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Trumps Krieg gegen den Iran ist von Hybris und miserabler Vorbereitung geprägt – und genau daran dürfte er am Ende scheitern.

Geben wir Nicolás Maduro die Schuld: Der venezolanische Präsident ließ alles so aussehen, als sei Regimewechsel ein Kinderspiel. Die Fantasien, Kanada und Grönland einzuverleiben, scheiterten nur daran, dass beide zu nett waren – und zu viele Freunde hatten.

Maduro dagegen mochte niemand. Ein lupenreiner Bösewicht. Also landete er, kaum war ein Schuss gefallen, rasch in Ketten und auf dem Weg in staatlich subventionierten Wohnraum mit deutlich kleinerem Zuschnitt in Brooklyn.

Auch Iran und seine Führung haben weltweit kaum Sympathien – in den Augen vieler sind sie sogar noch schlimmer als Maduro. US-Präsident Donald Trump war überzeugt, er müsse die armen, unterdrückten Iraner befreien und zugleich die Welt retten, indem er das islamische Regime mit einer überwältigenden Machtdemonstration köpft. Und als wäre das nicht schon Verlockung genug, sitzt das Land auch noch auf fast ebenso viel Öl wie Venezuela.

Zwei bösartige Regime stürzen und sich nebenbei Zugriff auf ihre Ölreserven sichern – zusammen mehr als eine halbe Billion Barrel nachgewiesener Vorräte: Für einen großen Führer einer großen Nation wäre das der Stoff für einen epochalen Triumph. Den größten aller Zeiten, würde Trump natürlich sagen.

Ein Mann, der überzeugt ist, „mehr zu wissen als die Generäle“, braucht keine Pläne. Er braucht nur seinen Instinkt. Schließlich, so seine Logik, sage ihm sein Bauch mehr als jedes fremde Gehirn.

Israels Schlag gegen Teheran, die Ausschaltung des Obersten Führers und mehrerer Spitzenfiguren des Regimes – all das schien zunächst aufzugehen. Es funktionierte, bis der Gegner plötzlich dort und auf eine Weise zurückschlug, wie er das nach dem Drehbuch der Selbstgewissen eigentlich gar nicht hätte tun dürfen. Die Führung in Washington war derart siegessicher, dass sie es nicht einmal für nötig hielt, amerikanische Zivilisten vor Beginn der Bombardements aus der Gefahrenzone zu bringen.

Trump erklärte den Sieg womöglich etwas vorschnell. „Nach der ersten Stunde war alles vorbei“, tönte er. Doch Iran erwies sich als erstaunlich zäh. Schwer getroffen – aber keineswegs erledigt. Spätestens Ende der zweiten Kriegswoche begann das ganze Konstrukt auseinanderzufallen.

Keine Strategie für die Straße von Hormus

Trump hatte offenkundig nicht damit gerechnet, dass Teheran die Straße von Hormus schließen und damit einen globalen Ölschock auslösen könnte. Plötzlich verlangte er von den Europäern und anderen Verbündeten, sie sollten gefälligst die wichtige Passage wieder freikämpfen. Die Antwort fiel sinngemäß aus: Danke, nein. Wer uns vor Kriegsbeginn nicht konsultiert, sollte hinterher nicht erwarten, dass wir seine Scherben zusammenkehren.

Der bockige Präsident reagierte mit halbgar klingenden Drohungen, sämtliche US-Truppen abzuziehen und den Rest der Welt sich selbst zu überlassen.

Auch innenpolitisch geriet die Lage ins Rutschen. Seine markigen Sprüche, er sei das viele Gewinnen schon leid, konnten nicht mehr kaschieren, dass die eigene Basis Risse bekam.

Der Knall, der bis weit über Washington hinaus zu hören war, kam ausgerechnet von Joe Kent – einem MAGA-Loyalisten, den Trump selbst zum Chef des National Counterterrorism Center machen wollte.

Kent erklärte, er könne Trumps Krieg „mit gutem Gewissen“ nicht unterstützen. Trotz aller gegenteiligen Beteuerungen des Präsidenten habe Iran „keine unmittelbare Bedrohung für unser Land“ dargestellt.

Kent, der in der Vergangenheit mit weißen Suprematisten und Neonazis in Verbindung gebracht wurde, gab anschließend den Juden die Schuld an diesem Krieg.

Für ihn sei „klar, dass wir diesen Krieg wegen des Drucks Israels und seiner mächtigen amerikanischen Lobby begonnen haben“. Es sei „dieselbe Methode, mit der die Israelis uns in den katastrophalen Irakkrieg hineingezogen haben“, wetterte er – jenen Krieg, der so viele Amerikaner das Leben kostete.

Ganz neu war dieser Vorwurf nicht. Bereits am 2. März, dem dritten Kriegstag, hatte Außenminister Marco Rubio Israel sprichwörtlich vor den Bus gestoßen.

Vor Reportern sagte er, man habe gewusst, dass es eine israelische Aktion geben werde – also habe den USA gar nichts anderes übrig geblieben, als Benjamin Netanjahu zu folgen.

Trump pfiff Rubio umgehend zurück und zog „Bibi“ wieder unter dem Bus hervor. Die Entscheidung zum Angriff habe er selbst getroffen, stellte er klar. Sollte der Krieg allerdings nicht so laufen, wie Trump sich das vorstellt, wird er früher oder später wieder jemanden brauchen, den er opfern kann.

Kent, christlicher Nationalist und Verschwörungsideologe, reiht sich damit in die Liste rechter Israel-Gegner ein, auf der längst Namen wie Tucker Carlson, Nick Fuentes, Candace Owens und Marjorie Taylor Greene stehen.

Die Zapfsäule wird zum politischen Gegner

Wirklich nervös wurde Trump, als der Benzinpreis die Marke von vier Dollar pro Gallone überschritt und innerhalb der Republikanischen Partei erste Bruchlinien sichtbar wurden. Die Leute spürten den Preisdruck, den Trumps Krieg ausgelöst hatte – und viele waren alles andere als begeistert, dass ihr Präsident neue Auslandskriege anfing, statt alte zu beenden.

Dann setzte der sogenannte TACO-Effekt ein – „Trump Always Chickens Out“. Trump begann, seine eigene Kriegsstrategie zu unterlaufen, indem er Iran de facto mehr Geld verschaffte, um neue Raketen zu bauen, und zugleich Russland half, das Iran wiederum dabei unterstützt, mehr Amerikaner zu töten oder zu verwunden.

Russland profitiert doppelt: Das zusätzliche Geld hilft Moskau nicht nur indirekt im iranischen Kriegsschauplatz, sondern verlängert dank Trumps Großzügigkeit auch Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine.

Mit der Lockerung der Ölsanktionen gegen beide Schurkenstaaten verschafft der Präsident Iran nach Einschätzung von Edward Fishman, dem Autor des Buches Chokepoints über Wirtschaftskrieg, sogar mehr Einnahmen, als Teheran einst aus den von Barack Obama aufgehobenen Sanktionen im Zuge des Atomabkommens von 2015 gewann – jenem Abkommen also, das Trump später selbst zerschlug.

Ja, die Benzinpreise werden wieder sinken. Aber nicht so schnell und nicht so stark, wie Trump es verspricht. Und viele andere Dinge werden vorerst teurer bleiben. Die Demokraten dürften daraus politisches Kapital schlagen – mit dem Thema Lebenshaltungskosten und mit ihrer Kampagne gegen die „Trump-Kriegssteuer“.

Kents spektakulärer Rückzug befeuerte zugleich die wachsende antisemitische Stimmung auf der Rechten, die Trump bislang geflissentlich zu übersehen versucht hat.

Das Gerede von der „jüdischen Schuld“ legte den Judenhass offen, der auf der Rechten, im MAGA-Milieu und unter den nativistischen „America First“-Predigern längst gärte. Gleichzeitig entlarvte es die Heuchelei der Regierung, deren vermeintliches Vorgehen gegen Antisemitismus in Wahrheit oft nur als transparenter Vorwand dient, um liberale Universitäten und Institutionen anzugreifen.

Blinder Gehorsam statt Eignung

Kent legte noch ein weiteres Problem offen, das dem Land gefährlich werden kann: die fahrlässige Personalauswahl. Bei der Besetzung von Posten in der Trump-Administration zählt offenkundig vor allem eines – bedingungslose Loyalität, nicht Qualifikation.

Diese Treue wird nicht nur von Bewerbern erwartet, sondern – noch alarmierender – auch von republikanischen Senatoren, die ihre verfassungsmäßige Pflicht, Kandidaten zu prüfen und zu bestätigen, faktisch aufgegeben haben.

Gelernt haben sie offenbar nichts. Wer daran noch Zweifel hatte, dem wurde sie zuletzt von Markwayne Mullin aus Oklahoma ausgetrieben: ein streitlustiger Ex-MMA-Kämpfer, den viele wegen mangelnder Erfahrung, fehlender Eignung und eines Temperaments mit eingebautem Kurzschluss für denkbar ungeeignet halten, das Amt des Heimatschutzministers zu übernehmen.

Er ist lediglich der jüngste Name auf einer beängstigend langen Liste unqualifizierter, unterdurchschnittlicher und potenziell gefährlicher Kabinettsmitglieder – von Robert F. Kennedy Jr. über Pete Hegseth, Pam Bondi, Howard Lutnick, Lee Zeldin, Tulsi Gabbard und John Ratcliffe bis zu Kari Lake und Kristi Noem, die nicht etwa wegen Inkompetenz gehen musste – was durchaus naheliegend gewesen wäre –, sondern weil sie Trump blamiert hatte.

Trump wollte die Fehler seiner ersten Amtszeit auf keinen Fall wiederholen – damals, als einige aufsässige Figuren ihren Amtseid tatsächlich ernst nahmen und die Frechheit besaßen, dem obersten Führer zu widersprechen. Jim Mattis, Mark Esper, Jeff Sessions, John Bolton, Rex Tillerson, John Kelly oder Dan Coats – solche Leute soll es diesmal nicht mehr geben. Wer der Macht die Wahrheit sagt, gilt im Trump-Kosmos als Verräter.

Während sich der Krieg hinzieht, hat Trump womöglich schon das nächste Ablenkungsmanöver gefunden – weg von dem, was inzwischen unter dem Schlagwort „Operation Epstein Fury“ kursiert. Sein Plan: ICE-Beamte, berühmt für Fingerspitzengefühl und Menschenfreundlichkeit, bei der Passagierkontrolle an stark frequentierten Flughäfen einzusetzen.