr, als sie offenlegt.
Die Daten stammen aus einer Anfang März durchgeführten Umfrage des Institute for National Security Studies, kurz INSS.
Wer verstehen will, was öffentliche Unterstützung für einen Krieg tatsächlich bedeutet, muss das Urteil der Bevölkerung entlang mehrerer Dimensionen auseinandernehmen: Erstens die Notwendigkeit – ist die äußere Bedrohung real, und sind alle Alternativen ausgeschöpft? Zweitens die Erfolgsaussichten – welchen Nutzen verspricht der Krieg, und zu welchem Preis? Drittens die Reichweite – geht es um einen begrenzten Schlag oder um eine Kampagne zum Sturz eines Regimes? Und viertens das Vertrauen in die Institutionen, die diesen Krieg führen, sowie in die Verhältnismäßigkeit ihres Handelns.
Jenseits der 81 Prozent: zwei Bilder desselben Krieges
Sobald man die Daten auf diese Weise liest, zerfällt das Bild nationaler Einigkeit. Zum Vorschein kommen zwei deutlich voneinander abweichende Deutungen dieses Krieges – entworfen von zwei verschiedenen Öffentlichkeiten.
Unter den Wählern der Regierungskoalition, die in der Umfrage 51 Prozent der jüdischen Wählerschaft ausmachen, ergibt sich ein in sich stimmiges Bild. Die Unterstützung für die Militäroperation liegt dort bei 96 Prozent.
Rund 60 Prozent sorgen sich wegen äußerer Bedrohungen, 79 Prozent vertrauen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Etwa 86 Prozent gehen davon aus, dass Irans Atomprogramm, seine Raketeninfrastruktur und das Regime selbst schwer beschädigt werden. 40 Prozent rechnen sogar mit einem vollständigen Zusammenbruch des Regimes.
Die Kosten erscheinen in diesem Lager beherrschbar: Die Heimatfront gilt als widerstandsfähig, das Eskalationsrisiko als moderat. Ganze 86 Prozent sprechen sich dafür aus, weiterzumachen, bis das Regime fällt.
Das ist eine kohärente Haltung über alle Dimensionen hinweg: ein reales, aber nicht lähmendes Gefühl der Notwendigkeit; hohes Vertrauen in Netanjahu, aus dem sich plausibel ableiten lässt, dass Alternativen als ausgeschöpft gelten; ein starker Glaube an die Durchführbarkeit, bei dem der erwartete Nutzen die Kosten überwiegt; Vertrauen in die Institutionen, die den Krieg führen; und ein Mandat für das maximale Ziel.
Unter den Wählern der Opposition, die 49 Prozent der jüdischen Befragten ausmachen, sieht das Bild völlig anders aus. Zwar unterstützen auch hier 77 Prozent nominell den Angriff. Doch nur 9 Prozent vertrauen Netanjahu. Die erwarteten Erfolge fallen deutlich bescheidener aus: Nur 48 Prozent glauben, dass Irans Atomprogramm substanziell geschwächt wird, und lediglich 11 Prozent rechnen mit dem Sturz des Regimes. Gleichzeitig fürchten 62 Prozent eine Eskalation.
Die Netto-Erfolgserwartung – also der erwartete Nutzen minus der erwarteten Kosten – liegt bei Oppositionswählern bei 23 Punkten, bei Koalitionsanhängern dagegen bei 60. Für das Regierungslager überwiegt der Nutzen die Kosten mit großem Abstand. Für die Opposition tut er das allenfalls knapp.
Was also hält diese 77 Prozent Zustimmung in der Opposition überhaupt zusammen? Drei Faktoren.
Erstens die Bedrohungswahrnehmung: 81 Prozent von ihnen sorgen sich wegen äußerer Gefahren – das sind 21 Prozentpunkte mehr als die 60 Prozent im Regierungslager.
Zweitens institutionelles Vertrauen: 83 Prozent der Oppositionswähler vertrauen den israelischen Streitkräften. Das federt ihr tiefes Misstrauen gegenüber der Regierung zumindest teilweise ab.
Und drittens – der aufschlussreichste Punkt – unterstützen Oppositionswähler in Wahrheit eine grundsätzlich andere Form des Krieges: Während 86 Prozent der Koalitionswähler dafür sind, bis zum Sturz des Regimes weiterzukämpfen, bevorzugen 40 Prozent der Oppositionswähler nach einer begrenzten Schwächung der iranischen Fähigkeiten einen Waffenstillstand. Weitere 7 Prozent sind unentschieden.
Im linksstehenden Drittel der Opposition tritt diese Kluft noch schärfer hervor: 48 Prozent plädieren für eine Waffenruhe, 8 Prozent sind unentschlossen, 45 Prozent wollen weitermachen, bis das Regime fällt.
Die israelische Linke denkt sich also einen begrenzten Militäreinsatz. Die Rechte denkt in Kategorien des Regimewechsels.
Auch die arabische Bevölkerung folgt einer eigenen Logik
Die arabische Öffentlichkeit, die 16 Prozent der Gesamtstichprobe ausmacht, weist wiederum eine ganz eigene Konstellation auf.
Die Bedrohungswahrnehmung ist hoch – 80 Prozent. Das Vertrauen in Netanjahu ist verschwindend gering, ebenso das Vertrauen in die jüdische Opposition. Doch auch das Vertrauen in die israelischen Streitkräfte liegt nur bei 37 Prozent. Es gibt also keinen institutionellen Puffer, der das Misstrauen gegenüber der politischen Führung auffangen könnte.
Das Ergebnis: Nur 38 Prozent der arabischen Staatsbürger unterstützen den Angriff. Hohe Bedrohungswahrnehmung allein reicht nicht aus, wenn institutionelles Vertrauen fehlt.
Der Unterschied zwischen Koalition und Opposition ist daher nicht bloß eine Frage des Inhalts, sondern der Struktur. Die Anhänger der Koalition vertreten eine kohärente, in sich geschlossene Position.
Die Wähler der Opposition hingegen unterstützen eine Maßnahme, von deren Erfolg sie selbst nicht überzeugt sind, die von einem Politiker geführt wird, dem sie nicht trauen, und die auf ein Ziel hinausläuft, das sie gar nicht teilen.
Die Forschung zur politischen Psychologie legt nahe, dass ambivalente Haltungen seltener in politisches Handeln umschlagen. Genau das hilft zu erklären, warum die israelische Opposition derzeit so gelähmt wirkt.
Diese 77 Prozent werden nicht zu politischem Druck. Sie werden nicht zu Rechenschaftsforderungen.
Die Leerstelle der Verhältnismäßigkeit
Eine Dimension hat die Umfrage gar nicht erfasst – und genau sie fehlt auffallend auch in der öffentlichen Debatte: die Verhältnismäßigkeit. Was gilt als hinnehmbarer Kollateralschaden? Welche Ziele sind legitim? Wo liegen die Grenzen militärischer Gewalt?
Dass diese Fragen fehlen, ist selbst schon eine Aussage. In Israel wird über diesen Krieg im Vokabular militärischer Abläufe gesprochen, nicht im Modus moralischer Urteilsbildung.
Im weiteren Verlauf der Kampagne sind die Grenzen der Angriffe auf Irans Atomanlagen immer sichtbarer geworden. Ebenso die Kosten, die längere Dauer des Einsatzes und das Risiko einer regionalen Eskalation. Wenn überhaupt, macht gerade diese Entwicklung die ursprüngliche Spaltung noch bedeutsamer.
Jetzt, da in Washington und Jerusalem über die Fortsetzung der Operation entschieden wird, berufen sich politische Führungen auf diese 81 Prozent wie auf ein Mandat. Das sollten sie nicht tun.
Die israelische Öffentlichkeit hat diesen Krieg nicht einheitlich befürwortet. Sie hat zwei unterschiedliche Vorstellungen der Kampagne unterstützt – ohne gemeinsames Verständnis über deren Reichweite oder Endpunkt.
Hinter der Zahl von 81 Prozent steht keine geschlossene Nation, sondern eine gespaltene und ambivalente Opposition, die vor allem von gesteigerten Bedrohungsgefühlen getrieben ist. Ihr Schweigen sollte nicht mit Zustimmung verwechselt werden.