Nach dem Scheitern eines möglichen Blitzkriegs gegen Iran könnte Washington nun auf einen „Plan B“ setzen – den kurdischen Faktor. Gemeint sind dabei nicht nur iranisch-kurdische Gruppierungen, sondern auch Kräfte aus dem benachbarten Irak, die die Vereinigten Staaten im Ernstfall in eine antiranische Kampagne hineinzuziehen versuchen könnten.
Doch was auf dem Papier wie eine elegante strategische Konstruktion wirkt, zerschellt in der Realität an harten politischen, ideologischen, historischen und ethnischen Grenzen. Die tiefe Fragmentierung der kurdischen Kräfte, ihre inneren Fehden, das Misstrauen gegenüber den USA, Konflikte mit monarchistischen Oppositionskreisen sowie die territorialen Ambitionen radikaler Organisationen machen diese Strategie nicht nur riskant, sondern potenziell explosiv – insbesondere für den Nordwesten Irans.
Besonders entscheidend ist ein Punkt: Kurdische militante Organisationen – allen voran die PKK, ihr iranischer Ableger PJAK sowie Netzwerke rund um „Komala“ – sehen die aktuelle Krise nicht nur als Gelegenheit, Teheran unter Druck zu setzen. Sie begreifen sie auch als Chance, ihr eigenes Projekt eines sogenannten „Rojhalat“ oder „Ostkurdistan“ voranzutreiben. In kurdisch-nationalistischen und linksradikalen Diskursen bezeichnet dieser Begriff einen breiten Gürtel nordwestiranischer Gebiete, darunter auch Regionen mit historisch gewachsener aserbaidschanischer Bevölkerung. In der politischen Terminologie ist „Rojhalat“ längst ein feststehender Begriff für die iranische Dimension des kurdischen Nationalprojekts, und PJAK operiert offen innerhalb dieses ideologischen Rahmens.
Ein gefährlicher Bruch: Wenn Geopolitik zur Territorialfrage wird
Hier verläuft eine der gefährlichsten Bruchlinien der gesamten Entwicklung. Denn es geht längst nicht mehr nur um Widerstand gegen das Regime der Ajatollahs oder um den Versuch Washingtons, eine zusätzliche Front gegen Teheran zu eröffnen. Unter dem Deckmantel eines antiranischen Krieges könnten kurdische Akteure versuchen, Gebiete zu kontrollieren, die in Südaserbaidschan als historisch aserbaidschanisch gelten. Besonders betroffen wäre der westaserbaidschanische Gürtel Irans – eine Region mit komplexer ethnischer und demografischer Struktur, in der jede Form ethnopolitischer Grenzverschiebung zwangsläufig zulasten der aserbaidschanischen Bevölkerung ginge.
Selbst externe Analysen räumen ein, dass kurdische Bewegungen zum „Rojhalat“ nicht nur die klassischen kurdischen Provinzen wie Kurdistan, Kermanschah und Ilam zählen, sondern auch kurdisch besiedelte Teile der Provinz Westaserbaidschan. Für Südaserbaidschan ist dies keine abstrakte geopolitische Debatte, sondern eine existentielle Frage: Droht im Schatten eines großen Krieges eine neue Kartografie, die die reale ethnodemografische Struktur der Region verdrängt?
Genau deshalb muss die Diskussion darüber, ob Trump die Kurden gegen Teheran einsetzen könnte, um eine entscheidende Dimension erweitert werden: Wen genau wollen die USA bewaffnen – und mit welchen politischen Landkarten im Kopf operieren diese Kräfte?
Parallelen zu anderen Kriegen – und ihre Grenzen
Der aktuelle amerikanisch-israelische Krieg gegen Iran weist in mehreren Punkten bemerkenswerte Parallelen zu einem anderen Konflikt auf – dem russischen Krieg gegen die Ukraine. Erstens fehlte auch in Washington offenbar ein belastbarer Plan B für den Fall, dass der Gegner nicht binnen Tagen kollabiert. Zweitens greift man, ähnlich wie einst in Moskau, zu sprachlichen Beschönigungen: Aus Krieg werden „begrenzte Militäroperationen“.
Und wie Wladimir Putin einst auf eine Spaltung der ukrainischen Gesellschaft setzte, versucht Donald Trump heute, mit Hilfe kurdischer Kräfte den Kriegsverlauf zu beeinflussen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Teile der Kurden darauf eingehen, ist durchaus höher als die damaligen Erwartungen des Kremls an einen inneren Zusammenbruch der Ukraine. Doch daraus ergibt sich noch lange keine Garantie für einen strategischen Durchbruch.
Am 3. März 2026, am vierten Tag des Krieges, telefonierte Donald Trump mit Mustafa Hidschri, einer prominenten Figur der iranisch-kurdischen Politik. Kurz zuvor hatte dieser eine Koalition politischer Kräfte des iranischen Kurdistans ins Leben gerufen. Diese rief in ihrer ersten Erklärung zu zivilem Widerstand auf und forderte Militärs sowie Sicherheitskräfte zum Bruch mit dem Regime auf – andernfalls drohe ihnen der Verlust ihrer Existenz.
Berichten zufolge drängte Trump Hidschri, von Worten zu Taten überzugehen und einen bewaffneten Aufstand zu initiieren. Ähnliche Botschaften gingen auch an kurdische Führer im Irak – verbunden mit dem Versprechen von Waffen, Geheimdienstunterstützung und Luftdeckung. Hinter verschlossenen Türen soll der Ton dabei deutlich schärfer gewesen sein: Unterstützung oder Einstufung als Verbündete Teherans.
Die Illusion der Einheit
Die amerikanische Strategie ist klar: kurdische Kräfte sollen, unterstützt durch US-Waffen und Luftmacht, einen Aufstand im Nordwesten Irans entfachen und eine Kettenreaktion im gesamten Land auslösen. Ein Szenario wie aus dem Lehrbuch – wäre da nicht die Realität.
Denn die neu formierte kurdische Koalition ist ein Zweckbündnis unter enormem Zeitdruck, entstanden nach der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste im Winter 2025. In ihr finden sich Akteure, die nicht nur keine natürlichen Verbündeten sind, sondern eine lange Geschichte blutiger Konflikte miteinander haben.
Zwar betonen ihre Vertreter heute den Willen zur Zusammenarbeit – für einen säkularen Staat und eine kurdische Autonomie. Doch die alten Wunden sind nicht verheilt. Nationalistische Kräfte stehen marxistischen Gruppen gegenüber, die USA und Israel nicht als Partner, sondern als imperialistische Gegner betrachten.
Die Demokratische Partei Kurdistans im Iran und die marxistische „Komala“ mögen heute Seite an Seite stehen – in den 1980er- und 1990er-Jahren führten sie de facto Krieg gegeneinander. Diese Vergangenheit wirkt bis heute nach. Hinzu kommen interne Machtkämpfe innerhalb einzelner Organisationen, die immer wieder in Gewalt umschlagen.
Noch gravierender: Teile der „Komala“ lehnen eine Instrumentalisierung durch die USA strikt ab. Sie warnen davor, dass ein Bündnis mit externen Mächten die kurdischen Gebiete zum Schauplatz eines regionalen Großkonflikts machen könnte. Ihr Credo: Wenn Kampf gegen Teheran, dann aus eigener Kraft.
Militärische Realität statt strategischer Wunschbilder
Auch militärisch bleibt das Szenario fragil. Die Gesamtstärke der kurdischen Kräfte in dieser Konstellation wird auf 4.000 bis 8.500 Kämpfer geschätzt – mit begrenzter Kampferfahrung. Dem gegenüber steht ein iranischer Machtapparat mit Hunderttausenden Kräften: Revolutionsgarden, Armee, Polizei und Sicherheitsdienste.
Ohne externe Unterstützung erscheint ein erfolgreicher Aufstand unrealistisch – was erklärt, warum Washington auch auf irakische Kurden setzt. Doch genau hier öffnet sich eine weitere kritische Front.
Südaserbaidschan im Fadenkreuz
Denn viele kurdische Organisationen betrachten den Nordwesten Irans nicht nur als Aufstandsgebiet, sondern als Teil ihres nationalen Projekts. Sollte amerikanische Unterstützung in diese Richtung wirken, träfe der Schlag nicht nur Teheran, sondern auch das fragile ethnische Gleichgewicht in Regionen mit aserbaidschanischer Bevölkerung.
Im Zentrum steht die Provinz Westaserbaidschan. Für Aserbaidschaner ist sie Teil ihres historischen Raums – auch wenn sie politisch zu Iran gehört. In kurdischen Narrativen jedoch tauchen Städte wie Urmia, Salmas, Choy, Naqadeh oder Mahabad immer wieder als Bestandteile eines zukünftigen „Rojhalat“ auf.
Territoriale Visionen und ethnische Spannungen
Für viele Aserbaidschaner bedeutet diese Perspektive keine Emanzipation, sondern eine Form territorialer Expansion. Es geht um Regionen, in denen Aserbaidschaner seit Jahrhunderten leben, die kulturell und historisch von ihnen geprägt sind.
Besonders sensibel sind Städte wie Urmia oder Naqadeh – Brennpunkte eines schwelenden Wettbewerbs um demografische und symbolische Dominanz. Für kurdische Radikale ist Urmia ein politischer Preis, ein Schlüsselzentrum. Mahabad wiederum trägt enorme symbolische Bedeutung aufgrund der kurzlebigen Republik von 1946.
Andere Orte wie Oshnavieh, Piranshahr oder Sardasht gelten als strategischer Korridor Richtung Irak. Und selbst Städte wie Salmas oder Choy rücken zunehmend in den Fokus – nicht nur als gemischte Siedlungsräume, sondern als potenzielle Bausteine eines zusammenhängenden geopolitischen Projekts.
Damit wird deutlich: Hinter der scheinbar taktischen Frage eines kurdischen Einsatzes gegen Iran verbirgt sich ein viel tiefergehender Konflikt – einer, der weit über Teheran hinausreicht und das Potenzial hat, die gesamte ethnopolitische Ordnung im Nordwesten Irans neu zu erschüttern.
Logik der Territorialität: Warum der kurdische Faktor mehr ist als nur ein taktisches Instrument
Die eigentliche Gefahr liegt darin, dass PKK, PJAK und die mit ihnen verbundenen Netzwerke sich fast nie mit der Sprache „kultureller Rechte“ begnügen. Ihr politisches Vokabular ist eines der Territorialität. Am Anfang steht der Schutz der kurdischen Bevölkerung, darauf folgt die Selbstorganisation, dann die Selbstverwaltung, später die Bildung von Kantonen, Forderungen nach Autonomie, schließlich Föderalisierung – und am Ende steht nichts weniger als die Neuvermessung der Landkarte. Sobald solche Strukturen über externe militärische Ressourcen verfügen, setzen sie diese nicht nur gegen die Zentralmacht ein, sondern auch zur Festigung ihrer Präsenz vor Ort.
Genau deshalb birgt die Idee, den kurdischen Faktor gegen Iran einzusetzen, für die Aserbaidschaner in Südaserbaidschan erhebliche Risiken. Für PKK, PJAK und Teile der „Komala“-Fraktionen ist ein Krieg gegen Teheran nicht nur ein geopolitisches Instrument, sondern ein Zeitfenster zur Durchsetzung eigener territorialer Ambitionen. Wer in Washington glaubt, es handle sich um ein rein taktisches Bündnis gegen das Ajatollah-Regime, verkennt entweder das Wesen dieser Bewegungen – oder ignoriert bewusst ihre langfristigen Ziele.
Irak als Rückzugsraum: Die strategische Tiefe der kurdischen Kräfte
Über Jahrzehnte hinweg fanden zahlreiche bewaffnete Einheiten iranischer Kurden Zuflucht im benachbarten Irak. Diese Entwicklung setzte unmittelbar nach der Islamischen Revolution ein, als die neue Führung in Teheran regionalen Nationalismus als direkte Bedrohung der staatlichen Integrität einstufte.
Während des Iran-Irak-Krieges nutzte das Regime von Saddam Hussein diese Kräfte gezielt als Proxy und versorgte sie mit Waffen und Ausbildung. Nach dem Sturz Husseins durch die US-Invasion und der Etablierung der Autonomie Irakisch-Kurdistans blieben iranisch-kurdische Gruppen im Irak präsent. Im Gegenzug verpflichteten sie sich, sich aus innerirakischen Konflikten herauszuhalten und keinen großangelegten Krieg gegen Iran zu führen. Dennoch führten selbst begrenzte Grenzoperationen regelmäßig zu Spannungen mit Teheran.
Nach den Massenprotesten im Iran im Jahr 2022, bei denen über 500 Menschen ums Leben kamen, machte das Regime kurdische Gruppen im Irak mitverantwortlich für die Eskalation. Teheran stellte Bagdad ein klares Ultimatum: Sollte die Bedrohung nicht eingedämmt werden, werde man selbst handeln – auch unter Verletzung der irakischen Souveränität.
Die irakische Zentralregierung wich einer offenen Konfrontation aus und versprach, die Lage zu stabilisieren. Unter ihrem Druck verlegte die Führung Irakisch-Kurdistans die Stützpunkte iranisch-kurdischer Gruppen weiter von der Grenze weg und verschärfte die Kontrolle über Nachschub und Bewegungen. De facto bedeutete dies: Ohne Zustimmung Erbils ist eine Rückkehr größerer Verbände nach Iran kaum möglich.
Es liegt nahe, dass Trumps Kontakte zu kurdischen Führern im Irak vor allem darauf abzielten, einen Korridor für Grenzübertritte zu öffnen. Indirekte Signale deuten darauf hin, dass zumindest begrenzte Zugeständnisse gemacht wurden. Kommandeure iranisch-kurdischer Einheiten im Irak sprechen bereits offen über bevorstehende Angriffe auf Ziele in Iran. Auch Trump selbst hat öffentlich über die potenziellen Vorteile einer solchen Intervention spekuliert.
Doch selbst diese Kräfte garantieren keinen Erfolg. Daher könnte früher oder später die Frage aufkommen, auch irakische Kurden direkt in den Konflikt einzubeziehen. Es wäre naiv zu glauben, Washington habe seine Forderungen an Erbil lediglich darauf beschränkt, die Grenze zu öffnen.
Peschmerga zwischen Machtpolitik und innerer Zerrissenheit
Einige US-nahe Medien berichteten bereits voreilig, irakisch-kurdische Einheiten hätten die Grenze überschritten und seien in den Krieg eingetreten. Offizielle Stellen dementieren dies. Im Gegenteil: Bagdad verstärkt derzeit die Grenzsicherung, offenbar um unkontrollierte Bewegungen zu verhindern.
Denn Washington weiß genau, dass die Peschmerga eine völlig andere Größenordnung darstellen als die fragmentierten iranisch-kurdischen Gruppen. Mit mindestens 150.000 Kämpfern, viele davon kampferprobt im Krieg gegen den IS, sind sie ein militärischer Faktor ersten Ranges.
Doch auch die Peschmerga sind alles andere als eine geschlossene Armee. Zwei Machtzentren dominieren seit Jahren die politische Landschaft: das Lager Barzani mit der Demokratischen Partei Kurdistans und das Lager Talabani mit der Patriotischen Union Kurdistans. Ihre Rivalität führte in den 1990er-Jahren sogar in einen Bürgerkrieg.
Heute ist der offene Konflikt beigelegt, doch ein stabiles Gleichgewicht existiert nicht. Große Teile der Peschmerga sind jeweils einem der beiden Lager loyal. Hinzu kommt, dass die Patriotische Union historisch engere Beziehungen zu Iran pflegte – ein Faktor, der aktuelle Entscheidungen beeinflusst. Vertreter dieses Lagers haben bereits öffentlich vor einer Beteiligung an einem Krieg gegen Teheran gewarnt und darauf hingewiesen, dass ein Zusammenbruch des iranischen Systems keineswegs absehbar sei.
Auch strukturell ist die Peschmerga heterogen. In ihren Reihen kämpfen Jesiden, Christen – Assyrer und Armenier – sowie Yarsani. Innerhalb der kurdisch-muslimischen Mehrheitsstrukturen kommt es jedoch immer wieder zu Spannungen und Diskriminierung gegenüber diesen Minderheiten. Berichte über Desertionen sind keine Seltenheit. All das schwächt die Kohäsion dieser Truppen erheblich.
Die Kombination aus innerer Fragmentierung, klanpolitischer Loyalität, divergierenden strategischen Interessen und historischen Bindungen an Teheran macht eine geschlossene Beteiligung der irakischen Kurden an einem Krieg gegen Iran äußerst fraglich.
Das lange Gedächtnis: Kurdisches Misstrauen gegenüber den USA
Ein weiterer, oft unterschätzter Faktor ist das tief verwurzelte Misstrauen vieler Kurden gegenüber den Vereinigten Staaten. Deutlich artikuliert wurde dies jüngst von Schanaz Ibrahim Ahmed, der Ehefrau des irakischen Präsidenten, selbst kurdischer Herkunft. Am 5. März 2026 veröffentlichte ihr Büro eine Erklärung mit einer klaren Botschaft: Kurden dürften nicht als Söldner missbraucht werden.
Das Statement erinnerte an das Jahr 1991. Nach der irakischen Invasion Kuwaits riefen die USA die Bevölkerung zum Aufstand gegen Saddam Hussein auf. Viele Kurden folgten diesem Appell – und standen am Ende ohne die erwartete Unterstützung der Amerikaner der irakischen Armee gegenüber. Das Ergebnis: Zehntausende Tote, Hunderttausende Flüchtlinge.
Auch der Krieg gegen den IS wird in der Erklärung erwähnt – erneut verbunden mit dem Vorwurf, die Kurden seien letztlich im Stich gelassen worden. Jahrelang unterstützten die USA kurdische Kräfte in Syrien, doch nach dem Machtwechsel in Damaskus wandte sich Washington neuen politischen Realitäten zu. Die kurdischen Autonomieprojekte gerieten ins Hintertreffen, und als die neue syrische Führung militärisch vorging, blieb amerikanische Hilfe aus.
Die Konsequenz: In der kurdischen Öffentlichkeit leben alte Vorwürfe von Verrat und Instrumentalisierung erneut auf.
„Allzu oft erinnert man sich an die Kurden nur dann, wenn man ihre Opferbereitschaft braucht“, heißt es in der Erklärung. „Deshalb appelliere ich an alle Konfliktparteien: Lasst die Kurden in Ruhe. Wir sind keine Söldner.“
Formal richtete sich dieser Appell an alle Seiten. Doch Tonfall, historische Verweise und politischer Kontext ließen wenig Zweifel daran, wohin die eigentliche Botschaft zielte – nach Washington.
Monarchie gegen Republik: Bruchlinien im anti-iranischen Lager
Ein weiteres Hindernis für das amerikanische Kalkül liegt im tiefen Misstrauen, das Teile der iranischen Opposition den kurdischen Kräften entgegenbringen. Der Kronprinz Reza Pahlavi, der seine Ambitionen auf eine Rückkehr der 1979 gestürzten Monarchie offen zur Schau stellt, wirft den kurdischen Parteien Separatismus sowie eine opportunistische Zusammenarbeit sowohl mit dem Ajatollah-Regime als auch mit Saddam Husseins Irak vor. In seiner Rhetorik geht er bemerkenswert weit: Sollte er eines Tages als Oberbefehlshaber fungieren, werde er mit diesen „separatistischen Gruppen“ notfalls militärisch abrechnen.
Die Antwort aus der Koalition der politischen Kräfte Iranisch-Kurdistans ließ nicht lange auf sich warten – und fiel ebenso scharf aus. Man erinnerte daran, dass auch die Monarchie in Iran ein repressives System gewesen sei und die Pahlavi-Dynastie durch Verbrechen gegen das eigene Volk diskreditiert sei. Zudem äußerten kurdische Vertreter offen Zweifel daran, dass die iranische Gesellschaft bereit wäre, eine Rückkehr der Schah-Familie zu akzeptieren.
Damit sieht sich Washington einer weiteren, grundlegenden Unvereinbarkeit gegenüber: Auf der einen Seite kurdische Autonomiebestrebungen, auf der anderen monarchistische Restaurationsfantasien. Für jede kohärente Strategie ist das ein toxisches Gemisch – ein Bündnis, das im Falle eines hypothetischen Erfolgs kaum stabil bliebe, sondern sehr wahrscheinlich in interne Machtkämpfe zerfiele.
Der Schatten von „Rojhalat“: Eine unsichtbare Front
Vor diesem Hintergrund gewinnt ein anderer Aspekt zusätzliche Brisanz: Im Schatten großer geopolitischer Manöver könnte sich schleichend eine Neuordnung der ethnopolitischen Karte im Nordwesten Irans vollziehen. Für kurdische radikale Organisationen ist „Rojhalat“ kein symbolischer Begriff, keine kulturelle Metapher – sondern ein handfester territorialer Anspruch.
Für Südaserbaidschan bedeutet dieser Anspruch etwas völlig anderes: eine potenzielle Infragestellung jener Räume, in denen Aserbaidschaner seit Jahrhunderten leben und deren kulturelle, sprachliche und historische Prägung maßgeblich von ihnen bestimmt wird. Sollte die amerikanische Strategie den Sprung von der Theorie in die Praxis schaffen, könnten genau diese Städte und Regionen zu Schauplätzen eines neuen Konflikts werden – eines Konflikts um Zugehörigkeit, Sprache, Macht und kollektive Erinnerung.
Mehr als ein taktisches Spiel: Was wollen die kurdischen Akteure wirklich?
Die Debatte über den „kurdischen Faktor“ darf sich daher nicht in der simplen Frage erschöpfen, ob Kurden Donald Trump im Kampf gegen Teheran helfen könnten. Entscheidend ist eine andere Frage: Was erwarten kurdische radikale Strukturen im Gegenzug?
Die Antwort liegt auf der Hand. Es geht nicht nur um Waffen, Logistik oder Luftunterstützung. Es geht um politische Legitimation – und insbesondere um die Anerkennung territorialer Ansprüche. Im Zentrum stehen dabei jene umstrittenen Regionen im Nordwesten Irans, die für viele Aserbaidschaner integraler Bestandteil ihres historischen Raums sind.
Keine einfache Gleichung: Warum Washington kein fertiges Rezept hat
Zieht man alle Faktoren zusammen, ergibt sich ein ernüchternd klares Bild. Eine einheitliche kurdische Streitmacht, die in der Lage wäre, die Kräfte des Ajatollah-Regimes schnell und effektiv zu schlagen, existiert nicht – und hat nie existiert. Kurdische Gruppen misstrauen den USA. Viele von ihnen misstrauen auch der monarchistischen Opposition Irans. Und nicht wenige misstrauen einander.
Innerhalb dieses Spektrums gibt es Kräfte, für die die Islamische Republik der Hauptgegner ist – und andere, für die der Sturz des Regimes zweitrangig bleibt gegenüber dem eigenen Ziel eines unabhängigen oder zumindest autonomen Kurdistans, notfalls auf Kosten iranischen Territoriums.
Für das Weiße Haus bedeutet das: Es gibt keinen einfachen Hebel. Keine schnelle Lösung, keine strategische Abkürzung. Aus fragmentierten, ideologisch widersprüchlichen und territorial ambitionierten Akteuren lässt sich nicht per politischem Dekret eine schlagkräftige Einheit formen, die es mit der regulären iranischen Armee aufnehmen kann. Und schon gar nicht ohne gravierende Nebenwirkungen in jenen Regionen, in denen kurdische Ambitionen mit den Interessen anderer Völker kollidieren – allen voran mit denen der Aserbaidschaner in Südaserbaidschan.
Gefährliche Versuchung: Wenn Machtpolitik ohne Plan operiert
Doch das Fehlen eines klaren Konzepts bedeutet keineswegs, dass Washington von solchen Plänen Abstand nimmt. Im Gegenteil: Die Geschichte zeigt, dass Großmächte gerade dann am riskantesten agieren, wenn ihnen eine tragfähige Strategie fehlt – und sie beginnen, nach jedem verfügbaren Instrument zu greifen.
In diesem Sinne ist die „kurdische Karte“ für die USA weniger eine Lösung als vielmehr eine Multiplikation bestehender Risiken. Sollte sie tatsächlich ausgespielt werden, könnten die Folgen weit über den Krieg gegen das Ajatollah-Regime hinausreichen – und nicht nur die iranische Staatlichkeit erschüttern, sondern das gesamte fragile Gefüge von Macht, Identität und Territorialität im Raum Südaserbaidschan nachhaltig destabilisieren.