Die größte Illusion eines Krieges, der mit Raketen und Bombardements beginnt, ist der Glaube, technologische Überlegenheit lasse sich automatisch in einen politischen Sieg ummünzen. Die Geschichte widerlegt diese Logik fast immer. Lagerhäuser, Hauptquartiere, Flugplätze, Brücken, Kraftwerke und Ölinfrastruktur kann man zerstören. Einen Staat als politischen Organismus zu brechen, ist unvergleichlich schwieriger. Und ein Regime wie das iranische allein mit Luftmacht zu Fall zu bringen, ist nahezu ausgeschlossen.
Genau an dieser harten Realität stoßen die USA und Israel im Krieg gegen Iran nun an. Vier Wochen nach Beginn der Kampagne wird immer deutlicher: Selbst tiefes Eindringen in den iranischen Luftraum, selbst verheerende Schläge gegen militärische und energetische Ziele, selbst die Ausschaltung eines Teils der Führungsspitze haben das Konstrukt der Islamischen Republik nicht zum Einsturz gebracht. Im Gegenteil: Das System hat seine wichtigste Eigenschaft gezeigt, die ideologisierte und militarisierte Ordnungen in Krisenzeiten auszeichnet – die Fähigkeit, Führungsebenen rasch zu ersetzen und Ressourcen unter äußerem Druck zu mobilisieren. Darauf weist auch aktuelle westliche Analyse ausdrücklich hin: Das iranische Herrschaftsmodell ist nach den Angriffen nicht zerfallen, sondern hat sich noch stärker in Richtung des harten Machtkerns verschoben – vor allem zugunsten der Revolutionsgarden.
Das Paradox besteht darin, dass mit jeder Intensivierung des Luftkriegs das ursprüngliche politische Ziel immer blasser wirkt – sofern es tatsächlich „Regimewechsel“ lautet. Ein Luftkrieg kann schwächen, isolieren, zermürben, demoralisieren und desorganisieren. Er ersetzt aber fast nie die Besetzung von Territorium, die Kontrolle über Verwaltungszentren, die Zerschlagung des Sicherheitsapparats und die physische Verdrängung der herrschenden Elite aus dem gesamten Steuerungsmechanismus. Mit anderen Worten: Bomben können Infrastruktur vernichten, aber keine neue Herrschaftsordnung erschaffen.
Im Fall Iran ist genau das entscheidend. Es geht hier nicht um eine personalistische Diktatur, in der der Tod eines einzelnen Führers automatisch die gesamte Vertikale kollabieren lässt. Iran ist ein komplexes, vielschichtiges und institutionell abgesichertes System, in dem Ideologie, Geheimdienste, schiitische Einflussnetzwerke, die Revolutionsgarden, die religiöse Bürokratie und wirtschaftliche Machtcliquen zu einem einzigen Mechanismus verwoben sind. Selbst nach der Ausschaltung zentraler Figuren funktioniert dieser Apparat weiter: Gesichter wechseln, der Kern bleibt. Eben deshalb wirkt die Hoffnung auf einen spontanen Machtzerfall nach einer Serie präziser Schläge nicht wie Strategie, sondern wie Selbsttäuschung.
Die amerikanische Militärgeschichte liefert dafür denkbar klare Lehrstücke. In Vietnam zwangen massive Bombardements Nordvietnam weder zur Kapitulation noch führten sie zu einer politischen Wende zugunsten Washingtons. 1991 führte die Zerschlagung der irakischen Armee in Kuwait nicht zum Sturz Saddam Husseins. Mehr noch: Als Washington die Iraker faktisch zum Aufstand ermunterte und ihnen anschließend keine reale Unterstützung gab, konnte das Regime die Revolte in Blut ersticken. 2003 wurde Saddam nur deshalb gestürzt, weil auf die Luftkampagne eine groß angelegte Bodeninvasion und die Besatzung des Landes folgten. Doch auch dieser „Sieg“ mündete in jahrelange Destabilisierung, gewaltige menschliche Verluste und strategische Erschöpfung der USA selbst. Nach Daten des Costs-of-War-Projekts der Brown University haben die von den USA nach dem 11. September begonnenen Kriege enorme zivile Opferzahlen und millionenfache Vertreibung verursacht; Irak war eines der verheerendsten Kapitel dieser Epoche.
Gerade deshalb wirkt die These vom „Regimewechsel aus der Luft“ im Fall Iran noch unrealistischer als einst im Irak. Iran ist flächenmäßig um ein Mehrfaches größer, topografisch komplizierter, strategisch tiefer gestaffelt, ideologisch dichter mobilisiert und im Aufbau seines Sicherheitsstaates robuster. Selbst wenn man die Stärke der Revolutionsgarden mit rund 200.000 Mann ansetzt, liegt das Problem nicht nur in der Zahl. Das Problem ist, dass es sich eben nicht bloß um ein militärisches Kontingent handelt, sondern um das Skelett des Regimes – fest eingebaut in Wirtschaft, Spezialoperationen, innere Repression und externe Stellvertreternetzwerke. Ein solches System aus der Distanz zu zerschlagen, ist illusorisch.
Daraus ergibt sich das zentrale strategische Dilemma. Wenn die Luftkampagne nicht zum Sturz des Regimes führt, bleiben Washington und Tel Aviv nur drei Szenarien – und jedes ist schlechter als das vorherige.
Das erste ist die endlose Eskalation der Schläge. Das hieße: weitere Zerstörung von Energieversorgung, Logistik, Rüstungsindustrie und urbaner Infrastruktur Irans – in der Hoffnung, dass das System irgendwann Risse bekommt. Doch dieser Weg verwandelt den Krieg fast zwangsläufig in einen langwierigen Abnutzungskampf ohne Garantie auf ein politisches Ergebnis. Mehr noch: Jede neue Angriffswelle erweitert den Spielraum für iranische Gegenmaßnahmen – von Raketenangriffen und Sabotageakten bis hin zu Schlägen gegen Öl- und Gasinfrastruktur in der gesamten Region.
Das zweite ist die Wette auf einen inneren Aufstand. Aber auch das wirkt höchst fragwürdig. Wird ein Land von außen angegriffen, bekommt selbst ein von Teilen der Gesellschaft verhasstes Regime die Chance, sich als einziger Verteidiger nationaler Souveränität in Szene zu setzen. In der politischen Soziologie heißt das „Rally-round-the-flag-Effekt“. Im Nahen Osten bedeutet es meist etwas sehr Konkretes: Äußere Bombardements helfen Regimen fast immer dabei, die Opposition als Handlanger des Feindes zu brandmarken. Im Iran ist das besonders brisant. Unzufriedenheit in der Gesellschaft mag vorhanden sein – unter Raketenbeschuss verwandelt sie sich aber keineswegs automatisch in Revolution. Häufiger kippt sie in Angst, Mobilisierung und verschärfte Repression.
Das dritte Szenario ist eine Bodenoperation. Doch ausgerechnet sie ist zugleich das unwahrscheinlichste und das gefährlichste. Schon jetzt verstärken die USA ihre militärische Präsenz in der Region: Nach Reuters wurden zusätzliche Marineinfanteristen in das Krisengebiet verlegt, darunter rund 2.500 Soldaten und amphibische Mittel; AP berichtet zudem von weiteren Kräften auf Amphibienschiffen, während die gesamte US-Präsenz in der Region auf mehr als 50.000 Soldaten geschätzt wird. Doch die Verlegung von Marines bedeutet für sich genommen noch lange keine Bereitschaft zur Invasion. Sie spricht eher für den Aufbau einer Reserve für begrenzte Operationen, den Schutz von Basen, Evakuierungen, die Kontrolle maritimer Routen oder eine Machtdemonstration. Ein vollwertiger Besatzungskrieg gegen Iran würde dagegen Ressourcen und politischen Willen erfordern, die nicht mit dem Irak von 2003, sondern mit einem weitaus größeren und riskanteren Unterfangen vergleichbar wären.
Und genau hier liegt die eigentliche Gefahr: Ein Krieg, den man nicht schnell gewinnen kann, beginnt nach den Gesetzen der Eskalationsdynamik zu leben. Zuerst trifft es ein militärisches Ziel. Dann die Energieinfrastruktur. Dann schlägt der Gegner gegen regionale Infrastruktur zurück. Danach stellt sich die Frage nach dem Schutz der Seewege. Dann werden Drittstaaten, Verbündete, Ölmomarchien und internationale Koalitionen hineingezogen. Was gestern noch als „begrenzte Operation“ verkauft wurde, droht heute bereits in eine mehrstufige Regionalkrise mit globalen ökonomischen Folgen umzuschlagen.
Ein Blick auf die Straße von Hormus genügt. Nach Angaben der US-Energieinformationsbehörde flossen 2024 täglich rund 20 Millionen Barrel Öl durch diese Meerenge – also ungefähr ein Fünftel des weltweiten Verbrauchs an flüssigen Kohlenwasserstoffen. Die Internationale Energieagentur bewertete die Bedeutung der Passage im Februar 2026 noch schärfer: ebenfalls etwa 20 Millionen Barrel pro Tag, damit rund ein Viertel des globalen seewärtigen Ölhandels und zudem fast ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels. Reuters und andere Quellen halten bereits fest, dass der laufende Krieg den Transit durch Hormus massiv gestört hat. Bahrain brachte im UN-Sicherheitsrat sogar einen Resolutionsentwurf ein, der den Schutz der Schifffahrt „mit allen erforderlichen Mitteln“ fordert. Das ist längst kein lokaler Krieg mehr. Das ist ein direkter Schlag gegen eine der Hauptschlagadern der Weltwirtschaft.
Die Folgen lassen sich schon jetzt nicht mehr nur in militärischen Lageberichten messen, sondern in Preisen, Lieferketten, Inflation und blanker Nervosität an den Märkten. Reuters meldete am 23. und 24. März, dass Brent im Zuge des Krieges und der Drohung weiterer Eskalation zeitweise über 110 Dollar pro Barrel sprang, während WTI an die Marke von 100 Dollar heranrückte. Und dann genügte ein einziger verbaler Schwenk: Schon die Worte von US-Präsident Donald Trump über eine mögliche Pause und diplomatische Optionen ließen den Ölpreis an nur einem Tag um mehr als zehn Prozent abrutschen. Allein diese Volatilität zeigt, wie gewaltig das Risiko inzwischen ist. Der Markt reagiert nicht auf echte Stabilisierung, sondern auf jedes nervöse politische Signal. Goldman Sachs hat seine Prognose für den durchschnittlichen Brent-Preis 2026 bereits auf 85 Dollar angehoben und in einem Stressszenario sogar einen Sprung auf 135 Dollar pro Barrel für möglich erklärt. Übersetzt heißt das: Selbst wenn der Krieg nicht in eine groß angelegte Invasion mündet, ist er längst zu einem dauerhaften Risikoaufschlag für die gesamte Weltwirtschaft geworden.
Die Internationale Energieagentur zeichnet ein noch düstereres Bild. Nach ihren aktuellen Daten ist die Welt bereits mit dem Ausfall von 11 Millionen Barrel Öl pro Tag konfrontiert, während sich die Verluste auf dem Gasmarkt auf 140 Milliarden Kubikmeter summieren. Die Agentur war bereits an einer beispiellosen Freigabe von 400 Millionen Barrel aus den strategischen Reserven der Mitgliedstaaten beteiligt. Japan wiederum bestätigte erst in dieser Woche weitere Freisetzungen aus seinen Beständen, darunter staatliche und gemeinsame Reserven. Mit anderen Worten: Der Krieg gegen Iran hat die rein militärische Ebene längst hinter sich gelassen und den empfindlichsten Nerv der Globalisierung getroffen – die energiepolitische Berechenbarkeit.
Doch selbst das ist noch nicht das ganze Problem. Ein Luftkrieg, der sich in die Länge zieht, stärkt fast immer die Radikalen auf beiden Seiten der Front. In Iran festigt er jene Kräfte, die einen Kompromiss mit dem Westen schon immer für strategischen Selbstmord hielten. In Israel und den USA wiederum wächst der Druck derer, die noch härtere Maßnahmen verlangen. Das Ergebnis ist fatal: Der Raum für Diplomatie wird nicht größer, sondern enger. Das Regime, das man schwächen wollte, könnte am Ende militarisierter, abgeschotteter und repressiver aus diesem Krieg hervorgehen als zuvor. Genau darin liegt das eigentliche Paradox einer Gewaltkampagne ohne klares politisches Endspiel: Sie löst das Problem nicht, sie verwandelt es in eine noch gefährlichere Form.
Was hieße hier überhaupt „Sieg“?
Gerade deshalb verlangt jede Rede von einem „Sieg“ in diesem Krieg ein Höchstmaß an intellektueller Redlichkeit. Was soll als Sieg gelten? Die Zerstörung eines Teils der nuklearen Infrastruktur? Die Schwächung des Raketenprogramms? Eine vorübergehende Einschränkung der iranischen Exportfähigkeit? All das ist denkbar. Aber wenn das erklärte oder stillschweigend mitgemeinte Ziel ein Regimewechsel ist, dann bleibt dieses Ziel ohne eine gewaltige Bodenoperation unerreichbar. Und wenn eine solche Operation außer Reichweite liegt, verwandelt sich der Luftkrieg in einen teuren, zerstörerischen und politisch immer schwerer kontrollierbaren Prozess.
Die USA und Israel stoßen heute nicht nur an Iran, sondern an eine tiefere Grenze ihrer eigenen Strategie. Diese Grenze heißt: Politik lässt sich nicht durch Technologie ersetzen. Flugzeuge, Raketen, Drohnen, Cyberoperationen und Schläge aus der Distanz können das Gefüge eines Staates zerreißen. Aber sie können aus eigener Kraft keine neue Legitimität an seine Stelle setzen. Und wo keine neue Legitimität entsteht, wächst entweder Chaos, oder ein noch härteres Regime, oder ein endloser Abnutzungskrieg.
Genau darauf läuft der gegenwärtige Konflikt hinaus. Nicht auf eine schnelle Entscheidung, nicht auf einen chirurgisch sauberen Sieg und schon gar nicht auf ein spektakuläres Finale, sondern auf das gefährliche Szenario einer langwierigen, zermürbenden Konfrontation, in der jeder neue Schlag keine Lösung näherbringt, sondern den Radius der Katastrophe weiter vergrößert. Darin liegt die eigentliche Quintessenz: Die Luftmacht der USA und Israels mag gewaltig sein. Ihre politische Allmacht aber ist ein Mythos. Und je länger dieser Mythos die Strategie bestimmt, desto teurer wird die Kollision mit der Realität für die ganze Welt.