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Im Nahen Osten entsteht derzeit eine Lage, in der selbst das Wort „Frieden“ immer weniger noch Frieden bedeutet. Die diplomatische Betriebsamkeit rund um Iran wirkt nicht wie der Auftakt zu einer tragfähigen Lösung. Im Gegenteil: Sie erinnert zunehmend an eine kurze Atempause zwischen zwei Runden eines großen machtpolitischen Ringens, in dem jede Seite nicht so sehr den Konflikt beenden, sondern sich vor dem nächsten Schlag die bestmögliche Ausgangsposition sichern will.

Genau in diesem Licht ist auch der Entwurf eines 15-Punkte-Abkommens zu lesen, den Washington Teheran übermittelt hat, ebenso wie das Gerede über eine einmonatige Waffenruhe, die plötzlich gewachsene Rolle Pakistans, die Skepsis Israels und die nervöse Reaktion der iranischen Führung selbst.

Im Kern geht es um eines: Die USA versuchen, den Krieg in eine kontrollierbare Form zu überführen, ohne den strategischen Druck auf Iran auch nur im Ansatz aufzugeben. Das ist keine Diplomatie im klassischen Sinn. Es ist Druck, verkleidet als Diplomatie. Es ist der Versuch, militärische Gewalt, Sanktionsdrohung, Kontrolle über Seewege, Beschränkungen für Irans Raketenprogramm und den Rückbau seiner nuklearen Infrastruktur in ein einziges Konstrukt zu gießen, das sich der Welt dann als „Weg zum Frieden“ verkaufen lässt. Wer sich die amerikanischen Forderungen jedoch genauer ansieht, erkennt rasch: Hier liegt kein Kompromisspapier auf dem Tisch, sondern ein Forderungskatalog, der in Teheran zwangsläufig als Versuch gelesen wird, die Islamische Republik zu einer strategischen Selbstentwaffnung zu zwingen.

Die Handschrift Washingtons

Besonders wichtig ist in dieser Geschichte, wer in der Architektur des mutmaßlichen Deals überhaupt auftaucht. Nach vorliegenden Informationen gelten Steven Witkoff und Jared Kushner als zentrale Architekten des Plans. Ihre Rolle ist alles andere als zufällig. Witkoff ist Sondergesandter von US-Präsident Trump, also eine Figur, die nicht nur an die Diplomatie, sondern direkt an den politischen Willen des Weißen Hauses angebunden ist. Kushner wiederum gehört seit langem zum innersten Umfeld Trumps und ist seit Jahren mit den politischen Verwerfungen des Nahen Ostens befasst. Mit anderen Worten: Es geht hier nicht um eine technische Initiative des außenpolitischen Apparats, sondern um ein Projekt mit direkter Anbindung an die Präsidentenstrategie. Und diese Strategie ist von bemerkenswerter Kälte: erst Schock und Angst erzeugen, dann eine Pause anbieten und in genau dieser Pause eine neue politische Ordnung aufzwingen.

Was also bietet Washington konkret an? Auf den ersten Blick wirkt das Paket ausgewogen. Iran wird die Aufhebung sämtlicher Sanktionen in Aussicht gestellt, dazu amerikanische Unterstützung beim Ausbau des zivilen Atomprogramms in Buschehr und die Beseitigung der Gefahr einer Neuauflage des Sanktionsregimes. Für jede Volkswirtschaft, die über Jahre im Würgegriff steht, klingt das nach einem ernstzunehmenden Angebot. Für das iranische System, das seit Jahrzehnten unter massivem Druck lebt, sähe der Zugang zu Sanktionsfreiheit und zur internationalen Legitimierung der Kernenergie tatsächlich wie ein erheblicher Gewinn aus. Allerdings nur so lange, bis die zweite Hälfte des Pakets sichtbar wird: die amerikanischen Bedingungen.

Und diese Bedingungen laufen nicht auf eine Beilegung des Konflikts hinaus, sondern auf politische Entwaffnung. Washington verlangt, die Straße von Hormus als freie maritime Zone offenzuhalten. Es fordert Beschränkungen für Irans Raketenprogramm – sowohl bei Stückzahl und Reichweite als auch beim zulässigen Einsatz, der auf Selbstverteidigung begrenzt werden soll. Es verlangt den Rückbau des bereits aufgebauten nuklearen Potenzials, den vollständigen Verzicht auf jedwede Ambitionen im Bereich von Atomwaffen, ein Verbot der Urananreicherung auf iranischem Boden, die Übergabe sämtlichen angereicherten Materials an die IAEO nach abgestimmtem Zeitplan sowie die Zerstörung der Anlagen in Natans, Isfahan und Fordo. Hinzu kommen Transparenz unter Aufsicht der IAEO, die Abkehr von der Strategie bewaffneter Stellvertreter und das Ende von Finanzierung und Bewaffnung solcher Kräfte im Nahen Osten. Anders gesagt: Die USA verlangen von Iran nicht den Verzicht auf einen einzelnen Baustein seiner Politik, sondern faktisch auf das gesamte sicherheitspolitische Gerüst, auf dem die iranische Regionalstrategie der vergangenen Jahrzehnte beruht.

Die rote Linie Teherans

Genau deshalb lautet die eigentliche Frage im Moment nicht, ob ein Deal formal möglich wäre. Die zentrale Frage ist vielmehr: Kann das iranische Regime einem solchen Paket politisch und ideologisch überhaupt zustimmen? Raketen, nukleare Infrastruktur, das System der Proxys, strategische Tiefe in der Region – all das sind für Teheran keine dekorativen Accessoires und keine Verhandlungsmasse nach Belieben. Es ist das Fundament des eigenen Überlebens. Mit diesem Instrumentarium hat Iran die militärische Überlegenheit der USA und Israels, die Schwäche der eigenen Wirtschaft, den technologischen Rückstand und die internationale Isolation kompensiert. Wenn Teheran nun aufgefordert wird, auf Anreicherung zu verzichten, Material unter IAEO-Kontrolle abzugeben, Schlüsselanlagen zu schleifen und die Zusammenarbeit mit verbündeten bewaffneten Kräften in der Region einzustellen, dann verlangt man von ihm faktisch das Eingeständnis, dass die gesamte bisherige Linie ein Irrweg gewesen sei. Regime dieses Typs tun so etwas nur in zwei Fällen: nach einer vernichtenden Niederlage oder im Moment des inneren Zusammenbruchs. Weder das eine noch das andere ist derzeit zu erkennen.

Daraus erklärt sich auch die offenkundige Nervosität innerhalb des iranischen Lagers. Einerseits sickern Signale durch, Teheran habe angeblich dem Großteil der Vorschläge zugestimmt. Andererseits werfen iranische Funktionäre Trump offen vor, mit falschen Behauptungen über diplomatische Fortschritte den Ölpreis und die Börsenkurse manipulieren zu wollen. Diese Doppelbewegung ist äußerst aufschlussreich. Sie legt nahe, dass im iranischen System unterschiedliche Linien um die Deutungshoheit ringen: Ein Teil des Apparats lotet offenbar die Grenzen des taktisch Möglichen aus, ein anderer will unter allen Umständen verhindern, dass auch nur ein Hauch von Flexibilität als Schwäche ausgelegt wird. Iran kann es sich nicht leisten, wie eine Seite auszusehen, die zu Zugeständnissen gezwungen wurde. Schon gar nicht jetzt, da jede Konzession im Inneren sofort als Schaden für das Regime verbucht würde.

Deshalb ist bei Behauptungen, Iran sei bereit, den Großteil der Bedingungen zu akzeptieren, äußerste Vorsicht geboten. Selbst wenn Teile der Führung eine begrenzte taktische Verständigung in Erwägung ziehen, heißt das noch lange nicht, dass sie dem Abbau der strategischen Infrastruktur zustimmen. Eine vorübergehende Pause ist das eine. Die Zerstörung von Natans, Isfahan und Fordo ist etwas völlig anderes. Den Ton der öffentlichen Konfrontation abzusenken, ist das eine. Auf die Proxy-Architektur zu verzichten, die Teheran jahrzehntelang als äußerer Schutzschild und Druckmittel diente, ist etwas grundlegend anderes. Einer Kontrollformel zuzustimmen, ist das eine. Die Urananreicherung im eigenen Land zu verbieten, das andere. Genau an diesen Punkten liegt der eigentliche Nerv der Krise.

Trumps doppelte Strategie

Blickt man nach Washington, dann wirkt die Politik der Regierung von US-Präsident Trump auf den ersten Blick maximal widersprüchlich – und folgt doch einer eigenen Logik. Einerseits signalisiert das Weiße Haus Verhandlungsbereitschaft, übermittelt einen Plan, spricht über Gespräche, lässt Kontakte auf hoher Ebene zu und setzt nach „produktiven“ Unterredungen die Angriffe auf iranische Kraftwerke und Energieinfrastruktur für einige Tage aus. Andererseits verstärkt das Pentagon die militärische Präsenz im Nahen Osten und verlegt zusätzliche Kräfte in die Region. Washington bietet also gleichzeitig Frieden an und schärft die Instrumente des Krieges. Genau das ist der amerikanische Stil dieser Stunde: Verhandlungen nicht anstelle von Macht, sondern unter dem Schutzschirm von Macht; Diplomatie nicht als Alternative zur Eskalation, sondern als Werkzeug, um Eskalation zu steuern.

Entscheidend ist dabei die politische Mechanik Trumps. Für ihn ist der Krieg an sich nicht das Ziel. Das Ziel ist das Bild des Siegers, die Kontrolle über die Agenda, das Spiel mit den Märkten und die Wahrung seines Images als Führungsfigur, die Gegner zum Einlenken zwingt. Eben deshalb ist Trump so gefährlich: Er kann sich mit derselben Leichtigkeit für eine harte Eskalation entscheiden wie für einen medienwirksamen Kompromiss – je nachdem, was ihm politisch in diesem Moment nützlicher erscheint. In Washington werden auch demonstrativere Schritte erwogen, bis hin zum Einsatz besonders spektakulärer Machtmittel. Gerade das ist bezeichnend. Es zeigt, dass die Entscheidung weder endgültig zugunsten des Friedens noch zugunsten der Eskalation gefallen ist. Im Weißen Haus liegen beide Szenarien auf dem Tisch, und die Wahl wird davon abhängen, wie Teheran reagiert, wie Israel sich verhält, wie die Märkte laufen und wie hoch die politische Temperatur insgesamt steigt.

Pakistan drängt ins Zentrum

An genau dieser Stelle tritt eine der Schlüsselfiguren dieses geopolitischen Spiels auf den Plan: Pakistan. Islamabad hat nicht einfach nur Vermittlung angeboten. Vielmehr scheint das Land aktiv darauf hinzuarbeiten, sich als zentraler Kanal zwischen den USA und Iran zu etablieren. Premierminister Shehbaz Sharif erklärte, Pakistan sei bereit, zu substantiellen und endgültigen Verhandlungen beizutragen – also nicht zu einem bloßen Schaulaufen, sondern zu einer Lösung, die den schmerzhaftesten Punkt des Konflikts tatsächlich entschärfen könnte. Diese Formulierung ist alles andere als rhetorische Staffage. Sie zeigt, dass Pakistan nicht die episodische Rolle des Briefträgers anstrebt, sondern den Rang eines ernstzunehmenden politischen Brokers im größten Krisenherd der Region.

Warum ausgerechnet Pakistan? Erstens ist Teheran mit einigen anderen Vermittlern offenbar deutlich weniger zufrieden. Zweitens steht hinter Islamabad der Faktor China. Genau dieser Schatten Pekings macht die pakistanische Option für Iran potenziell attraktiver. Teheran kann darauf hoffen, dass ein Vermittler mit enger Bindung an China nicht bloß amerikanische Interessen transportiert, sondern auch als ausgleichendes Zentrum wirkt, das Washington von allzu groben Ultimaten abhält. Und schließlich hat Pakistan an einer Entspannung nicht aus abstrakten Gründen Interesse, sondern aus geradezu existenziellen. Zwischen 70 und 80 Prozent des Öls und das gesamte Flüssiggas gelangen über die Straße von Hormus ins Land. Jede länger andauernde Destabilisierung dieser Route wäre für Pakistan keine diplomatische Unannehmlichkeit, sondern eine direkte Bedrohung für Wirtschaft, Versorgungslage und innere Stabilität.

Gerade deshalb sollte man die pakistanische Vermittlung nicht unterschätzen. Islamabad handelt hier nicht aus Altruismus, sondern aus knallhartem Eigeninteresse. Würde Hormus blockiert, drohte Pakistan ein Energieschock. Sollte ein Krieg zwischen den USA und Iran die begrenzte Phase hinter sich lassen, geriete Pakistan selbst unter Druck – als Nachbar einer ausfransenden Krisenregion, als von maritimer Logistik abhängiges Land und als Staat, der seine Beziehungen zu China, den USA, der arabischen Welt und Iran in einer heiklen Balance halten muss. Daher rühren auch die Aktivität Shehbaz Sharifs und die wachsende Rolle des pakistanischen militärischen Establishments.

Besonders aufschlussreich ist, dass als möglicher Schlüsselfigur der Vermittlung nicht nur die zivile Führung Pakistans genannt wird, sondern auch der Oberbefehlshaber des Heeres, Syed Asim Munir. Das ist eine ganz andere Flughöhe. Wenn ein Mann dieses Ranges in ein solches Format einsteigt, dann geht es nicht mehr bloß um eine außenpolitische Episode, sondern um ein größeres Spiel, in dem Fragen der Sicherheit, strategischer Garantien, vertraulicher Kanäle und womöglich verdeckter Bedingungen verhandelt werden, die klassische Diplomaten so nicht formulieren können. Mehr noch: Über Pakistan könnte nach einigen Berichten sogar der amerikanische Plan selbst an Iran übermittelt worden sein. Sollte das zutreffen, fungiert Islamabad bereits jetzt als realer Kommunikationsknoten – und nicht bloß als Staat, der eine Bühne zur Verfügung stellt.

Ein weiterer bemerkenswerter Punkt ist die mögliche Rolle von US-Vizepräsident J. D. Vance. Sollte er im Falle von Gesprächen in Pakistan tatsächlich die amerikanische Delegation anführen, hätte das erhebliches Gewicht. Vance ist kein technischer Diplomat, sondern eine Figur von höchstem politischem Rang. Wenn das Weiße Haus ausgerechnet ihn entsendet, dann werden die Verhandlungen offenkundig als ernsthafter, potenziell historischer Wendepunkt begriffen – und nicht als Kontakt zweiter Ordnung. Zugleich würde eine solche Personalie zeigen, dass Washington die Gespräche unter strikter Kontrolle der ersten politischen Reihe halten will, statt sie vollständig dem diplomatischen Apparat zu überlassen. Auch das ist ein weiterer Hinweis darauf, dass ein Iran-Deal in Trumps Verständnis keine außenpolitische Routine wäre, sondern Teil einer großen politischen Inszenierung.

Israels Misstrauen wächst

Wenn Pakistan sich also mit Macht als Vermittler ins Spiel bringt und Washington versucht, Druck und Verhandlungen parallel zu fahren, dann blickt Israel auf das Ganze mit unverhohlener Skepsis. Genau hier verläuft der vielleicht wichtigste Riss innerhalb des antiiranischen Lagers. Für die USA könnte ein Abkommen mit Iran ein Weg sein, den Konflikt an einem kontrollierbaren Punkt einzufrieren, die Märkte zu stabilisieren, einen langen Krieg zu verhindern und Teheran dennoch harte Beschränkungen aufzuzwingen. Für Israel dagegen ist der jetzige Krieg im Grunde eine historische Ausnahmesituation – eine seltene Gelegenheit, Iran einen Schaden zuzufügen, der unter normalen Umständen kaum erreichbar wäre.

Die israelische Strategie wird in einschlägigen Analysen bemerkenswert unverblümt beschrieben: Vom ersten Tag an sei das Ziel gewesen, den iranischen Militärstrukturen maximalen Schaden zuzufügen – und zwar so lange, bis Trump das Signal zum Abbruch gebe. In Jerusalem war demnach von Anfang an klar: Dieses Zeitfenster ist begrenzt, also muss es schnell, kompromisslos und mit maximaler Härte genutzt werden.

Die israelische Logik ist dabei von kalter Nüchternheit. Solange die USA direkt eingebunden sind, solange amerikanische Tankflugzeuge in der Luft operieren, Echtzeit-Geheimdienstinformationen fließen, Munition in großem Umfang geliefert wird und die US-Luftwaffe faktisch Teil des Gesamtbildes ist, erlebt Israel eine beinahe beispiellose Lage. Aus israelischer Sicht ist die jetzige Phase eben nicht bloß ein weiterer Schlagabtausch und auch keine begrenzte Operation mit engem Mandat. Es ist der Moment, in dem sich die gesamte Bedrohungslage neu vermessen und womöglich dauerhaft verschieben lässt. Daher auch der Zeitdruck. Daher das Drängen, prioritäre Ziele in Natans, Isfahan und Fordo möglichst rasch zu treffen, bevor Trump sich womöglich entscheidet, die Operation abzuwürgen.

Benjamin Netanjahu, so ist in zahlreichen Einschätzungen offen zu lesen, treibt vor allem eine Sorge um: dass Trump am Ende ein Abkommen schließen könnte, das den israelischen Zielen nicht entspricht, erhebliche Zugeständnisse enthält und Israels Handlungsspielraum gegenüber Iran spürbar einengt. Genau darin liegt die eigentliche Sollbruchstelle dieses Bündnisses. Washington denkt in Kategorien des steuerbaren Resultats. Israel denkt in Kategorien maximaler strategischer Ausnutzung militärischer Überlegenheit. Die USA könnten es für sinnvoll halten, einen Zwischenerfolg politisch zu fixieren und ihn als diplomatischen Durchbruch zu verkaufen. Israel fürchtet genau dieses Szenario – weil ein Zwischenerfolg aus seiner Sicht in Wahrheit eine unvollendete Operation bedeuten könnte. Und eine unvollendete Operation hieße im Fall Iran: rekonstruierte Kapazitäten, wiederbelebte Raketenprogramme, regenerierte Proxy-Netzwerke – und in ein paar Jahren die nächste, womöglich noch gefährlichere Kriegsrunde.

Darum ist die Skepsis Jerusalems gegenüber Gesprächen mit Teheran nur folgerichtig. In der israelischen Kalkulation käme eine freiwillige Zustimmung Irans zur Liquidierung seines Raketenprogramms und zur Aufgabe seiner Stellvertreterstrukturen einem politischen Selbstmord des Ajatollah-Regimes gleich. Auf eine derartige Kapitulation zu setzen, gilt dort als naiv. Daraus zieht Israel eine harte Schlussfolgerung: Die entscheidende Variable ist nicht der gute Wille Teherans, sondern der reale, physische Schaden, der dem Machtapparat des Regimes zugefügt werden kann. Deshalb richtet sich der Fokus auf die Infrastruktur der Revolutionsgarden, auf Lager, Produktionsstätten und jene Komplexe, deren Zerstörung nicht nur Irans äußere Aggressionsfähigkeit schwächt, sondern zugleich die innere Stabilitätsreserve des Systems angreift. In der israelischen Logik gilt: Wer die militärische Maschine zerlegt, reduziert nicht nur den äußeren Druck, sondern macht Iran auch innenpolitisch verwundbarer.

Die Waffenruhe als trügerische Pause

Vor diesem Hintergrund bekommt auch das Gerede über eine einmonatige Waffenruhe eine völlig andere Bedeutung. Es geht nicht um eine humanitäre Unterbrechung und schon gar nicht um die Frucht eines gereiften Kompromisses. Eine solche Pause wäre vielmehr ein Instrument zur Neuaufstellung, zur politischen Druckausübung, zu Verhandlungen über Bedingungen, die in Teheran nur als Kapitulationsformel gelesen werden können, und zum Kampf um die Deutungshoheit über das, was gerade geschieht.

Für Washington wäre ein Waffenstillstand die Chance, die Lage als kontrollierbar darzustellen und aus einer Position der Stärke in den nächsten Verhandlungsschritt zu gehen. Für Iran wäre er eine Möglichkeit, die schmerzhafteste Phase der Angriffe zu stoppen, ohne öffentlich eine Niederlage eingestehen zu müssen. Für Pakistan wäre er ein Weg, eine größere Katastrophe rund um die Straße von Hormus abzuwenden und sich zugleich als unentbehrlicher Vermittler zu profilieren. Für Israel dagegen wäre dieselbe Pause hochgefährlich – weil sie womöglich genau den Moment vereiteln würde, in dem kritische iranische Kapazitäten endgültig zerstört werden könnten.

Vier Akteure, ein und dieselbe Formel – und doch vier völlig unterschiedliche Zielsetzungen. Wenn aber dieselben Verhandlungen von den Beteiligten für grundsätzlich verschiedene Zwecke gebraucht werden, dann sinken die Chancen auf ein belastbares Abkommen rapide.

Hormus – der eigentliche Nerv des Konflikts

Besondere Bedeutung kommt dabei der Straße von Hormus zu. Die amerikanische Forderung, sie als freie maritime Zone offenzuhalten, ist keineswegs ein technischer Nebensatz. Im Gegenteil: Sie gehört zu den neuralgischen Punkten des gesamten Pakets. Hormus ist die Schlagader des globalen Energiemarktes – und zugleich einer der wichtigsten Hebel iranischer Machtprojektion. Solange Teheran in der Lage ist, diese Route zu bedrohen, kann es die Ölmärkte, die Importstaaten, die Golfnachbarn und das gesamte Geflecht maritimer Lieferketten unter Spannung halten.

Genau deshalb steht Hormus auf der amerikanischen Liste zentraler Bedingungen. Genau deshalb verfolgt Pakistan jede Eskalation dort mit äußerster Nervosität. Und genau deshalb werden Äußerungen aus Teheran – oder schon bloße Andeutungen über mögliche Schritte – nicht als regionale Episode verstanden, sondern sofort als Faktor von globalem Gewicht.

Vier Strategien, ein Krisenherd

Am Ende sehen wir keinen Friedensprozess, sondern das Aufeinanderprallen von vier strategischen Linien.

Die erste ist die amerikanische. Ihr Kern besteht darin, militärische Überlegenheit und internationalen Druck in ein Abkommen umzuwandeln, das Iran maximal schwächt, Washington aber vor den Kosten und Unwägbarkeiten eines großen Krieges bewahrt. Das Weiße Haus will einen Frieden, nach dem Iran massiv eingeschränkt ist, die USA ihr Gesicht wahren, die Märkte sich beruhigen und Trump sich als der Mann inszenieren kann, der zuerst Stärke demonstrierte und dann das Ergebnis erzwang.

Die zweite ist die iranische. Ihr Ziel ist nicht, die USA oder Israel im direkten Sinn zu besiegen. Es geht darum, die Phase des maximalen Drucks zu überstehen, ohne die tragenden Säulen des Regimes preiszugeben, ohne einer demütigenden Formel zuzustimmen und ohne dem Gegner die Möglichkeit zu geben, eine taktische Pause als strategische Kapitulation umzudeuten. Daher das Abstreiten substanzieller Verhandlungen, daher die Vorwürfe der Manipulation von Ölpreisen, daher vermutlich auch der Versuch, Zeit zu gewinnen und gleichzeitig auszuloten, wie weit Washington tatsächlich zu gehen bereit ist.

Die dritte ist die pakistanische. Islamabad will nicht einfach nur Frieden. Es will einen Frieden, der die eigene Energiesicherheit schützt, das geopolitische Gewicht des Landes erhöht und Pakistan als anerkannten Vermittler in einer der zentralen Krisen der Region etabliert. Dass China im Hintergrund als Faktor mitspielt, macht diesen Kanal für Teheran nur noch attraktiver. Und dass dabei Namen wie Shehbaz Sharif und Syed Asim Munir auftauchen, zeigt, dass Pakistan die Sache nicht improvisiert, sondern auf allen Ebenen systematisch betreibt.

Die vierte ist die israelische. Für Jerusalem ist dieser Krieg ein historisches Fenster. Israel glaubt nicht daran, dass Iran freiwillig auf die Grundpfeiler seiner Macht verzichtet. Also will es den seltenen Moment maximaler amerikanischer Einbindung nutzen, um einen Schaden anzurichten, nach dem selbst eine spätere diplomatische Lösung Teheran nicht mehr in seine frühere Position zurückführen kann. Genau deshalb wird jede amerikanische Neigung zum Kompromiss in Israel als Bedrohung der eigenen strategischen Ziele wahrgenommen.

Frieden als Fortsetzung des Krieges

Und genau deshalb ist der gegenwärtige Moment so gefährlich. Formal wird über Frieden gesprochen. Tatsächlich aber versucht jede Seite, die Verhandlungen als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln zu benutzen. Die USA wollen militärischen Druck politisch zu Geld machen. Iran will die härteste Phase überstehen, ohne irreversible Zugeständnisse zu machen. Pakistan will einen Energieschock verhindern und seine eigene Rolle ausbauen. Israel wiederum will nicht zulassen, dass die Diplomatie die Zerstörung iranischer Militärinfrastruktur vorzeitig stoppt.

Unter diesen Bedingungen würde selbst ein zustande gekommenes Abkommen den Konflikt kaum beenden. Wahrscheinlicher ist, dass es ihm lediglich eine neue Form gäbe. Denn keine der grundlegenden Ursachen verschwindet. Washington traut Teheran nicht. Teheran traut Washington nicht. Israel hält diplomatische Garantien nicht für ausreichend. Und Pakistan kann nicht garantieren, dass seine Vermittlung am Ende stärker sein wird als die widerstreitenden Interessen aller übrigen Akteure. Jede Waffenruhe wäre daher fragil, nervös und von tief sitzendem Misstrauen überladen.

Darum lautet die entscheidende Frage heute nicht: Wird es einen Deal geben? Die eigentliche Frage ist viel beunruhigender: Was genau beabsichtigt jede Seite in jener kurzen Pause zu tun, die die Welt womöglich schon für Frieden halten wird? Denn im Nahen Osten ist die Pause oft nicht das Ende des Krieges – sondern seine gefährlichste Phase: jene Phase, in der nach außen noch gelächelt wird, während hinter den Kulissen der nächste Schlag bereits kalkuliert wird.

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